Hinweis auf das Europäische Parlament auf mehrsprachigem Schild | picture alliance / imageBROKER

EU-Ratspräsidentschaft Mit KI durch den EU-Sprachendschungel

Stand: 06.10.2020 04:27 Uhr

24 Sprachen muss die deutsche Ratspräsidentschaft seit dem 1. Juli managen. In Saarbrücken haben Forscher dafür ein neuronales Übersetzungssystem entwickelt. Ohne menschliche Hilfe geht es aber trotzdem nicht.

Von Anika Lenthe, SR

"In Vielfalt geeint", ist das Motto der EU. Vielfalt heißt aber auch Herausforderung - vor allem, wenn es um Sprachen geht. Für die deutsche Ratspräsidentschaft hat das Deutsche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken dafür ein neuronales Übersetzungssystem entwickelt.

van Genabith | ARD aktuell

Projektleiter Josef van Genabith: Durch Vernetzung und Interaktion der Neuronen lernen. Bild: ARD aktuell

Was nach menschlichem Gehirn klingt, funktioniert auch ganz ähnlich. Künstliche neuronale Netze erlernen und erkennen nicht nur einzelne Worte, sondern ganze Kombinationen und Zusammenhänge. "Es ist dem sehr ähnlich, was unser Gehirn macht. Die Idee ist, dass wir in unserem Gehirn ein paar Millionen Neuronen haben und dass wir durch die Vernetzung und Interaktion der Neuronen lernen", sagt Projektleiter Josef van Genabith. "Zum Beispiel, wenn wir etwas vergessen, neue Vernetzungen stattfinden oder durch neue Lernerfolge neujustiert oder verfestigt werden."

Dafür brauchte es im Vorfeld Massen an Daten, mit denen das System gefüttert werden musste. Diese Daten kamen in Form von Texten von den Ministerien. Je mehr Daten - umso besser wird der Translator presidencymt.eu. Es ist ein andauernder Prozess.

14 Millionen Wörter übersetzt

Dieser Prozess macht das System schneller: Allein im ersten Monat hat der Translator 14 Millionen Wörter übersetzt. Ein Mensch hätte dafür 27 Jahre gebraucht. Der Mensch wird durch das System aber nicht überflüssig.

Die Forscher sind dringend auch auf das Feedback menschlicher Übersetzer angewiesen. Denn auch der Translator ist nicht frei von Fehlern. So übersetzt er den Satz "J’ai mangé un avocat" (Ich habe eine Avocado gegessen) unter Umständen mit: Ich aß einen Anwalt.

Auch der österreichische Kanzler Sebastian Kurz kann zu Problemen führen, gerade wenn der Nachname am Satzanfang steht. Die Sicherheit des EU-Council-Translators ist nach Angaben der Forscher gewährleistet. Nichts wird gespeichert, alle Daten werden gelöscht. Alles passiert auf europäischen Servern.

Internationales Projekt

Überhaupt ist das Projekt ein sehr europäisches, wenn nicht gar internationales - die beteiligten Unternehmen kommen alle aus Europa. Und auch die Forscher sind ein gemischtes Team mit Experten unter anderem aus China, Spanien, Russland, Bulgarien und dem saarländischen Dudweiler.

Das DFKI arbeitet bei dem Projekt mit den Unternehmen Tilde aus Lettland und DeepL aus Köln zusammen. Tilde stellt dabei die Infrastruktur, hat das auch schon für frühere Ratspräsidentschaften getan - DeepL ist ein Online-Übersetzungsdienst. Gemeinsam mit den E-Translation-Systemen der EU ermöglicht dies Übersetzungen in alle 24 Amtssprachen der EU.