Blick auf das geflaggte Reichstagsgebäude: Mit seiner konstituierenden Sitzung nimmt der neu gewählte Bundestag nun seine Arbeit auf. | dpa

Bundestag nicht ganz dicht Alles im Eimer

Stand: 29.10.2021 03:46 Uhr

In den Deutschen Bundestag regnet es seit Jahren rein. Pfützen bilden sich, das Wasser drang sogar bis in die Fraktionssäle. Bis es zu umfassenden Sanierungen kommt, hilft zur Überbrückung oft nur ein peinliches Hausmittel.

Von Teresa Roelcke, Volkmar Kabisch, Sebastian Pittelkow NDR/WDR

In diesen Tagen herrscht viel Unruhe auf den Fluren des Bundestags. Etliche neue Abgeordnete beziehen ihre Büros, entdecken den Reichstag. Womit sie wohl nicht rechnen, sind Eimer mit Wasser. Aber die haben hier Tradition. Journalisten schauen häufig darauf, was im Reichstag politisch schiefläuft. Was aber, wenn das Gebäude selbst das Problem ist, wenn es hier nicht läuft oder eben gerade doch - wie das Regenwasser über Jahre hinweg in Abgeordnetenbüros, Flure und Fraktionssäle?

Der Deutsche Bundestag besteht neben dem Reichstag aus Gebäuden wie dem Paul-Löbe-Haus, dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus oder dem Jakob-Kaiser-Haus. Sie alle haben auch architektonisch etwas gemeinsam: Glasdächer. Hell soll es sein, Transparenz symbolisiert werden. Doch durch die Dächer regnet es hinein. Seit Jahren schon. 2015 tropfte es etwa im Reichstagsgebäude in den Sitzungssaal der SPD-Fraktion, 2016 in den der CDU. Im November 2017 dokumentierte die Bundestagsverwaltung ebenfalls für einen Raum im Reichstagsgebäude:

Massiver Wassereinbruch. Es läuft aus den Lautsprechern.

Überall Wasser

Die Bundestagsverwaltung dokumentiert das Eindringen des Wassers in einer Schadenskartei, den sogenannten "Gebäudeinformationssystem-Meldungen" (GIS), die WDR und NDR im Rahmen einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz einsehen konnten. Zuweilen skurril klingen die Schadensmeldungen aus den Liegenschaften des Bundestags wie dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus:

28.7.2016: "Wassereinbruch (…) über dem Lesesaal der Bibliothek.

Wie die Schadensmeldungen aus den Akten der Bundestagsverwaltung verraten, sind die Mittel im Kampf gegen den Regen und die undichten Stellen der Häuser fast immer die gleichen: Eimer!

Paul-Löbe-Haus: 12.7.2018: "Himmelstreppe zu 6. OG Dach undicht - Eimer und Tücher aufgestellt - Unfallgefahr!
Jakob-Kaiser-Haus: 22.3.2018: "Es regnet mal wieder im Bereich der Boote Haus 1 rein. Das Parkett beginnt aufzuquellen. Reinigungsdienst bereits informiert. Stellt provisorisch Eimer unter.

Polizei untersucht einen Einbruch anderer Art

Im September 2018 kommt sogar die Bundestagspolizei zum Einsatz. Sie meldet Einbrüche. Doch sie sind nicht menschengemacht: Am Tatort tropft Regenwasser in einem Raum von der Decke. Hausmeister schreiten ein, nehmen die technischen Geräte vom Netz. Und: stellen Eimer auf. 

Besonders zugespitzt hat sich die Lage in den letzten Jahren im Jakob-Kaiser-Haus. Es ist das größte und wichtigste der Parlamentsgebäude, mit 1745 Büroräumen und Kunstobjekten in der Eingangshalle. Fast prophetisch baumeln hier etwa Ruderboote vom gläsernen Himmel herab, die wie eine Art künstlerisches Mobile auf und ab fahren. Wegen Sicherheitsmängeln musste dieser Mechanismus allerdings auch schon abgestellt werden - aber das ist eine andere Geschichte.

Im sozialen Netzwerk Twitter ergötzten sich selbst Abgeordnete an Bildern von Büromülleimern im Bundestag. Die Eimer voller Regenwasser beschäftigten hinter verschlossenen Türen schon lange verschiedene Behörden der Bundesregierung: das Umweltministerium, das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung und die Bundestagsverwaltung. Sanierungsvisionen wurden durchgespielt, manche verschwanden in der Schublade. Währenddessen tropfte es weiter in die Bundestagsgebäude.

