Campinganhänger, Trümmerteile und Müll stauen sich in der Ahr vor der Burg Kreuzberg. | dpa

Flutkatastrophe Zahl der Todesopfer steigt weiter

Stand: 17.07.2021 13:32 Uhr

Die Bergungsarbeiten in den Hochwasserregionen laufen auf Hochtouren. Die Zahl der Todesopfer ist weiter gestiegen. Im Kreis Heinsberg mussten Rettungskräfte Hunderte Menschen nach einem Dammbruch in Sicherheit bringen. Die Wetterlage bleibt angespannt.

Die Lage in den schwer von der Unwetterkatastrophe betroffenen Gebieten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bleibt unübersichtlich. Während vielerorts die Bergungsarbeiten voranschreiten, erhöhte sich die Zahl der bekannt gewordenen Todesopfer auf mindestens 135. Zahlreiche Menschen werden weiterhin vermisst.

Im Großraum Ahrweiler in Rheinland-Pfalz stieg die Zahl der Todesopfer nach Polizeiangaben auf mindestens 90. Es sei zu befürchten, dass noch weitere Todesopfer hinzukommen, teilte die Polizei mit. Zudem gebe es mehr als 618 Verletzte. Auch diese Zahl könne sich noch weiter erhöhen. Gestern hatte Innenminister Roger Lewentz (SPD) noch von 63 Todesopfern in Rheinland-Pfalz gesprochen. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) sprach von mindestens 43 Toten in seinem Bundesland.

Rettungsaktion in Erftstadt abgeschlossen

Mit Gesamtangaben zu Vermissten hielten sich die Behörden weitgehend zurück. Im besonders betroffenen rheinland-pfälzischen Kreis Ahrweiler ist seit Donnerstagabend die Zahl der vermissten Menschen unklar. Da das Mobilfunknetz und die Telefonleitungen ausgefallen sind, gibt es keine Möglichkeit der telefonischen Kontaktnachverfolgung.

Dramatische Szenen spielten sich auch im südlich von Köln gelegenen Erftstadt ab. Die über die Ufer getretene Erft unterspülte zahlreiche Häuser und brachte diese ganz oder teilweise zum Einsturz. Es kam zu Erosion, wodurch größere Bodenbereiche wegbrachen.

Die Rettungsaktion für Anwohner ist einem Sprecher des Rhein-Erft-Kreises zufolge mittlerweile abgeschlossen. 170 Menschen seien teils mit Hilfe von Hubschraubern aus dem überfluteten Gebiet gerettet worden, sagt der Sprecher. Bislang sei nichts über Schwerverletzte oder Tote bekannt. Es sei aber nicht auszuschließen, dass die Retter bei den Aufräumarbeiten Tote finden könnten. Die Lage im Kreis insgesamt habe sich leicht entspannt, der Pegel der Erft sei leicht gesunken.

Auf der Bundesstraße 265 hat die Bundeswehr begonnen, die von den Fluten eingeschlossenen Fahrzeuge mit Radpanzern zu bergen. Menschen seien in den Lastwagen und Autos bisher nicht entdeckt worden, teilte die Feuerwehr der Stadt Erftstadt mit. Auf der B265 waren zahlreiche Fahrzeuge überspült worden. Eine Sprecherin des Rhein-Erft-Kreises hatte gestern gesagt, es sei unklar, ob alle Insassen es rechtzeitig aus ihren Wagen geschafft hätten, als sie von den Wassermassen überrascht wurden.

In ganz NRW sind nach Angaben des Innenministeriums rund 22.000 Einsatzkräfte von Feuerwehr und Hilfsorganisationen wie dem Technischen Hilfswerk (THW) an den Rettungsarbeiten beteiligt. Hinzu kämen 700 Beamte der Landespolizei und Kräfte der Bundespolizei sowie Einsatzkräfte aus Hessen, Niedersachsen und Hamburg.

Viele Straßen in Rheinland-Pfalz weiterhin gesperrt

Auch in dem vom Hochwasser massiv betroffenen Trierer Stadtteil Ehrang sind die Aufräumarbeiten in vollem Gang. "Da stapeln sich die Berge von Sperrmüll", sagte ein Stadtsprecher. