Hans-Jochen Vogel im tagesschau.de-Videochat Das Pflichtbewusstsein der SPD

Stand: 23.04.2010 05:25 Uhr

In seiner langen Partei-Karriere war Hans-Jochen Vogel SPD-Vorsitzender, Kanzlerkandidat, Fraktionschef - allerdings, ohne sich nach diesen Posten zu drängen. Sie "kamen an mich heran", sagt er selbst. Für seine Prinzipientreue und Sorgfalt wird er verehrt.

Von Ute Welty für tagesschau.de

Hans-Jochen Vogel am Rednerpult
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Für seine Partei in Aktion: Vogel am Rednerpult (2009)

Wenn Hans-Jochen Vogel sich den Fragen im tagesschau.de-Videochat stellt, dann kommt der 84-Jährige gerade aus dem Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Dort kann die SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft auf seine Unterstützung zählen. Vogel wäre nicht Vogel, würde er an dieser Stelle einen Rückzieher machen. In den vielen Jahren seiner politischen Karriere lässt er kaum eine Station aus: SPD-Parteivorsitzender, SPD-Kanzlerkandidat, SPD-Fraktionschef und fast immer auch so etwas wie das gute Gewissen seiner Partei. Danach gedrängt hat er sich nicht: "Diese Aufgaben kamen an mich heran", so Vogel, "und zwar in Situationen, in denen es kaum Mitbewerber gab". Das legt den Schluss nahe, dass weder die Aufgabe leicht zu bewältigen war noch die Situation eine aussichtsreiche.

Immer mal wieder der Jüngste

Mit 34 ist Hans-Jochen Vogel der jüngste, nämlich der jüngste Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt - immerhin der von München. Als er dann mit 80 ebenfalls in München zusammen mit seiner Frau freiwillig in ein Altenwohnheim zieht, bemerkt er mit einem ironischen Lächeln, jetzt sei er wieder der Jüngste. Ironie gehört nicht unbedingt zu den Eigenschaften, die man Hans Jochen Vogel spontan zuschreibt. Er selbst weiß um seinen Ruf als Bedenkenträger. Er sei schon die meiste Zeit ein ziemlicher Pedant gewesen, räumt Vogel ein, er sei der mit den Klarsichthüllen gewesen, der mit den Wiedervorlagen: "Auch meine Neigung zu korrigierenden und belehrenden Bemerkungen ist nicht zu bestreiten".

Immer gegen das Vergessen

Warnen vor neuem Antisemitismus: Hans-Jochen Vogel, Edmund Stoiber, Paul Spiegel und Johannes Rau
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Warner und Mahner: Vogel bei der Grundsteinlegung für die Synagoge in München (2003)

Als Oberbürgermeister von München hat Vogel entscheidenden Anteil daran, dass dort 1972 die olympischen Spiele stattfinden. Die Spiele selbst, die so heiter werden sollen und so tragisch enden, erlebt er als Vizepräsident des Organisationskomitees. Vogel ist es, der die Särge der ermordeten israelischen Sportler nach Tel Aviv begleitet. Die auch nach Jahrzehnten erschütternde Erinnerung prägt sein persönliches Engagement.

Hans-Jochen Vogel gründet 1993 die Initiative "Gegen Vergessen - Für Demokratie", und in diesem Sinne spricht Vogel auch anlässlich einer Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. Vogel erinnert an das Ermächtigungsgesetz, mit dem sich die Weimarer Republik endgültig selbst abschafft. Eine Demokratie könne auf Dauer nur Bestand haben, wenn sie von den Menschen getragen werde, führt Vogel aus, von Bürgerinnen und Bürgern, die selber für die Bewahrung der demokratischen Grundregeln mitverantwortlich seien. Vogel mahnt: "Diese Notwendigkeit immer aufs Neue ins Bewusstsein zu rufen und durch das eigene Beispiel zu bezeugen, ist die gemeinsame Aufgabe aller, die in unserer Gesellschaft besondere Verantwortung tragen".

Immer da, wenn er gebraucht wird

Hans-Jochen Vogel 1981 vor dem Berliner Abgeordnetenhaus
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Vogel als Regierender Bürgermeister von Berlin (1981)

Am 3. Februar 1926 wird Hans-Jochen Vogel in Göttingen geboren, macht in Gießen sein Abitur und wird zum Wehrdienst eingezogen. Nach der Kriegsgefangenschaft fängt er in Marburg an, Jura zu studieren. Sein Examen ist das beste von 372 Kandidaten. 1950 tritt Vogel in die SPD ein und beginnt seine politische Karriere als Rechtsreferent in München. Über die Landesliste Bayern zieht Vogel Anfang der 70er Jahre in den Bundestag ein. Im Kabinett Brandt ist Vogel Minister für Raumordnung und Städtebau, im Kabinett Schmidt übernimmt er das Justizressort. 1981 scheidet Hans-Jochen Vogel zunächst aus dem Bundestag aus, um für wenige Monate Regierender Bürgermeister von Berlin zu werden. Vogel ist da, wenn seine Partei ihn braucht. Er stärkt Gerhard Schröder den Rücken, als der sich wegen der Reformen in der Agenda 2010 rechtfertigen muss. Er verteidigt Kurt Beck gegen Angriffe wegen des in Hamburg beschlossenen Parteiprogramms.

Immer auf der Höhe der Zeit

Das Alter, so Hans-Jochen Vogel anlässlich einer ARD-Themenwoche, sei kein Massaker, aber er selbst erledigt Dinge lieber früher als später. Seiner Frau legt er 24 Stunden nach der Hochzeit einen Aktendeckel auf den gemeinsamen Tisch, um über sein Testament zu sprechen. 1994, in seiner letzten Rede als Bundestagsabgeordneter, beschreibt Vogel so etwas wie seine Lebensmaxime: Er wolle bei aller Notwenigkeit streitiger Auseinandersetzung und zugespitzter Aussage die Möglichkeit im Auge behalten, dass der jeweils andere Recht haben und man selbst Unrecht haben könnte. Später ergänzt Hans-Jochen Vogel: "Ich sage immer, man muss gehen, solange man den Mitmenschen noch glauben kann, wenn sie sagen: Schade, dass du gehst. Wenn man das Stöhnen und Seufzen, dass der Kerl immer noch da ist, nicht überhören kann - dann hat man einen Fehler gemacht".

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