Ukrainische Soldaten in der Nähe von Donezk
Interview

Situation in der Ostukraine "Von Waffenruhe kann keine Rede sein"

Stand: 29.05.2015 19:38 Uhr

Die Menschen im Osten der Ukraine spüren keinen Hass, sie wollen nur Frieden. ARD-Korrespondent Olaf Bock war mit seinem Team im umkämpften Gebiet. Im tagesschau.de-Interview erzählt er, was er von Gefechten mitbekommen hat und wie die Bevölkerung damit umgeht.

tagesschau.de: Herr Bock, wie haben Sie die Lage in der Ostukraine erlebt?

Olaf Bock: Wir sind auf der ukrainischen Seite direkt bis zur Frontlinie, vorgefahren, und ich war überrascht zu sehen und zu hören, dass trotz der vereinbarten Waffenruhe dort insbesondere abends und nachts Feuergefechte stattfinden. Auch die Einwohner haben mir von wiederkehrenden Schusswechseln berichtet. Ein Kameramann, der in Schyrokyne auf der Gegenseite gedreht hat, hat uns sein Videomaterial gezeigt, auf dem schwere Gefechte zu sehen sind. Beides hat deutlich gezeigt, dass von einer Waffenruhe keine Rede sein kann. Dort werden vielleicht keine schweren Waffen eingesetzt, aber es gibt doch regelmäßig Gefechte. Auch in Mariupol haben wir auf der Straße doch deutlich das Donnern schwerer Geschütze gehört. Ich weiß allerdings nicht, wo sie zum Einsatz kamen.

Olaf Bock
Zur Person

Olaf Bock ist ARD-Korrespondent in Moskau. Zur Zeit ist er mit seinem Team in der Ukraine und ist für eine Reportage in das umkämpfte Gebiet in der Nähe von Mariupol gereist.

tagesschau.de: Wie ist die Lage der Zivilbevölkerung in der Ostukraine? Inwiefern können die Menschen dort ein normales Leben führen?

Bock: Je weiter die Menschen von der Frontlinie entfernt leben, desto normaler ist auch ihr Alltag. Dort hat die Bevölkerung so gut wie keine Einschränkungen. Spürbar sind für viele allerdings die mittlerweile stark gestiegene Preise. Je näher wir aber an das Kampfgebiet gekommen sind, desto mehr Menschen habe wir getroffen, deren Alltag nicht mehr funktioniert. Weil sie den Lärm der Gefechte mitbekommen, oder auch weil sie unmittelbar davon betroffen sind.

Wir haben am Stadtrand von Mariupol mit einer Frau gesprochen, in deren Nachbarschaft Ende Januar Geschosse eingeschlagen sind. Die Familie stand unter Schock und ist auch direkt abgereist. Das machen viele. Viele kommen aber auch nach wenigen Tagen oder Wochen wieder zurück. Denn sie wissen nicht, wohin sie längerfristig gehen können. Sie gehen vielleicht zu Familienangehörigen oder zu Freunden, haben dann aber kein Einkommen mehr, und können oder wollen letztendlich Haus oder Wohnung nicht zurücklassen.

"Putin für Flächenbrand verantwortlich"

tagesschau.de: Welchen Eindruck haben die Menschen in der Ostukraine von den Bemühungen der Regierung, den Konflikt zu lösen?

Bock: In den Gesprächen, die ich geführt habe, wurde die Politik immer wieder stark kritisiert, sowohl die ukrainische als auch die russische. Für die Menschen ist das Vorgehen der Politiker oft undurchsichtig. Viele haben auch Freunde auf der Gegenseite und verstehen nicht, warum es immer noch keine diplomatische Lösung des Konfliktes gibt.

Ich habe mich mit Vertretern einer Bürgerorganisation in Mariupol getroffen, die Spenden für Freiwilligenbataillone sammelt. Sie haben mir versichert, dass sie keinerlei Antipathien gegen die andere Seite hegen. In ihren Augen hat Wladimir Putin diesen politischen Flächenbrand ausgelöst. Und sie kritisieren die russischen Medien sehr stark dafür, dass sie die Idee einer faschistischen Gefahr von der ukrainischen Seite immer wieder thematisieren und den Eindruck erzeugen, die prorussische Bevölkerung müsste Angst vor den Ukrainern haben.

Ukrainische Soldaten in der Nähe von Donezk

Ukrainische Soldaten tragen einen Granatwerfer in der Nähe von Donezk am 29.05.2015.

tagesschau.de: Haben die Bürger in der Ostukraine noch Hoffnung auf eine baldige Lösung des Konflikts?

Bock: Es gibt Hoffnung, aber es scheint mir eher der verzweifelte Wunsch besonders der Zivilbevölkerung zu sein. Die Menschen vor allem in der Grenzregion sind es leid, ständig in Angst um ihre Verwandten zu leben. In Dserschynsk hat mir eine Frau erzählt, dass jedes Mal, wenn die Gefechte wieder losgehen, die ganze Familie in den Keller läuft und nicht weiß, ob das Haus später noch steht. Denn sie hätten es auch schon erlebt, dass Geschosssplitter in das Haus eingeschlagen sind.

Russische Drohgebärden

tagesschau.de: Außenminister Steinmeier hat auf seiner Reise vor einer neuen militärischen Eskalation gewarnt. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Bock: Ich halte die Warnung von Frank-Walter Steinmeier für sehr berechtigt. Denn wie gesagt - die Waffen schweigen trotz der vereinbarten Waffenruhe nicht. Dazu gibt es Gerüchte und Spekulationen, dass das russische Militär Truppen und Kriegsgerät an die ukrainische Grenze verlegt. Das beobachten die Ukrainer natürlich mit Sorge. Sie wissen nicht, ob das Vorboten einer militärischen Intervention sein könnten oder nur Drohgebärden.

tagesschau.de: Kann man von Steinmeiers Besuch in der Ukraine neue Impulse für den Friedensprozess erwarten?

Bock: Ich glaube, dass jeder Versuch, den Konflikt diplomatisch zu lösen, richtig ist. Das Zentrale aus meiner Sicht ist, im Gespräch zu bleiben. Die militärische Konfrontation kann niemals eine Lösung sein. Nur mit Diplomatie kann man zu einer dauerhaften Lösung kommen, insofern finde ich das Engagement deutscher Politiker sehr gut. Schließlich sind wir durch die Beziehungen zur Ukraine und auch zu Russland dazu verpflichtet, sich in den Konflikt einzuschalten, der mitten in Europa stattfindet.

Das Interview führte Natalia Frumkina für tagesschau.de

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KOMMENTARE

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Bibendum 30.05.2015 • 03:04 Uhr

@Torsten: wie auch schon von

@Torsten: wie auch schon von der TS berichtigt, waren es keine offiziellen OSCE Mitarbeier...