Schulkinder stehen vor einer Berliner Schule. | dpa

Weltkindertag Wenn nichts mehr sicher ist

Stand: 20.09.2022 15:17 Uhr

Der dritte Pandemie-Herbst, Krieg in Europa und die Klimakrise: Für Kinder und Jugendliche ist vieles nicht mehr so, wie es mal war. Besonders hart trifft es Kinder aus ärmeren Familien.

Von Stephan Lenhardt, SWR Mainz

"Egal ob Luftfilter, kostenlose FFP2-Masken oder Corona-Tests: Die Schule ist immer ein Ort gewesen, wo wir gesagt haben: 'Komm, da können wir diese Sachen doch zurückstellen.'" Colin Haubrich vertritt 400.000 Schülerinnen und Schüler aus ganz Rheinland-Pfalz - von der Realschule über die Berufsschule bis hin zum Gymnasium. "Bei allem waren wir nie Prio eins und wir sind es bis heute nicht", sagt der Schülervertreter aus Betzdorf. Haubrich ist Teil jener Generation, die den aus seiner Sicht mahnenden Stempel "Generation Corona" trägt.

Stephan Lenhardt

Die Unsicherheit ist groß

"Die Bedrohung durch einen Krieg in Europa drückt als eine weitere schwere emotionale Last auf ihre Stimmung", sagt Sozialforscher Klaus Hurrelmann, Autor der Studie "Jugend in Deutschland". Demnach ist für 68 Prozent der Jugendlichen dieser Krieg zurzeit die größte Sorge. "Viele machen sich große Sorgen um ihre berufliche, finanzielle und wirtschaftliche Zukunft", sagt Hurrelmann.

Genauso ergeht es Schülersprecher Haubrich: Er wird in wenigen Monaten selbst in die Abitur-Prüfungen gehen. "Wenn ich überlege, ob ich vielleicht studieren will, ist die Frage, inwiefern das alles noch gehen wird? Oder ob man sich in einem Jahr schon ganz anderen Fragen stellen muss." Das bis vor Corona gekannte Gefühl der Sicherheit weicht einer Art Kontrollverlust.

Auf Platz zwei der Sorgen der Jugendlichen landen in der Studie der Klimawandel und die Inflation. "Das Problem ist, dass man von einer Krise in die nächste rast, ohne wirklich aufatmen zu können", so Haubrich. Für die Studie werden halbjährlich etwa 1000 junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren befragt. Die Folgen dieser Unsicherheit sind ebenfalls in der Studie belegt: Bei vielen ist die psychische Belastung gestiegen, fast die Hälfte fühlt sich unter Stress, mehr als jeder Dritte spricht von Antriebslosigkeit.

Reizbarkeit und Antriebslosigkeit

Eine AOK-Studie hat im Frühjahr 3000 Mütter von Kindern zwischen drei und 12 Jahren befragt: 16 Prozent sehen Einbußen bei der körperlichen und 35 Prozent bei der seelischen Gesundheit ihrer Kinder. Sie schildern vor allem Symptome wie Reizbarkeit und Aggressivität, aber auch Antriebslosigkeit und Ängstlichkeit.

Dies betrifft vor allem Alleinerziehende und Mütter mit einfacher Bildung und geringem Einkommen. "Wie ein roter Faden zieht sich durch fast alle Ergebnisse unserer Untersuchung, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien deutlich stärker durch die Pandemie belastet waren", sagt Studienleiter Klaus Zok. 

"Kinder mit Problemen haben jetzt größere"

Das macht sich auch bei der evangelisch-katholischen Telefonseesorge der Pfalz bemerkbar. Nach eigenen Angaben geht es inzwischen in 40 Prozent der Beratungschats mit Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren um das Thema Suizid. 70 Prozent der Jugendlichen, die dort Rat suchten, seien Mädchen. "Wenn auf dem Rhein ein großes Schiff durchfährt, gibt es auch erst danach den Sog und die Wellen", zieht Peter Annweiler aus dem Leitungsteam im SWR-Interview den Vergleich.

Günther Stratmann ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Klingenmünster. Er sagt: "Wir sehen in der Pandemie mehr krisenhafte Zuspitzungen und kränkere Patienten." 2018 seien behandelte Fälle noch 50 Prozent Notaufnahmen gewesen - beispielsweise wegen Eigen- oder Fremdgefährdung -, dieses Jahr dagegen 70 Prozent. "Es haben nicht alle gelitten. Die Kinder und Jugendlichen mit besseren Voraussetzungen hatten keine Probleme. Die mit Problemen haben jetzt größere." Doch dass dieser Mangel behoben wird, dafür wird aus seiner Sicht derzeit zu wenig getan.

Angebote für offene Jugendarbeit boomen

Karl-Steffen Winkler ist "Street Jumper". Mit einem bunten Wohnmobil besucht er seit vielen Jahren regelmäßig Kinder in benachteiligten Wohngebieten in Mainz. Die Nachfrage nach der offenen Kinder- und Jugendarbeit sei nach der Corona-Pause so hoch wie noch nie. "Das liegt sicher auch daran, dass wir eine Art Ausgleich für den Alltag sind." Hinter den "Street Jumpern" steht der Verein "Armut und Gesundheit". Rund um das Wohnmobil gibt es einen gesunden Imbiss, Getränke und Sport- und Spielmöglichkeiten - für Kinder als auch Eltern. "Für die Kinder geht es ums Spielen; in den Gesprächen mit den Eltern um weniger Geld im Portemonnaie", berichtet Winkler.

"Wir haben diese ganze Zeit nie wirklich nachbereitet", blickt Schülersprecher Haubrich zurück. "Was können wir jetzt mal aktiv dagegen tun, dass zum Beispiel die mentale Gesundheit besser wird? Dass der Leistungs- und Notendruck in den Schulen nicht mehr so hoch ist?" Fragen, auf die es aus seiner Sicht derzeit keine Antworten gibt. Und Fragen, die in den Krisen immer drängender werden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. September 2022 um 11:11 Uhr.