Schüler einer siebenten Klasse melden sich während des Deutschunterrichts in einem Gymnasium. | picture alliance/dpa

Vor Corona-Gipfel Streitfall Wechselunterricht

Stand: 24.11.2020 05:17 Uhr

Der Wechselunterricht könnte ein Modell für Schulen in der Corona-Pandemie sein. Bund und Länder diskutieren darüber - doch selbst Pädagogen sind sich nicht immer einig.

Von Johanna Wahl, SWR

In den Klassenräumen des Werner-Heisenberg-Gymnasiums im pfälzischen Bad Dürkheim stehen ausschließlich Einzeltische. Aber es fehlt an Platz, die Tische auseinanderzuziehen. Und so sitzen die Schülerinnen und Schüler dort - so wie fast überall in Deutschland - stundenlang eng nebeneinander, wenn auch mit Maske. Anderthalb Meter Mindestabstand: Das geht nicht bei Klassengrößen von bis zu 30 Kindern.

Johanna Wahl

Cornelia Schwartz unterrichtet Mathematik und Englisch am Gymnasium in Bad Dürkheim, außerdem ist sie Vorsitzende des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz, der die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt. Wegen der nach wie vor hohen Infektionszahlen in Deutschland fordert sie endlich ins sogenannte Szenario 2 zu wechseln. Dann würden Klassen halbiert, die Gruppen hätten abwechselnd Präsenzunterricht und Lernphasen zu Hause.

Sie sorge sich aber nicht in erster Linie um die Gesundheit von Kollegen, sagt die Lehrerin. Ihre Angst: "Schulkinder können das Virus in die Familien tragen."

Lehrerin Frau Schwartz | SWR

Lehrerin Cornelia Schwartz, auch Vorsitzende des Philologenverbandes in Rheinland-Pfalz, plädiert für Wechselunterricht. Bild: SWR

Für Präsenzunterricht

Anders als Schwartz befürwortet der Schulleiter des Werner-Heisenberg-Gymnasiums, am reinen Präsenzunterricht festzuhalten. Armin Rebholz argumentiert mit den niedrigen Infektionszahlen an seiner Schule. Aktuell sei lediglich eine der 90 Lehrkräfte mit Corona infiziert. Unter den 1050 Schülern sei derzeit keine Infektion bekannt. Überhaupt habe es davor erst einen Corona-Fall an dem Gymnasium gegeben.

Aus pädagogischer Sicht sei Regelunterricht die bessere Alternative: "Kein Arbeitspapier, kein Erklärvideo ersetzt echten Unterricht", betont der Schulleiter. In der Schule gehe es ja nicht nur um Faktenvermittlung, sondern auch um gemeinsames Erarbeiten und den direkten Austausch. Zu Hause verliere man einen Teil der Schüler, das habe sich im Frühjahr gezeigt. Mathematiklehrerin Schwartz geht hingegen davon aus, dass die Infektionszahlen am Gymnasium in Bad Dürkheim in Wahrheit höher sind. Das sei eine simple Wahrscheinlichkeitsrechnung. Nicht jeder Corona-Positive habe Symptome und werde getestet.

Schulleiter Armin Rebholz  | SWR

Schulleiter Armin Rebholz will am reinen Präsenzunterricht festhalten. Bild: SWR

Aus pädagogischer Perspektive sinnvoll?

Das Wechselunterricht-Modell hält die Vorsitzende des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz übrigens auch aus pädagogischer Perspektive für sinnvoll. Denn dadurch könne vermutlich einer späteren kompletten Schließung von Schulen vorgebeugt werden. Würde die nötig, wäre das der viel härtere Schlag, argumentiert Schwartz. Damit Schüler während des Wechselunterrichts zu Hause eben nicht abgehängt werden, sieht sie Lehrkräfte in einer besonderen Pflicht.

Da in der Präsenzphase die Gruppen kleiner sind, könnten Pädagogen dort dann stärker auf den einzelnen Schüler eingehen. Armin Rebholz gibt zu bedenken: "Wenn Kinder zu Hause sind, sehe ich kein Stirnrunzeln."

Die Nöte der Eltern

Wie sollten Lehrer aus der Ferne bemerken, ob ein Kind den Stoff verstanden hat oder nicht? Der Direktor des Bad Dürkheimer Gymnasiums hat zudem die Nöte der Eltern im Blick. Für viele bedeuteten die geschlossenen Schulen im Frühjahr eine große Belastung. Wechselunterricht sei aber eben kein Homeschooling, betont Schwartz.

Eltern sollten nicht Nachhilfe geben müssen. Vielmehr sei die Lehrerschaft gefragt, Schüler in der Präsenzphase gezielt auf die Aufgaben für zu Hause vorzubereiten. Für Fünft- und Sechstklässler, die nicht ohne Aufsicht zu Hause lernen könnten, müsste es eine Notbetreuung geben. Käme das Wechselmodell, wäre das eine klare Mehrbelastung für das Kollegium - das steht für Schulleiter Rebholz fest. Und eine zusätzliche Notbetreuung sieht er mit dem Personaltableau seiner Schule für nicht umsetzbar.

Klare Erwartungen

Darin sind er und Schwartz sich einig. Sie fordert für die Notbetreuung eine Entlastung an den Schulen, notfalls durch fachfremdes Betreuungspersonal. Im Wechselunterricht sieht Schwartz zwar eine Herausforderung für sich und ihre Kollegen, aber die hält sie für stemmbar. Klar müsse allerdings sein: "Präsenzunterricht für die einen und gleichzeitiger Videounterricht für die anderen - das hieße ja doppelte Stundenzahl für die Lehrkräfte. Das geht nicht."

Die Schülergruppe zu Hause müsse eigenständig mit Übungsaufgaben den zuvor in der Präsenzphase erlernten Stoff vertiefen. An die Beratungen der Länder mit der Bundeskanzlerin hat Schwartz klare Erwartungen: "Der Gesundheitsschutz an Schulen darf nicht mehr mit Füßen getreten werden."

Die Vorsitzende des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz hofft, dass die Politik sich für das Wechselunterricht-Modell ausspricht, so wie es auch das Robert Koch-Institut bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 50 empfiehlt.

Rebholz wünscht sich vom Corona-Gipfel hingegen keine pauschale Entscheidung für alle Schulen in Deutschland. Im Gegenteil: Der Direktor des Bad Dürkheimer Gymnasiums möchte, dass Schulen im Einzelfall entscheiden dürfen, je nach Infektionsgeschehen vor Ort. Und dann erwartet Rebholz Rückendeckung von der Politik für die jeweiligen Entscheidungen, die vor Ort getroffen werden.