Grafiken: Analyse der Thüringen-Wahl – Wer wählte was?

Analyse der Landtagswahl Wem die AfD ihren Erfolg verdankt

Stand: 27.10.2019 21:43 Uhr

Die AfD ist bei jenen sehr stark, die sich als Verlierer fühlen. Die für CDU und Linke entscheidende Wählerwanderung zeigt sich bei den Bürgern über 60 Jahre. Eine Analyse auf Basis der Daten von infratest dimap.

Von David Rose, tagesschau.de, zzt. in Erfurt

Die AfD hat ihr Ergebnis in Thüringen mehr als verdoppelt. Sie gewann in allen Bevölkerungsgruppen deutlich hinzu, meist sogar zweistellig. Besonders stark ist ihr Rückhalt bei denjenigen, die mit der eigenen wirtschaftlichen Situation unzufrieden sind. 34 Prozent in dieser Gruppe wählten die AfD - ein Plus von 22 Punkten im Vergleich zur Wahl von 2014.

Überdurchschnittlich schneidet die Partei zugleich in jenen Wahlkreisen ab, in denen die Einwohnerzahl am stärksten sinkt und damit auch Rückschritte in der Versorgungslage am ehesten spürbar werden. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass jeder zweite AfD-Wähler angibt, die eigene Entscheidung aus Enttäuschung über andere Parteien so getroffen zu haben.

AfD bei Frauen nur auf Platz 3

Infratest dimap fragt die Wähler am Wahltag unter anderem nach ihrem Alter, ihrer Berufsgruppe und ihrem Schulabschluss. Die AfD war in sehr unterschiedlichen Milieus erfolgreich: Bei den Arbeitern kam sie auf 38 Prozent (22 Punkte mehr als 2014), bei Selbstständigen auf einen Stimmenanteil von 31 Prozent.

Auffällig ist, dass die AfD mehr als alle anderen Parteien in Thüringen bei Männern und Frauen unterschiedlich gut ankommt. Unter den männlichen Wähler wurde sie mit 29 Prozent stärkste Kraft noch vor der Linken. Dagegen entschieden sich nur 18 Prozent der Wählerinnen für die AfD. Bei den Frauen ist die Partei damit nur dritte Kraft - weit hinter Linkspartei und CDU.

Entscheidende Verschiebungen bei älteren Wählern

Die größte Wählergruppe in Thüringen sind die Menschen über 60 Jahre. Diese Gruppe ist hier noch größer als im Bundesdurchschnitt. Hier gab es auffällige Verschiebungen. Die AfD schnitt trotz zweistelliger Zugewinne vergleichsweise schwach ab.

Vor allem aber büßte hier die CDU bei ihrer traditionell besonders starken Unterstützergruppe zwölf Prozentpunkte ein und kam nur noch auf einen Stimmenanteil von 24 Prozent. Im Gegenzug wurde Die Linke in dieser Altersgruppe mit 38 Prozent stärkste Kraft und verbuchte hier auffällige Zugewinne - bei Frauen noch deutlicher als bei Männern.

Bei der CDU beschränken sich die massiven Verluste nicht auf die älteren Wähler. Bei den Beamten sackte ihr Stimmenanteil um 16 Punkte auf 32 Prozent ab. Bei Selbstständigen schrumpfte die Unterstützung sogar um mehr als die Hälfte. In Städte schnitt sie deutlich schlechter ab als in ländlichen Regionen.

Linke gewinnt bei Frauen hinzu

Die Linke dagegen punktet in den Städten noch etwas stärker als auf dem Land. Die Zugewinne im Vergleich zur Wahl 2014 verdankt sie in erster Linie den Frauen: Bei den Wählerinnen steigerte sie ihren Stimmenanteil um fünf Punkte. Gegen den allgemeinen Trend verlor die Partei bei den Männern zwischen 35 und 59 Jahren sogar an Unterstützung.

Ein zentraler Grund für das Ergebnis wird bei der Suche nach den Motiven der Wähler der Linken deutlich: 37 Prozent geben an, sich in erster Linie wegen des Spitzenkandidaten Bodo Ramelow für die Partei entschieden zu haben. Zwar war damit auch diesmal das Parteiprogramm mit 50 Prozent das wichtigste Argument für die Wähler der Linkspartei. Dennoch wird deutlich, dass Ramelow mehr Zugkraft entwickelte als alle anderen Spitzenkandidaten in Thüringen. Von seinen Konkurrenten war keiner auch nur annähernd so wichtig für die Wahlentscheidung der eigenen Anhänger.

SPD verliert fast überall an Zustimmung

So war etwa der landesweit ebenfalls populäre SPD-Spitzenkandidat Wolfgang Tiefensee nur für 23 Prozent der sozialdemokratischen Wähler das Hauptargument bei der Vergabe des Kreuzes auf dem Stimmzettel. In fast allen Bevölkerungsgruppen schrumpfte der Rückhalt für die SPD. Gerade noch zweistellige Werte erreichte sie nur noch bei den Wählern über 60 Jahre, bei Beamten und bei Bürgern mit hoher Bildung. Die stärksten Verluste verzeichnete sie bei Wählern mit niedriger Bildung.

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Wer wählte was?

Bild: Wahlverhalten nach Geschlecht

Die Grünen schafften nur bei Wählern unter 25 Jahren einen zweistelligen Stimmenanteil und einen deutlichen Zugewinn. Dafür verantwortlich waren vor allem junge Wählerinnen und die Unterstützer der Partei in den Städten. Auffällig ist, dass 77 Prozent der Grünen-Anhänger ihre Entscheidung mit der Überzeugung für die Positionen der Partei begründeten. Das ist der höchste Wert unter den Thüringer Parteien und bedeutet auch einen starken Anstieg im Vergleich zur Wahl 2014.

FDP punktet Selbstständigen und jungen Wählern

Die FDP konnte ihr Ergebnis in allen Bevölkerungsgruppen steigern. Die größten Zugewinne und zugleich den größten Rückhalt erreichte sie bei Selbstständigen, bei Beamten und bei Wählern unter 25 Jahren. Überdurchschnittlich schnitten die Liberalen zudem bei den Bürger mit hohem Bildungsgrad ab. Auffällig ist, dass der Protestfaktor bei den Unterstützern der FDP an Bedeutung gewonnen hat. Fast die Hälfte der liberalen Wähler gaben als Grund für ihre Entscheidung die Enttäuschung über andere Parteien an.

Über dieses Thema berichtete die Wahlsondersendung im Ersten am 27. Oktober 2019 um 17:30 Uhr.

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