Die Angeklagten Mario S. (l) und Andreas V. stehen im Gerichtssaal des Landgerichts nebeneinander | dpa

Urteil im Missbrauchsprozess Hohe Haftstrafen im Fall Lügde

Stand: 05.09.2019 09:24 Uhr

Im Prozess um den hundertfachen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde hat das Gericht hohe Haftstrafen gegen die zwei Hauptangeklagten verhängt. Zudem wurde anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet.

Im Lügde-Missbrauchsprozess sind die beiden Angeklagten zu hohen Haftstrafen verurteilt worden. Das Landgericht Detmold verhängte gegen den 56-Jährigen Andreas V. eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs in mehr als 200 Fällen. Der 34-jährige Mario S. erhielt zwölf Jahre. Das Gericht ordnete außerdem die anschließende Sicherungsverwahrung für beide Männer an.

Opfer zur Tatzeit zum Teil im Kindergartenalter

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Andreas V. und Mario S. jahrelang mehr als 30 Kinder schwer sexuell missbraucht haben. Im Prozess wurden den Angeklagten mehrere Hundert Missbrauchstaten zur Last gelegt. Die Opfer waren zur Tatzeit zwischen vier und 13 Jahren alt.

Die meisten Taten hatten die Männer auf dem Campingplatz in Lügde begangen, wo Andreas V. eine heruntergekommene Unterkunft besaß. Seit 1999 war S. dazu immer wieder zu Gast auf dem Campingplatz, aber auch seine Wohnung in Steinheim bei Höxter soll Tatort gewesen sein. Beide Männer filmten ihre Taten, die Polizei stellte insgesamt Tausende Bild- und Videodateien sicher, die sexuelle Gewalt gegen Kinder- und Jugendliche zeigen.

Zu den Opfern des Dauercampers zählte laut Anklage auch ein Mädchen, das als Pflegetochter bei ihm einzog und als Lockvogel diente, um an weitere Opfer zu kommen. Eine Psychiaterin hatte V. im Prozess als manipulativ, narzisstisch und antisozial beschrieben, mit einer tief verwurzelten Neigung zu Kindesmissbrauch. Die Staatsanwaltschaft hatte für ihn 14 Jahre, für Mario S. zwölfeinhalb Jahre Freiheitsstrafe sowie für beide anschließende Sicherungsverwahrung gefordert. Beide hatten die ihnen vorgeworfenen Taten überwiegend gestanden.

Absperrband und ein Wohnwagen auf dem Campingplatz Eichwald | FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Die meisten Taten begingen die Männer auf dem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde. Bild: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Missbrauchsbeauftragter spricht von "wichtigem Signal"

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Röring, begrüßte das Urteil. "Das Landgericht Detmold hat das mögliche Strafmaß weitgehend ausgeschöpft und damit auch das wichtige Signal gesendet, dass der Rechtsstaat diese schweren Verbrechen an Kindern hart bestraft", erklärte er. Nun müsse auch die Gesetzgebung schnell handeln und Strafen für den Besitz und das Weiterleiten von Kinderpornografie verschärfen.

Insgesamt würden Kindesmissbrauch und seine Folgen in den Bundesländern vielfach unterschätzt. "Offensichtlich hat auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul erst im Verlauf des Skandals von Lügde die wahre Dimension dieses Themas erkannt", kritisierte Rörig.

Erstes Urteil bereits im Juli

Der Prozess hatte Ende Juni begonnen und fand aus Gründen des Opferschutzes  in weiten Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Am Rande des Prozesses hatten Nebenklägervertreter von schweren Traumata ihrer Mandanten berichtet.

Ein erstes Urteil hatte es dann bereits Mitte Juli gegeben: Der mitangeklagte Heiko V. aus Stade in Niedersachsen war wegen Beihilfe und Anstiftung zum sexuellen Kindesmissbrauch zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er soll zwischen 2010 und 2011 in mindestens vier Fällen per Webcam den Missbrauch von Kindern beobachtet haben.

In dem Fall stehen auch Polizei und Jugendämter in der Kritik, weil sie Hinweisen auf den Hauptverdächtigen zunächst nicht nachgegangen sein sollen. Auch bei den Ermittlungen gab es Pannen, unter anderem verschwanden Beweismittel. Der nordrhein-westfälische Landtag hat deshalb einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss eingesetzt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. September 2019 um 09:45 Uhr.