Urlauber am Strand von Heringsdorf auf Usedom

Mecklenburg-Vorpommern Unzufrieden trotz Tourismus-Boom

Stand: 08.11.2019 05:05 Uhr

30 Jahre nach der Wende ist Mecklenburg-Vorpommern ein Tourismusmagnet - vor allem wegen der Inseln Rügen und Usedom. Doch abseits dieser Zentren sind die Einkommen gering und die Frustration groß. 

Von Jette Studier, NDR

"Ostsee grüßt Alpen" - mit diesem Spruch konnte der CDU-Wirtschaftsminister in Mecklenburg-Vorpommern Harry Glawe Anfang des Jahres offenbar bestens gelaunt eine neue Tourismus-Umfrage kommentieren. Das Ergebnis: Der Nordosten war 2018 das beliebteste Reiseziel innerhalb Deutschlands - vor Bayern. Die Branche jagt zuverlässig von einem Rekord zum nächsten. Im vergangenen Jahr verbuchten die Touristiker rund 31 Millionen Übernachtungen - so viele wie nie zuvor. Die Entwicklung der Branche seit der Wende sehen viele als Erfolgsgeschichte.

Abzusehen war das allerdings Anfang der 1990er-Jahre nicht. Die Übernachtungszahlen brachen damals ein: Ostdeutsche Stammgäste mussten sich den Urlaub nach dem plötzlichen Verlust ihrer Arbeitsplätze sparen oder besuchten Reiseziele, die sie bis dahin nicht sehen durften. Die erhoffte Neugier der Westdeutschen auf den Osten blieb zunächst gedämpft. Viele hätten den Zustand der Straßen, fehlende Telefone und die Architektur in den ersten Jahren auch belächelt, erzählt der langjährige Branchen-Verbandschef. Erst ab 1995, das zeigt die Statistik, setzte der Boom ein.

Vom Kaufmannsladen zum Hotel

Michael Hermerschmidt | Bildquelle: Jette Studier
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Michael Hermerschmidt führt seit zehn Jahren sein Hotel.

In Vorpommern, dem östlichen Landesteil, haben besonders die Inseln Usedom und Rügen seitdem als Besucher-Magneten profitiert. Neben den großen Kettenhotels, die im Sozialismus teils als Ferienheime des Freie Deutsche Gewerkschaftsbunds (FDGB) dienten und heute von internationalen Großkonzernen betrieben werden, konnten sich auch einige kleinere Häuser durchsetzen. Eines von ihnen liegt im Stadtzentrum von Bergen auf Rügen. Das kleine Boutique-Hotel mit 21 Zimmern ist seit mehr als 100 Jahren in Familienhand. Seit fast zehn Jahren führt Michael Hermerschmidt die Geschäfte.

Sein Großvater hatte das Haus als Kaufmannsladen in privater Hand durch die DDR-Zeit gebracht. Nach 1990 wurde die Discounter-Konkurrenz aber auch auf Rügen immer stärker. Die Familie sattelte um, führt bis heute neben Hotel und Restaurant noch ein Modegeschäft. Wie viele in den begehrten Touristenorten hatten auch die Hermerschmidts in den Jahren nach der Wiedervereinigung Anfragen, ob sie verkaufen würden: "Das stand für uns nie zur Diskussion. Dazu sind wir hier zu verwurzelt", sagt der Inhaber.

Gegen den Massentourismus

Hermerschmidt beschäftigt heute 16 Angestellte. Das neue Unternehmertum, das nach der Wende auf Rügen ausbrach, sieht er einerseits positiv. Viele hätten schnell investiert und seien bei der hohen Nachfrage weiter gewachsen. "Aber irgendwann wurde wahrscheinlich der Punkt verpasst, an dem man sagt: 'Es ist jetzt genug'". Hermerschmidt glaubt, dass Rügen nicht "in der Masse abdriften" dürfe. Sein eigenes Haus soll bewusst in Familienhand und klein bleiben: "Die Gäste möchten nicht nur eine Zimmernummer sein", sagt er.

Die deutsche Teilung ist für ihn Geschichte - auch im Tourismus. Er selbst habe sich nie als Ostdeutscher gefühlt, "eher als Rüganer". Und auch die Gäste des "Kaufmannshof" entsprechen den Klischees nicht: Ein Teil käme natürlich aus Sachsen und Thüringen, aber auch Hamburger, Schweizer oder Besucher aus Skandinavien verbringen hier ihre Ferien.

Hotel Kaufmannshof | Bildquelle: Jette Studier
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Die Gäste im Hotel Kaufmannshof sind gemischt, kommen aus Skandinavien, der Schweiz oder Thüringen.

