Fahrradfahrerin im Straßenverkehr | Bildquelle: picture alliance / dpa Themendie

Mobilität Verschläft Deutschland die Verkehrswende?

Stand: 08.11.2018 10:59 Uhr

Elektrobusse statt Dieselfahrzeuge, Fahrradschnellwege statt Verkehrsstau - so stellen sich Forscher die Zukunft auf den Straßen vor. Doch soweit ist es noch lange nicht.

Von Jan Koch, WDR

Eine Siedlung in Köln: 1500 Menschen leben hier - aber es fährt kein einziges Auto. Nur am Rand der Siedlung, mitten im Stadtteil Nippes, gibt es kleine Parkhäuser für diejenigen, die noch ein Auto besitzen. Abgesehen davon gilt aber für alle: autofrei leben.

Das ist eine Vision vieler Verkehrsforscher, die schon lange am Verkehr von Morgen forschen. Wie auch Frederic Rudolph vom Wuppertal-Institut: "Wir müssten schon viel weiter sein, was eine Verkehrswende angeht. Allein wenn wir an die Klimaziele denken, müssen Städte anfangen umzuplanen." Das heißt häufig: Nein zum Auto, aber Ja zum öffentlichen Nahverkehr und Fahrrad. Nur wenn Letzteres ausgebaut wird, kann Ersteres abgebaut werden. "Die Privilegien für Autofahrer in unserer Gesellschaft sind dafür aber immer noch zu hoch", betont Rudolph. Was könnten Städte also tun?

Autospuren werden zu Fahrradspuren

Das, was jede Stadt relativ schnell umsetzen kann, ist eine Umstrukturierung des aktuellen Straßenverkehrs. Wie es beispielsweise gerade in Köln passiert: Dort wurden in den vergangenen Monaten einzelne Autospuren zu Fahrradspuren - wie am Neumarkt, mitten in der Stadt. Um diesen Platz führen drei Autospuren, von der eine nun zu einer Fahrradspur ummodelliert wurde. Anfangs allerdings führte dies zu Verwirrung bei Fahrradfahrern und Autofahrern, da die Spur lediglich durch eine weiße Fahrbahnlinie auseinandergehalten werden kann. Und noch immer haben einige Fahrradfahrer die Mühe, ihr neues Hoheitsgebiet gegen Autofahrer zu verteidigen.

Zusätzlich zur Umstrukturierung von Fahrbahnen werden einzelne Straßenzüge, die bisher sowieso nur wenig befahren werden, zu Fahrradstraßen gemacht. "Das sind erste Maßnahmen, die Großstädte langsam treffen müssen, um den Autoverkehr unattraktiver werden zu lassen und die Fahrradnutzung zu fördern", erklärt Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik. "Allerdings schürt das natürlich Unmut bei Autofahrern." Die sind in Deutschland in der Überzahl und werden es vermutlich auch auf absehbare Zeit bleiben. Diese Verärgerung müsse man aber zum Teil auf sich nehmen, um den Straßenverkehr umzuverteilen.

Fußgänger auf Fahrradschnellwegen

Münster stukturierte seinen Stadtverkehr zum Teil schon seit langer Zeit um. Die Stadt gehört eigentlich zu den Vorzeigestädten, was Fahrradverkehr angeht. Ein viereinhalb Kilometer langer Fahrradschnellweg führt einmal um den Stadtkern herum. Allerdings sind darauf auch Fußgänger zugelassen, was immer wieder zu Problemen führt.

Feinstaub-Warnung in Stuttgart | Bildquelle: dpa
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Ist eine Maut für das gesamte Straßennetz eine Möglichkeit, um den Verkehr in den Städten einzudämmen?

Auch auf den Straßen herrscht ein Kampf zwischen Fahrrad und Auto. "Selbst in der Fahrradstadt Münster gibt es immer noch viel Autoverkehr", sagt Bracher. Denn auch wenn es einige Fahrradstraßen und zusätzlich auf vielen Wegen einen inoffiziellen Vorrang für Fahrradfahrer gebe, sei dieser Kampf um die Straßenhoheit zu erkennen. "Es geht vor allem darum, immer mehr der bisher von Autos belegten Fahrspuren und Parkplätze anders zu nutzen", schlägt Bracher vor.

Maut für das gesamte Straßennetz

Eine weitere Idee, die Experten diskutieren: eine flächendeckende Maut für das gesamte Straßennetz. Abgerechnet würde pro gefahrenen Kilometer. Eine Maut mit unterschiedlichen Tarifen je nach Verstauung oder Schadstoffklasse könnte den Stau reduzieren und Anreize zum Kauf ökologischerer Autos geben. "Unter allen Möglichkeiten, den Verkehr zu lenken und Einnahmen für eine Verkehrswende zu erzielen, wäre die kilometerabhängige Maut das gerechteste Mittel", sagt Gernot Liedtke vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Weil dann nicht von der Gesamtgesellschaft bezahlt werden müsste und weil reiche Personen im Schnitt mehr Autokilometer fahren als ärmere Personen.

Elektrobusse sind rar

Auf der anderen Seite müsste dann der ÖPNV und Schienenverkehr ausgebaut werden. Elektrobusse seien zwar gerade rar, da die Nachfrage hoch ist, allerdings zeigen viele Städte hier Bemühungen auf solche Busse umzusteigen, sagen Experten.

Auf der Schiene müsse hingegen der Staat überlegen, ob er nicht Mittel investiert, um den Personenverkehr attraktiver zu gestalten. "Zwei Probleme gibt es aber", sagt Liedtke, "erstens, dass es in Deutschland kein flächendeckendes Hochgeschwindigkeitsnetz gibt und immer wieder Lücken zu finden sind." Wie auf der Bahnstrecke von Köln nach Berlin, wo es vom Rheinland bis Hannover lange nicht so schnell vorangeht wie von Hannover bis Berlin. Grund sei die nicht auf die Anforderungen des 21. Jahrhunderts ertüchtigte Infrastruktur.

Zweites Problem seien die nicht angeschlossenen Mittelstädte wie Mönchengladbach, so dass ein Mönchengladbacher erstmal nach Köln pendeln muss, um am schnellen Fernverkehr teilzunehmen, so Liedtke.

Besonders betroffen: Pendler. Der Umgang mit ihnen sei ein generelles Problem. In Münster gibt es deswegen in Zukunft die Velorouten und weitere Fahrradschnellwege, über die Menschen aus dem Umland in die Stadt kommen. Zusätzlich fahren Schnellbusse an den Stadtrand, wo in Fahrradparkhäusern Pendler ihre Fahrräder geparkt haben.

Niemand braucht mehr Parkflächen

In der Stadt der Zukunft sind solche Umstiege kein Problem mehr. Mit kleinen Elektrorollern fährt man den kurzen Weg zum Elektrobus. Kindergärten und Supermärkte liegen in der Nähe des Wohnortes; zum Teil errichtet auf freigewordenen Parkflächen, die dann niemand mehr für sein Privatauto braucht. Das Auto spielt einfach keine große Rolle mehr.

Im Endeffekt genauso wie in der Kölner Siedlung mitten in der Großstadt, wo die Anwohner seit mehr als fünf Jahren merken, dass ein Leben ohne eigenen Wagen auch organisierbar und lebenswert ist. "Um so eine Gesellschaft zu schaffen, bedarf es aber wohl eines Generationenwechsels", glaubt Wissenschaftler Bracher. Bis dahin bleibt das Auto erstmal noch der König auf der Straße.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin am 07. November 2018 um 13:00 Uhr.

Korrespondent

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