Sinan Selen | Bildquelle: Christian Wyrwa

Designierter Verfassungsschutz-Vize Das Prinzip Verleumdung

Stand: 05.12.2018 18:00 Uhr

Sinan Selen hat beim Bundeskriminalamt Terroristen gejagt. Nun soll der Sohn türkischer Einwanderer Vizechef des Verfassungsschutzes werden. Seither tobt im Netz der Hass.

Von Georg Mascolo, NDR/WDR

Sinan Selen hat eine der ungewöhnlichsten deutschen Beamtenkarrieren hinter und vor sich. Geboren wurde er in Istanbul, aufgewachsen ist er in Köln. Er studierte Jura, war für den Personenschutz von Kanzler Gerhard Schröder und Innenminister Otto Schily zuständig und jagte beim Bundeskriminalamt Terroristen.

Gerhard Schröder | Bildquelle: picture-alliance / Sven Simon
galerie

Selen war verantwortlich für den Personenschutz von Kanzler Gerhard Schröder ...

SPD-Politiker Otto Schily
galerie

... und dem damaligen Innenminister Otto Schily.

Inzwischen ist er Leiter der Konzernsicherheit beim Reiseriesen TUI und soll von dort nun in den Staatsdienst zurückkehren: als Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. In der kommenden Woche soll sich nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" das Kabinett mit der Personalie beschäftigen.

Ein Lehrstück über Verleumdung im digitalen Zeitalter

Ein Kind türkischer Einwanderer an der Spitze einer deutschen Sicherheitsbehörde - das gab es bisher nie. Aber während dies für die Regierung und viele in diesem Land ein Grund zum Stolz ist, gibt es auch ganz andere Reaktionen: Wut, Hass, Beleidigungen. Seit im November erste Meldungen über die Berufung Selens öffentlich wurden, ist der Fall auch ein Lehrstück über Verleumdung im digitalen Zeitalter. Kein Klischee ist zu billig, um nicht bedient zu werden.

Der frühere Journalist und heutige Verschwörungstheoretiker Oliver Janich hat auf YouTube ein Video gepostet, in dem er behauptet, Selen bekomme "seinen Job auf Wunsch der türkischen Regierung". Darunter finden sich etliche Kommentare: "Nur noch im Suff zu ertragen." Oder: "Wir Deutschen, wir echten Deutschen, sollen ausgemerzt werden. Unsere Vernichtung ist beschlossene Sache." Und schließlich: "Es fühlt sich scheußlich an, wenn die eigene Heimat zur Todesfalle wird."

Selen war beim BKA in der Abteilung Staatsschutz, er diente in der Sonderkommission, die nach dem 11. September 2001 die Spuren der Todespiloten, die in Deutschland gelebt hatten, ermittelte. 2006 bekam er den Auftrag, die Suche nach den Attentätern zu leiten, die zwei Kofferbomben in Regionalzügen in Köln und Koblenz platziert hatten. Der Leitende Polizeidirektor a.D hat ziemlich viel dafür getan, dass dieses Land nicht zur "Todesfalle" wird.

9/11 | Bildquelle: AP
galerie

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA war Selen als Mitglied der BKA-Sonderkommission an der Spurensuche beteiligt.

Aber das Muster der Verleumdung ist stets gleich: Niemand derjenigen, die sich im Netz austoben, kennt Selen oder würde sich auch nur für seine Biografie interessieren - und schon gar nicht für Fakten. Es kursieren Fotomontagen von Selen, die ihn mit einer türkischen Kopfbedeckung zeigen, dem Fes. Dabei ist er deutscher Staatsbürger, die türkische Staatsbürgerschaft hat er abgelegt. Selen spricht Deutsch mit rheinischem Akzent. Deutschland ist seine Heimat, er ist ein verbindlicher Mensch. Anfeindungen wegen seiner Herkunft kannte er bisher nicht.

Attackiert - auch von links

Dass er im Bundesinnenministerium als Referatsleiter auch für die Zusammenarbeit mit den türkischen Sicherheitsbehörden zuständig war, hat dazu geführt, dass Selen obendrein nun auch von links attackiert wird. Seine Ernennung sei eine "Hiobsbotschaft" für alle Linken türkisch-kurdischer Herkunft, schreibt etwa die linke Tageszeitung "Junge Welt".

Fragt man diejenigen, die mit Selen gearbeitet haben, so sagen sie: Selen habe gegenüber der Türkei als ordentlicher deutscher Beamter gehandelt. Er widersprach hart, als die damaligen Behörden die Auslieferung von türkischen Oppositionellen und Journalisten verlangten. Und er sprach Deutsch bei den Besuchen in Ankara. Nur wenn die Dolmetscherin einmal nicht weiter wusste, griff Selen ein.

Hetze aus der AfD

Schaut man sich an, wer sich alles über Selen auslässt, fällt ein Name auf. Es ist der von Johannes Huber, stellvertretender Kreisvorsitzender der AfD im bayerischen Freising-Pfaffenhofen und Bundestagsabgeordneter. Er postete auf Facebook eine Montage, sie zeigt ein Hotel in der Türkei, das Logo von TUI und in dicken Buchstaben die eigentliche Botschaft: "Muslim wird neuer Verfassungsschutz-Vize der BRD."

Selbst wenn er es wäre, welchen Unterschied würde es machen? Aber Selen ist gar kein Muslim, seine Eltern sind säkulare Türken, sie kamen nach Deutschland, als ihr Sohn vier Jahre alt war. Sie stellten ihm frei, welche Religion er wählen wolle. Selen engagierte sich schon in Schulzeiten bei den Johannitern und fühlt sich der christlichen Lehre verbunden. Zu Weihnachten wird er mit der Familie in die Kirche gehen.

Wie also kommt Huber zu seiner Behauptung? Ihm scheint die Frage unangenehm, er klingt verunsichert am Telefon. Ob man denn nicht wisse, dass er den Post bereits gelöscht habe. Ja, aber wie er überhaupt darauf gekommen sei, dass Selen Muslim sei. "Wieso ist das nicht richtig?", fragt Huber zurück. "Woher wollen Sie das wissen?" Leider könne er nicht mehr "im Detail nachvollziehen, ob ich es wusste oder vermutete". Drei Mal poste er am Tag und manchmal täten dies auch seine Mitarbeiter. Für ihn sei die Sache erledigt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 06. Dezember 2018 um 19:24 Uhr.

Darstellung: