Der Schriftzug "Wasserstoff" steht auf einer Leitung in einer Anlage zur industriellen Produktion von Methangas in Werlte, Niedersachsen. | Bildquelle: dpa

Energiepolitik Warten auf die Wasserstoffstrategie

Stand: 25.04.2020 11:30 Uhr

Wasserstoff soll dazu beitragen, dass Deutschland den Sprung ins CO2-neutrale Zeitalter schafft. Den Rahmen dafür will die Regierung mit einer Wasserstoffstrategie schaffen. Doch die will einfach nicht fertig werden.

Von Daniel Pokraka, ARD-Hauptstadtstudio

Natürlich ist - wie fast immer dieser Tage - auch Corona verantwortlich. Die Bundesregierung, speziell das Wirtschaftsministerium, ist zu einem großen Teil mit der Bekämpfung der Krise beschäftigt. Außerdem haben auch die Ministerien viele Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt - und dass die Arbeit von zuhause oft weniger effizient funktioniert als am Arbeitsplatz, gilt für Bundesbeamte genauso wie für andere auch.

Wasserstoffstrategie sollte längst beschlossen sein

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Bundesregierung ihre Wasserstoffstrategie schon 2019 beschließen wollte - vor der Corona-Krise. "In der aktuellen Situation ist sicher manches andere dringlicher", sagt deshalb Michael Theurer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP im Bundestag. Trotzdem könne Corona "da nicht als Entschuldigung herhalten".

Ein erster Entwurf der Strategie des Wirtschaftsministeriums stammt aus dem Januar, aber noch immer gibt es keinen Termin für eine Beschlussfassung im Kabinett. Deutschland verliere beim Thema Wasserstoff international immer weiter den Anschluss, schimpft Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer.

Doch die Regierung und die beteiligten Ministerien, darunter neben dem Wirtschaftsressort zum Beispiel das Forschungs- und das Umweltministerium, brauchen offenbar noch Zeit. Ob persönlich, per Telefon- oder Videokonferenz - hinter verschlossenen Türen laufen weiterhin Gespräche. Die Konfliktlinien scheinen dabei weniger entlang der Parteigrenzen zu verlaufen - die CDU-Minister Peter Altmaier (Wirtschaft) und Anja Karliczek (Forschung) gegen SPD-Ministerin Svenja Schulze (Umwelt) - sondern eher zwischen dem federführenden Wirtschaftsministerium und den Ressorts Forschung und Umwelt.

Karliczek hat anspruchsvolle Ziele

So dringt Karliczek (CDU) auf ambitionierte Ziele: Möglichst viel Wasserstoff soll bis 2030 in Deutschlands Industrie zum Einsatz kommen und Energie aus fossilen Brennstoffen ersetzen. Das SPD-geführte Umweltministerium verlangt "möglichst konkrete Maßnahmen, damit Wasserstoffproduzenten sichere Abnehmer haben und ihre Produktion hochfahren können und Industrie (z.B. Stahl) sicheren Zugriff auf 'grünen' Wasserstoff hat".

"Grüner" Wasserstoff - darauf kommt es der Umweltministerin an. "Wasserstoff führt uns nur dann ins postfossile Zeitalter, wenn er aus Ökostrom hergestellt wird", sagt Schulze dem ARD-Hauptstadtstudio.

Von "blauem" Wasserstoff ist bei der Ministerin keine Rede. Der wird zum Beispiel aus Gas hergestellt, wobei das dabei entstehende CO2 unterirdisch eingelagert wird. CCS (Carbon Capture and Storage) nennt sich dieses Verfahren, das sich in Deutschland nicht durchgesetzt hat.

Klare Vorfahrt für "grünen" Wasserstoff

Auch die Grünen sehen in der Nutzung eines anderen als "grünen" Wasserstoffs einen Umweg auf dem Weg zur Klimaneutralität. Fraktionsvize Krischer findet, fossiler Wasserstoff solle allenfalls "bei Forschungs- und Demoanwendungen" zum Einsatz kommen. Ansonsten aber müsse Deutschland jetzt "in die Phase der industriellen Anwendungen gehen. Und da muss klar sein, dass nur grüner Wasserstoff genutzt wird."

Die FDP sieht das anders - und trauert der CCS-Technologie hinterher. "Blauer" Wasserstoff und CCS müssten als Übergangstechnologie eine Rolle spielen, sagt Fraktionsvize Theurer. Deutschland sei dabei einmal führend gewesen, es habe "erfolgreiche Modellprojekte in der Lausitz" gegeben, doch "politisch motivierte Bedenken" hätten die Bevölkerung verunsichert.

Altmaier setzt auch auf "blauen" Wasserstoff

Für Wirtschaftsminister Altmaier bietet "blauer" Wasserstoff als Übergangstechnologie die Chance, Märkte zu entwickeln und Kosten zu senken. Das CDU-geführte Ministerium schreibt, es sei dazu im Gespräch mit den Ressorts.

Das ebenfalls CDU-geführte Forschungsministerium konzentriert sich aber auf "grünen" Wasserstoff. Ministerin Karliczek sagte dem ARD-Hauptstadtstudio, sie wolle "entschlossen in den 'grünen' Wasserstoff investieren und im Bereich Umwelt und Klima Technologieführer und Exportweltmeister werden". Nur der "grüne" Wasserstoff werde klimafreundlich aus Wind- und Sonnenenergie erzeugt.

Doch woher soll der ganze Strom aus Wind- und Sonnenenergie kommen, der nötig ist, um auch in Deutschland eine signifikante Menge an Wasserstoff herzustellen? Dass der Hauptteil des Wasserstoffs letztlich importiert werden muss, ist klar. Die eigentliche Herausforderung ist, diesen Anteil aus "grünem" Strom zu produzieren.

Ohne Wind und Sonne kein "grüner" Wasserstoff

Doch auch Wasserstoffproduktion in Deutschland ist notwendig, schon um zu zeigen, dass Deutschland es kann. Dafür braucht es allerdings mehr Strom aus Sonne und Wind.

Grünen-Fraktionsvize Krischer sagt, die Stahlindustrie sei dazu bereit, in Hochöfen auf Wasserstoffbasis zu investieren. "Aber dazu brauchen wir den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien." Den fordert auch Umweltministerin Schulze: "Wer Ja sagt zu Wasserstoff, muss auch Ja sagen zu Windrädern und Solaranlagen", sagte sie dem ARD-Hauptstadtstudio.

Und so wird deutlich, dass die Wasserstoffstrategie so etwas wie die Schwester des Ökostromausbaus ist: Auch der erleichterte Windkraftausbau und die Abschaffung des "Solardeckels", der die Photovoltaik ausbremst, sollte längst beschlossen sein. In beiden Fällen handelt es sich um einen monatelangen Streit in der Regierung und zwischen Union und SPD. Ein Streit, der schon vor der Corona-Krise begann - und der sich in der Krise weiter hinzieht.

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