Ein beschädigtes Auto steht in Geröll in Hagen. | dpa

Überflutungen und Dauerregen Viele Tote, unabsehbare Schäden

Stand: 16.07.2021 08:11 Uhr

Eine der größten Unwetterkatastrophen der Nachkriegszeit hat in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz schwerste Verwüstungen angerichtet. Schon jetzt wurden deutlich mehr Tote gezählt als beim "Jahrhunderthochwasser" 2002.

Bei den Unwettern in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Die Behörden gaben ihre Zahl am Morgen mit 81 an. Weil noch viele Menschen vermisst werden, ist die genaue Zahl der Opfer bislang unbekannt, es wird befürchtet, dass die Zahl noch ansteigen wird.

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Überflutungen und Zerstörungen

In Rheinland-Pfalz ist der Raum Bad Neuenahr-Ahrweiler mit mindestens 19 Toten besonders stark betroffen. In dem Bundesland wurden bisher 50 Todesfälle registriert.

Allein im 700 Einwohner zählenden Dorf Schuld an der Ahr waren sechs Häuser eingestürzt, etwa 40 Prozent der weiteren Wohngebäude wurden beschädigt.

Ein Bagger transportiert ein Boot mit Geretteten. | dpa

In Trier wurden Anwohner mit einem Bagger und einem Boot aus einem überfluteten Teil der Stadt gerettet. Bild: dpa

Im Landkreis Trier-Saarburg wurden Hunderte Häuser beschädigt. Die Schäden reichten von voll gelaufenen Kellern bis hin zum Totalverlust von Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden wie beispielsweise einer Kläranlage, sagte ein Sprecher des Kreises.

Bisher 31 Tote in Nordrhein-Westfalen

In Nordrhein-Westfalen starben im Zusammenhang mit dem Hochwasser mindestens 31 Menschen, davon 15 im südlich von Köln gelegenen Kreis Euskirchen. Da an vielen Orten das Strom- und Telefonnetz ausfiel und Rettungseinsätze noch liefen, blieb die Lage unübersichtlich. Mehrere Kreise in der Eifel riefen Katastrophenalarm aus.

Die Zahl der Toten in den beiden Bundesländern liegt damit noch während der laufenden Rettungsmaßnahmen bereits mehr als doppelt so hoch wie beim sogenannten Jahrhunderthochwasser im Jahr 2002, bei dem in Deutschland 21 Menschen starben. 

Die Polizei bat in allen betroffenen Landkreisen um Hinweise der Bevölkerung auf Vermisste. Gleichzeitig rief sie aber auch dazu auf, die betroffenen Orte zu meiden. Wiederholt behinderten Schaulustige die Rettungseinsätze, außerdem musste die Polizei Plünderer fernhalten.

Bundeswehr verstärkt Rettungseinsatz

Die Bundeswehr hat mittlerweile weitere Soldaten in den Hilfseinsatz geschickt. Inzwischen seien mindestens 850 Männer und Frauen zur Unterstützung der Rettungsarbeiten eingesetzt, sagte ein Bundeswehrsprecher. So seien im Raum Hagen 230 Soldaten und Großgerät im Einsatz, darunter zwei Bergepanzer, Lastwagen und Radlader. In Leverkusen helfen 200 Soldaten beim Befüllen von Sandsäcken. In Aachen waren zwei Bergepanzer und ein Rettungshubschrauber "SAR" unterwegs.

Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) unterstützt die betroffenen Regionen in Deutschland unter anderem mit Satellitenbildern. "Erste Satellitenbilder aus den vom Unwetter betroffenen Gebieten werden seit heute Morgen aufgenommen. Diese Bilder werden, sobald verfügbar, den Beteiligten im Krisenmanagement zur Verfügung gestellt", sagte Vizepräsident Thomas Herzog dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das BBK kümmere sich zudem auch um die Koordinierung von Hilfen, beispielsweise von Helikoptern zur Rettung von Menschen oder Zapfstellen zur Abgabe von Trinkwasser.

Ein Panzer fährt über Geröll in Aachen. | dpa

Die Bundeswehr setzt Panzer zur Bergung ein - wie hier in Aachen. Bild: dpa

Talsperren werden abgelassen und kontrolliert

An einigen Talsperren wird das Wasser kontrolliert abgelassen, einige anliegende Ortschaften werden evakuiert. Mehrere Tausend Einwohner sind betroffen. In mehreren Städten im Ruhrgebiet sollen Anwohner wegen des Hochwassers ihr Trinkwasser abkochen. Durch das Hochwasser sei das Uferfiltrat von Flusswasser beeinträchtigt worden, daher sei mit gravierenden Geschmacks- und Geruchsveränderungen zu rechnen.

Im Kreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen soll ein Gutachter erneut die Steinbachtalsperre unter die Lupe nehmen. Der Wasserstand war am Donnerstagabend durch Abpumpen zwar gesunken. Die Talsperre war von einem Sachverständigen am Vortag als "sehr instabil" eingestuft worden. Deswegen wurden aus Sicherheitsgründen mehrere Ortschaften evakuiert. Betroffen waren rund 4500 Einwohner.

Schnelle Hilfe für betroffene Regionen

Das nordrhein-westfälische Kabinett berät am Vormittag in einer Sondersitzung über die Lage und Hilfen für die betroffenen Kommunen. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sagte am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner", es müssten Wege gefunden werden, sehr schnell wieder Straßen, Brücken und andere Infrastruktur in Gang zu setzen. Das Land werde helfen, nötig sei aber auch "eine große nationale Kraftanstrengung, damit schnell die schlimmsten Dinge beseitigt werden".

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) will sich am Morgen in Trier über die Situation in ihrer Heimatstadt informieren. Wegen des starken Hochwassers im Mosel-Nebenfluss Kyll waren in Trier und Umgebung am Donnerstag Tausende Menschen in Sicherheit gebracht worden, auch ein Krankenhaus musste evakuiert werden. An allen Behörden in Rheinland-Pfalz werden die Fahnen am Freitag auf halbmast gesetzt.

Schäden in Millionenhöhe

Die Schäden durch die Wassermassen sind in beiden Ländern immens. Das Land Rheinland-Pfalz stellte als kurzfristige Unterstützung 50 Millionen Euro bereit, um etwa Schäden an Straßen, Brücken und anderen Bauwerken zu beheben. Die Bundesregierung sicherte ebenfalls Hilfen zu.

Grünen-Chef Robert Habeck sprach sich für die Auflage eines Hilfsfonds aus. "Ich fände es richtig, wenn wir jetzt sehr schnell einen Hilfsfonds auflegen, wie es 2013 auch nach dem großen Elbhochwasser der Fall war", sagte er der "Welt". SPD-Chef Norbert Walter-Borjans sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Menschen, die um ihre finanzielle Existenz fürchteten, bräuchten schnell Klarheit. Aufräumarbeiten und Wiederaufbau gelängen nur mit großer Solidarität.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. Juli 2021 um 20:00 Uhr.

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Moderation 16.07.2021 • 12:10 Uhr

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