Stiefel von Bundeswehrsoldaten | picture alliance/dpa

Zustand der Bundeswehr Mehr oder weniger blank?

Stand: 24.02.2022 20:57 Uhr

Aus den Aussagen von Heeresinspekteur Mais sprach Frust: Die Bundeswehr stehe "mehr oder weniger blank da". Man habe nur begrenzte Optionen gegenüber Russland. Verteidigungsministerin Lambrecht sieht das anders.

Von Oliver Neuroth, ARD-Hauptstadtstudio

Aus diesen Worten sprechen Frust und Enttäuschung. Für Heeresinspekteur Alfons Mais ist die Bundeswehr jahrelang vernachlässigt worden. Er schreibt im Netzwerk Linkedin: "Ich hätte in meinem 41. Dienstjahr im Frieden nicht geglaubt, noch einen Krieg erleben zu müssen. Und die Bundeswehr, das Heer, das ich führen darf, steht mehr oder weniger blank da." Es ist ungewöhnlich scharfe Kritik vom höchsten General des Heeres. "Das fühlt sich nicht gut an! Ich bin angefressen!"

Immer wieder hat die Bundeswehr in den vergangenen Jahren für Negativschlagzeilen gesorgt: Panzer und Flugzeuge, die nicht einsatzfähig waren. Das Verteidigungsministerin schreibt in einem Bericht aus dem Dezember, dass 77 Prozent der Hauptwaffensysteme einsatzbereit seien. Demnach liegt die Quote bei Kampfflugzeugen bei 71, bei Hubschraubern dagegen nur bei 40 Prozent.

Högl: "Jetzt aber mal schnell"

Aus Sicht des Bundeswehrverbandes sieht die Realität anders aus: Deutlich weniger Systeme seien tatsächlich funktionsfähig. Auch die Wehrbeauftragte des Bundestages, die SPD-Politikerin Eva Högl, sieht die Bundeswehr nicht gut genug ausgestattet.

Sie sagte dem ARD-Hauptstadtstudio: "Wenn ich mit Soldatinnen und Soldaten über Kälte- und Nässeschutz diskutieren muss, dann muss ich sagen: 'Jetzt aber mal schnell.' Alles, was die Soldatinnen und Soldaten am Mann und an der Frau brauchen, muss beschafft werden. Bündnis- und Landesverteidigung ist nicht mehr länger graue Theorie, wenn sie das jemals war. Sie ist bittere Realität. Und dafür gilt es jetzt, alles zu tun."

Lambrecht sieht das anders

Gegenworte kommen von Högls Parteikollegin und Verteidigungsministerin Christine Lambrecht. Sie schätzt die Lage der Bundeswehr deutlich positiver ein und sicherte der NATO die volle Unterstützung Deutschlands im Fall der Fälle zu: "Ein klares Bekenntnis: Alliierte können sich auf uns verlassen, da sind wir entsprechend aufgestellt, das ist überhaupt nicht in Frage zu stellen. Und ich kann nur jedem raten, der Verantwortung trägt, alle Kraft darauf zu verwenden, die Herausforderungen zu erfüllen. Das ist das Gebot der Stunde." Ein Seitenhieb auf den Heeresinspekteur und seine Kritik am Zustand der Bundeswehr.

Auch die größte Oppositionsfraktion im Bundestag, die Union, teilt die Einschätzung des Generals nicht. Für CDU-Mann Henning Otte aus dem Verteidigungsausschuss steht es um die Bundeswehr gut, wenn auch nicht perfekt. "Die Bundeswehr ist nicht blank. Aber Deutschland muss den Beitrag für NATO-Fähigkeiten erhöhen. Das heißt, wir müssen für die Bundeswehr die Vollausstattung anstreben, um deutlich zu machen, dass wir bei der Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit der Lage angemessen uns viel stärker aufstellen müssen."

Diskussion über Wehretat

Eine Diskussion über die Kosten und die Höhe des Wehretats nimmt schon Fahrt auf. Gefragt ist die Bundeswehr aktuell in Litauen, an der Ostgrenze der NATO. Dort führt Deutschland seit 2017 einen NATO-Kampftruppeneinsatz. Das Ziel: Russland abzuschrecken. Rund 600 deutsche Soldaten sind in Litauen stationiert, gut 350 sollen hinzukommen, außerdem 100 Bundeswehr-Fahrzeuge. Inwieweit deutsche Soldaten in weitere Missionen der NATO eingebunden werden könnten, ist bisher nicht klar.

Für Michael Brzoska vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg steht fest: Selbst wenn die Bundeswehr aktuell nicht in Bestform sei - ein Grund zur Beunruhigung sei das nicht. Er sagte tagesschau24: "Man muss immer im Hinterkopf haben, dass die NATO insgesamt, wenn es also darum geht, dass die NATO angegriffen wird, Russland militärisch deutlich überlegen ist."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Februar 2022 um 21:00 Uhr.