Bürgermeister: "Es wurden Fehler gemacht"

Trotz des Tourismus-Booms zählt die Region Vorpommern heute zu den ärmsten Deutschlands. Der Anteil der Menschen, die Sozialleistungen beziehen, ist hoch, die Löhne niedrig. Eine Kaufkraftstatistik führt den Kreis Vorpommern-Greifswald als Schlusslicht auf. "Der Vorteil ist: Man kann nicht mehr überholt werden. Dafür hat man eine Riesenchance nach oben", kommentiert Stefan Weigler diesen letzten Platz. Der 40-Jährige ist Bürgermeister in Wolgast. Die 12.000-Einwohner-Stadt gilt als Tor zu Usedom. Viele Urlauber, die ihre Ferien auf der Insel verbringen wollen, müssen hier über die blaue Peenebrücke, um das Ziel zu erreichen.

Der parteilose Bürgermeister Weigler gehört zur Generation derjenigen, die Vorpommern nach der Wende so schnell wie möglich hinter sich lassen wollten oder mussten. Aus seiner Abschlussklasse im Jahr 1996 sei er der einzige gewesen, der blieb. Weigler wollte damals eigentlich zur Landespolizei. Doch ein fehlender Wirbel durchkreuzte seinen Plan, verbeamtet zu werden. Er lernte in der Gastronomie, machte sich selbstständig und wurde mit 29 zum Bürgermeister gewählt. Das "Jammerlied anstimmen" wolle er nicht. Wenn Weigler über Wolgast spricht, hört man oft Worte wie "anpacken", "Chancen" oder "optimistisch".

Behörden und Institutionen schließen

Er sagt aber auch: "Es wurden Fehler gemacht". Bei den Strukturreformen der vergangenen Jahrzehnte habe die Stadt immer wieder verloren: das Finanzamt und das Amtsgericht zum Beispiel. Der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, fiel 2016: Am Kreiskrankenhaus wurden die Geburts- und Kinderstation geschlossen. Eine Bürgerinitiative rief zum Protest auf, trug das Gefühl, abgehängt zu sein in Vorpommern auf die Straße.

Stefan Weigler | Bildquelle: Stefan Weigler
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Stefan Weigler sagt, es wurden auch Fehler gemacht.

Die Entscheidung, eine moderne Station zu schließen und 20 Kilometer südlich wieder aufzubauen, hätten viele nicht verstanden, sagt der Bürgermeister. "Das war Wasser auf die Mühlen derer, die alles verteufeln wollen". Er meint die AfD, die bei der letzten Kommunalwahl mit mehr als 19 Prozent stärkste Kraft in Wolgast wurde.

Auch eine bundespolitische Entscheidung trifft die Stadt hart: Als vor einem Jahr der Journalist Jamal Kashoggi ermordet wird, stoppt Berlin den Export aller Rüstungsgüter nach Saudi-Arabien. Auch die Polizeiboote der Peene-Werft dürfen nicht ausgeliefert werden. Bis heute warten die Schiffsbauer auf eine endgültige Entscheidung, was mit den Booten passieren soll. "Dass der eine oder andere da gegenüber den Regierungsparteien Frust schiebt, ist auch ein Stück weit nachvollziehbar", findet der Bürgermeister.

Mit Optimismus gegen das "Jammern"

Weigler ist Mitglied im Präsidium des Deutschen Städtetags. Er sei herumgekommen und habe in den alten Bundesländern Orte mit deutlich schlechterer Infrastruktur gesehen. Viele Vorpommern sollten öfter "über den Tellerrand schauen", meint er und zählt die Argumente auf, die ihn optimistisch stimmen: In allen Branchen würden Fachkräfte gesucht, für junge Menschen seien die Chancen zu bleiben nie so gut gewesen. Mit einer besseren digitalen Infrastruktur könnten auch Menschen aus Hamburg und Berlin in Vorpommern arbeiten - mit dem Laptop am Strand, so stelle er sich das vor. Die Kita-Plätze seien da, die Schulen modern. Vermietet würde im Schnitt für etwas mehr als fünf Euro pro Quadratmeter.

Illusionen macht sich Weigler für die vorpommersche Wirtschaft jedoch nicht: "Wir werden hier kein Airbus-Werk oder BMW hinbekommen. Dafür ist die Lage nicht ideal", aber in den Qualitätstourismus etwa müsse investiert werden. Seine Hoffnung: Klasse statt Masse und somit höhere Löhne. "Wir müssen einfach aufhören zu jammern und für diese Region werben", sagt Weigler.

Über dieses Thema berichtete das Nordmagazin am 05. November 2019 um 19:30 Uhr.

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Jette Studier, NDR

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