17.04.2016: "Am Sonntag wurde ein gelegentliches Tropfen von der Decke im Bereich Eingang West-B festgestellt. Es wurde ein Eimer aufgestellt und die Situation beobachtet. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei um Regenwasser handelt. Wir bitten den Sachverhalt zu prüfen (…).
Blick auf den Reichstag, das Paul-Löbe-Haus, das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, das Jakob-Kaiser-Haus bis zum Brandenburger Tor. (Archivbild: 16.06.2016) | picture alliance / dpa

Die Glasdächer der Regierungsgebäude sollen Transparenz symbolisieren - lassen neben Licht aber auch Wasser hinein. Bild: picture alliance / dpa

"Glasdächer können auch grundsätzlich dicht sein."

Hilflosigkeit im Angesicht der Himmelsmächte? Die Akten der Behörden zeigen, wie schleppend nachhaltige Sanierungen über die Jahre in Gang gebracht wurden. Normalerweise haben Glasdächer eine Nutzungszeit von etwa 30 Jahren, anschließend müssen sie erneuert werden. Und ein Professor für Glasdachkonstruktion bestätigt: "Glasdächer können auch grundsätzlich dicht sein."

Die Glasdächer des Jakob-Kaiser-Hauses wurden 1999 fertiggestellt. Aber schon 2009, also nach zehn Jahren, waren sie so undicht, dass erste Instandsetzungsarbeiten nötig wurden. 2015 schlug das Bundesumweltministerium, damals noch für die Bauangelegenheiten des Bundes zuständig, eine grundlegende Sanierung an den am schlimmsten betroffenen Dächern des Jakob-Kaiser-Hauses vor.

Ein Gutachter irrt sich

Aber ein Gutachten führte zu dem Schluss: Die Dächer werden noch fünf bis acht Jahre halten - eine Fehleinschätzung. Nur zwei Jahre später, im Sommer 2017, prasselten sintflutartige Regenfälle auf Berlin. U-Bahnhöfe liefen voll. Die Berliner wurden an einem einzigen Juni-Tag doppelt so nass wie in anderen Jahren im ganzen Monat.

Die meisten Dächer der Hauptstadt hielten. Nur nicht im Bundestag. Hier registrierten die Beamten Schadensmeldungen über "massive Wassereinbrüche" in die Gebäude. Im Jakob-Kaiser-Haus musste ein Aufzug vom Betrieb genommen werden, weil Wasser in den Schacht eindrang. Die Regengüsse bahnten sich auch ihren Weg in Treppenhäuser, Büroräume und einen eigentlich überdachten Innenhof. Endgültig war klar: Die Glasdächer halten nicht, was sie versprechen.

Abgeordnete machen Druck

Die Mitglieder der Kommission des Ältestenrates für Bau- und Raumangelegenheiten, allesamt Abgeordnete, drückten nun aufs Tempo. Aus dem vertraulichen Protokoll einer Kommissionssitzung im Sommer 2018 geht hervor: "dass ein schnellstmögliches Handeln geboten sei, um Gefahren und sich daraus eventuell ergebende Haftungsfragen auszuräumen", so der Vorsitzende Wolfgang Kubicki (FDP).

Für dichte Dächer, so das Protokoll, hätte die Kommission gar "erhebliche Einschränkungen für die Nutzer" in Kauf genommen - einen teilweisen Auszug von Volksvertretern aus ihren Büros nicht ausgeschlossen. Aber der Sanierungsvariante, für die sie damals plädierte, stand am Ende der Brandschutz entgegen. Im Frühjahr 2019 begannen schließlich die Bauarbeiten. Erst vor einigen Monaten wurden sie abgeschlossen, zumindest bei den vier am schlimmsten betroffenen Glasdächern des Jakob-Kaiser-Hauses.

Regierungsviertel an der Spree in Berlin. (Archivbild: 10.12.2019) | picture alliance/dpa

Die Regierungsgebäude sind jetzt wieder dicht - mit einigen Ausnahmen. Bild: picture alliance/dpa

Alles wieder dicht? - Leider nicht

Eimer werden dort seither nicht mehr gesichtet. Auf Anfrage zeigt sich das zuständige Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung zufrieden. Die Sanierung sei termingerecht fertiggestellt worden und die Kosten lägen "voraussichtlich deutlich unter den vorgenannten 4,2 Millionen Euro." Die Bundestagsverwaltung ergänzt: "Es gab keine Verzögerungen." Und auch Mitglieder der Baukommission berichten: Sie wüssten von keiner anderen Baumaßnahme an Bundestagsliegenschaften, die "so flüssig" abgelaufen sei wie die Sanierung der Glasdächer des Jakob-Kaiser-Hauses.

Alles gut also? Offenbar nicht. Allein in diesem Sommer hat es mindestens fünf Mal in den Bundestag hineingeregnet, wie die Verwaltung auf Anfrage mitteilt. Sogar wieder ins Jakob-Kaiser-Haus: diesmal an anderer Stelle. Was dagegen unternommen wurde? "Das Aufstellen eines Eimers bei Feststellung einer Tropfstelle gehört zu den üblichen Sofortmaßnahmen."