Mann wirft Stimmzettel in eine Wahlurne | Bildquelle: picture alliance / dpa

Analyse zu den Landtagswahlen Wer wählte was - oder eben nicht?

Stand: 14.09.2014 23:30 Uhr

Die AfD triumphiert in Thüringen und Brandenburg. Sie sammelt vor allem Wähler ein, die über andere Parteien enttäuscht sind. Sehr viele Enttäuschte zogen aber eine andere Konsequenz: Sie blieben zu Hause - und zwar in so großer Zahl wie noch nie.

Von Fabian Grabowsky, tagesschau.de

Es gibt einen eindeutigen Verlierer dieses Wahlabends: die Wahlbeteiligung. In Thüringen liegt sie bei rund 53 Prozent, in Brandenburg sogar nur bei rund 48 Prozent. In beiden Ländern ist das die bislang schlechteste Beteiligung bei einer Landtagswahl. Umgerechnet auf die Wahlberechtigten sind die Nichtwähler jeweils die mit Abstand stärkste Gruppe: rund 52 Prozent in Brandenburg und rund 47 Prozent in Thüringen.

In beiden Ländern sagen gewaltige Mehrheiten der Nichtwähler, Politiker verfolgten nur ihre eigenen Interessen und es gebe zwar viele Parteien - aber keine verändere etwas.

AfD von null auf zweistellig

Es gibt aber auch einen eindeutigen Gewinner dieses Wahlabends: die Alternative in Deutschland (AfD). In Thüringen und Brandenburg erreichte sie jeweils aus dem Stand zweistellige Stimmanteile: rund zwölf Prozent in Brandenburg und klar über zehn Prozent in Thüringen. Sie gewann jeweils von allen anderen Parteien und mobilisierte auch Tausende Nichtwähler.

AfD Jubel Menschen
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Die AfD-Wähler sind vom Abschneiden der Partei begeistert- und enttäuscht von den anderen Parteien.

Die Ergebnisse sind sogar noch besser als das in Sachsen vor zwei Wochen, als die AfD ebenfalls bei ihrem ersten Landtagswahl-Auftritt aufsehenerregende 9,7 Prozent erhielt. Der Wahlkalender kam ihr übrigens zugute: In diesen drei Ländern war sie schon bei der Bundestagswahl mit jeweils sechs oder mehr Prozent auf ihre besten Werte gekommen.

Die Thüringer und Brandenburger AfD-Wähler haben vor allem eines gemeinsam: Sie wählten die Partei unter anderem wegen ihrer Enttäuschung über andere Parteien. In Thüringen sagten dies 58 Prozent der AfD-Wähler und in Brandenburg sogar 63 Prozent von ihnen. Sie unterscheiden sich damit klar von den Wählern der anderen großen Parteien: Diese gaben mit jeweils großen Mehrheiten an, ihre Partei aus Überzeugung gewählt zu haben - und eben nicht aus Enttäuschung über andere. Sachfragen waren anders als Personal oder Parteibindung für die meisten Wähler in beiden Ländern der wichtigste Entscheidungsfaktor. Für AfD-Wähler waren sie aber noch viel wichtiger - mit mehr als 80 Prozent gegenüber rund 56 Prozent. Das AfD-Personal war hingegen für die Wähler der Partei so gut wie irrelevant.

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Auch die AfD-Wählerstruktur weist einige signifikante Merkmale auf. In beiden Ländern kam sie bei den Wählern unter 60 Jahren überdurchschnittlich gut an - bei den Über-60-Jährigen kommt sie in Brandenburg aber nur auf neun Prozent und in Thüringen auf sieben Prozent. In beiden Ländern kam sie zudem bei Männern deutlich besser an als bei Frauen. In Brandenburg war das Verhältnis 15 zu zehn Prozent und in Thüringen zwölf zu acht Prozent. Unter den Arbeitern und Wählern mit mittleren Bildungsabschlüssen war die AfD am stärksten, bei den Rentnern - wie angesichts der Altersstruktur nicht anders zu erwarten - am schwächsten.

CDU gewinnt hinzu - auch dank Merkel

Auch die CDU gewann in beiden Ländern hinzu - aber mit sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen: In Thüringen als seit der Wende regierende Partei, in Brandenburg als traditionelle Oppositionspartei. Dort verdrängte sie erstmals seit der Wahl im Jahr 1999 die Linkspartei von Platz zwei. In beiden Ländern erreichte sie ihre besten Werte bei Beamten und Selbständigen. Vergleichsweise schlecht kam sie bei den Unter-35-Jährigen an.

Bemerkenswert ist bei der CDU außerdem der Einfluss der Popularität von Kanzlerin Angela Merkel: Satte 42 Prozent der brandenburgischen CDU-Wähler und 41 Prozent derjenigen in Thüringen sagten beispielsweise, ohne Merkel würden sie die CDU nicht wählen. Und 74 beziehungsweise 85 Prozent sagten: "Ich wähle CDU, weil ich die Politik der Partei in Berlin unterstützen möchte."

Ältere Wähler vertrauen der SPD

Für die SPD gab es hingegen zwei sehr unterschiedliche Ergebnisse: In Brandenburg verteidigte sie weitgehend ihr Ergebnis von 2009 und blieb wie bei jeder Wahl seit 1990 stärkste Kraft. Mit Dietmar Woidke hat sie einen auch im bundesweiten Vergleich sehr populären Ministerpräsident, mit massivem Vorsprung gegenüber seinem Konkurrenten Michael Schierack von der CDU - obwohl er erst seit einem Jahr im Amt ist. Bei der Direktwahl-Frage lag er beispielsweise mit 66:16 vorn. Das führte dazu, dass 33 Prozent der SPD-Wähler angaben, die Partei wegen Woidke gewählt zu haben. Klarer Spitzenwert in Brandenburg. Zum Vergleich: Insgesamt entschieden sich im Schnitt nur 20 Prozent der Wähler für eine Partei.

In Brandenburg und in Thüringen schnitten die Sozialdemokraten interessanterweise vor allem bei Über-60-Jährigen besonders gut ab - sonst eine Domäne der Union. Vergleichsweise schwach war sie hingegen bei Erstwählern. Gruppiert man die Wähler nach Bildungsabschlüssen, schließen die Sozialdemokraten bei denen mit niedrigen Bildungsabschlüssen am besten ab (TH: 49 Prozent / BB: 18 Prozent). Vergleichsweise schwach waren sie bei hingegen bei Selbständigen.

Linkspartei mit Licht und Schatten

Was für die SPD gilt, das gilt auch für die Linkspartei: Licht und Schatten. In Thüringen erreichte sie das bislang beste Ergebnis, und schon das 2009er war das beste bei einer Landtagswahl gewesen. In Brandenburg das Gegenteil: starke Verluste und nur noch dritte Kraft hinter der CDU. In beiden Ländern war sie bei den Über-60-jährigen Wählern am stärksten - und bei Wählern mit hohen Bildungsabschlüssen. In beiden Ländern punktete sie auch besonders bei Arbeitslosen und Wählern, die mit ihrer wirtschaftlichen Lage unzufrieden sind - und in Thüringen auch bei Rentnern. Bei jüngeren Wählern und Selbständigen gab es für sie hingegen vergleichsweise wenig zu holen.

Die Grünen bleiben in beiden Parlamenten. Sie kamen in beiden Ländern bei jüngeren Wählern, Frauen, Angestellten, Selbständigen und Wählern mit hohen Bildungsabschlüssen besonders gut an. Schlecht schneiden sie dagegen bei älteren Wählern und solche mit niedrigen Abschlüssen ab.

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