Einheimische bergen ihr Hab und Gut aus ihren zerstörten Häusern in Camp-Perrin (Haiti). | AP

Weltrisikobericht vorgestellt Forscher fordern weltweit bessere Absicherung

Stand: 15.09.2021 14:48 Uhr

Deutschland kann extreme Naturereignisse noch gut abfedern. Andere Staaten sind deutlich verwundbarer, bilanziert der Weltrisikobericht. Die Autoren schlagen vor, einen globalen Fonds für soziale Sicherung aufzubauen.

Von Kai Clement, ARD-Hauptstadtstudio

Wo eben noch ein Ort war, vermischen sich nun Trümmer mit Schlammmassen. Auch Deutschland hat im Sommer mit den Überschwemmungen im Ahrtal die Zerstörungsgewalt eines Extremwetterereignisses erlebt. Hierzulande mildern Sozialsysteme und staatliche Soforthilfen aber zumindest die finanziellen Folgen ab.

Kai Clement ARD-Hauptstadtstudio

"Grundsätzlich können wir sagen, dass in Deutschland die soziale Sicherung sehr gut ist", sagt Peter Mucke. Er ist Geschäftsführer der Organisation "Bündnis Entwicklung Hilft", das zusammen mit dem Friedensinstitut der Ruhr-Universität Bochum den jüngste Weltrisikobericht erstellt hat.

"Im Bereich der Versicherungen muss zum Teil nachgebessert werden", sagt Mucke. Es müsse dringend danach geschaut werden, was die Ursachen der Wetterextreme sind. "Wir setzen uns in Deutschland nicht stark genug mit dem Klimawandel auseinander."

"Nur jeder fünfte Arbeitslose erhält Hilfen"

Mucke hat eine Forderung im Bundestagswahlkampf: "Die zukünftige deutsche Regierung muss soziale Sicherung verstärkt in den Blick nehmen und eine internationale Vorreiterrolle übernehmen, wenn sie in Zeiten von Pandemien und zunehmenden Wetterextremen ernst genommen werden will."

Schließlich habe bisher nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung Zugang zu Sozialsystemen. Nur knapp jeder fünfte Arbeitslose weltweit erhält demnach Hilfen. Nur ein gutes Viertel aller Familien mit Kindern bezieht Familienleistungen. Aber immerhin 78 Prozent der Menschen im Rentenalter bekommen eine Altersversorgung. Gerade Corona habe die "enorme Bedeutung" von solchen Absicherungen gezeigt, schreiben die Autoren des Weltrisikoberichts.

Inselstaaten im Pazifik bedroht

Wirbelstürme, Dürren, Überschwemmungen: Die Politik müsse mit mehr Klimaschutz die Ursachen von Wetterextremen angehen. Das fordert auch Katrin Radtke vom "Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht" an der Ruhr-Uni Bochum. Es sei nötig, Klimaschutz wirklich in allen gesellschaftlichen Bereichen zu verankern. "Wir müssen viel mehr Schwerpunkte in diesem Bereich setzen und wirklich ernst machen."

Im jetzt vorgelegten neuen  Weltrisikoindex liegen die vom steigenden Meeresspiegel bedrohten südpazifischen Inselstaaten Vanuatu, Salomonen und Tonga an der Spitze. Von den 181 untersuchten Ländern liegt Deutschland mit einem sehr geringen Risiko auf Platz 161.

Deutschland setzt 30 Milliarden Euro für die Fluthilfe ein. Mit etwa der Hälfte, so Mucke, könnte man in zehn besonders betroffenen Ländern die soziale Sicherung deutlich stärken. "Wo wir hinkommen müssen, ist, dass wir viel stärker in den Vorsorgebereich investieren."

Reiche Staaten als Zahler?

Staaten wie die Niederlande oder Japan, die Extremwettern in hohem Maße ausgesetzt sind, könnten durch ihre Sozialsysteme und ihre Investitionen in Bildung oder Klimaschutz ihr Risiko drastisch senken. Andere Länder - wie Simbabwe, Afghanistan oder Haiti - seien dagegen besonders verwundbar.

Ein Vorschlag der Forscher ist es deshalb, einen globalen Fonds für soziale Sicherung aufzubauen. In den sollten die reicheren Länder einzahlen, schlägt Mucke vor. Sie sollten dann die Hälfte der Kosten in den am stärksten betroffenen Ländern übernehmen. Daraus könnte man erstens ein Basisschutz für Staaten zahlen, die das alleine nicht stemmen können. Und zweitens in Krisen kurzfristig helfen.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 15. September 2021 um 13:05 Uhr.

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Moderation 15.09.2021 • 20:30 Uhr

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