Hans-Jochen Vogel würdigt früheren Kanzler "Willy Brandt blickte weit in die Zukunft"

Stand: 18.12.2013 02:00 Uhr

Mit seiner neuen Ostpolitik ist Willy Brandt in die Geschichte eingegangen. Aber er stand auch länger als jeder andere an der Spitze der SPD: von 1964 bis 1987. Sein unmittelbarer Nachfolger als Parteichef, Hans-Jochen Vogel, blickt zurück auf Brandts politische Lebensleistung.

Von Hans-Jochen Vogel

Willy Brandt war eine der prägendsten Gestalten der jüngeren deutschen Geschichte und in mehr als einer Hinsicht eine einmalige Erscheinung. Aus einfachen Verhältnissen stammend und in seiner Jugend weit links stehend, leistete er den Nationalsozialisten schon vor 1933 in Lübeck Widerstand und überlebte nur, weil ihm erst Norwegen und dann Schweden Asyl gewährten. Nach dem Krieg in das verwüstete Deutschland zurückgekehrt, diente er seinem Land in zahlreichen öffentlichen Funktionen. So stand er mehr als 23 Jahre an der Spitze der deutschen Sozialdemokratie. In dieser Zeit war er von 1966 bis 1969 Bundesaußenminister und von 1969 bis 1974 Bundeskanzler. Als solcher brachte er wichtige innere Reformen auf den Weg.

alt Ex-SPD-Chef Hans-Jochen Vogel

Zur Person

Hans-Jochen Vogel war von 1972 bis 1974 Bauminister im zweiten Kabinett von Bundeskanzler Willy Brandt und danach unter Helmut Schmidt bis 1981 Bundesjustizminister. 1983 trat er für die SPD als Kanzlerkandidat an und wurde 1987 nach dem Rücktritt Brandts als SPD-Vorsitzender zu dessen Nachfolger gewählt. 1991 gab er den Partei- und Fraktionsvorsitz auf.

"Mehr Demokratie wagen" - das war seine Devise, mit der er geistig-moralische Führung ausübte und große Teile der aufbegehrenden 68er-Generation dafür gewann, an der Veränderung der gesellschaftlichen Realität mitzuarbeiten.

Seine Hauptleistung aber bestand darin, dass er die Westintegration der Bundesrepublik durch eine Ostpolitik ergänzte, die ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende Übereinkommen mit der Sowjetunion, mit anderen osteuropäischen Ländern und mit der DDR möglich machte, die Lage in Mitteleuropa stabilisierte, die Mauer und den Eisernen Vorhang durchlässiger werden ließ, den Prozess von Helsinki in Gang setzte und, von heute her gesehen, eine nicht wegzudenkende Ursache für die deutsche Einheit und ebenso für den Fortgang der europäischen Einigung schuf.

Dieses Engagement fand bereits 1971 mit der Verleihung des Friedensnobelpreises eine international sichtbare Anerkennung. Und mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989 seine tiefe Bestätigung. Damals sprach er auch den seitdem immer wieder zitierten Satz: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört."

Hans-Jochen Vogel und Willy Brandt auf dem SPD-Parteitag 1987
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Auf dem SPD-Parteitag 1987 wurde Hans-Jochen Vogel (l.) zum Nachfolger Willy Brandts (r.) als Parteichef gewählt.

Willy Brandt blickte stets auch weit in die Zukunft. So schrieb er 1990 Sätze wie diese: "Die ungerechte Ordnung der weltwirtschaftlichen und internationalen Finanzbeziehungen und die hohen Aufwendungen für militärische Zwecke in vielen Teilen der Welt verhindern Entwicklungsfortschritte, durch die wenigstens die Grundversorgung gesichert werden könnte. Dieser Zustand verletzt die menschliche Würde durch tägliche Bedrohung des Lebens."

Und seine eigene Partei ermahnte er nicht allzu lange vor seinem Tod: "Die Sozialdemokratie muss an der Utopie einer sozialen Ordnung ohne Ausbeutung, ohne Erniedrigung, ohne Not und an der Vorstellung von einer Gesellschaft der Freien und Gleichen festhalten, in der die freie Entwicklung eines und einer jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller bleibt. Die sozialdemokratische Partei wäre zu wenig nütze, wenn sie die reelle Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft nicht hätte und nicht weiter trüge."

Es wäre gut, wenn wir uns immer wieder an diese Sätze erinnern und uns in konkreten Situationen auch fragen würden, wie sich Willy Brandt wohl entschieden hätte.

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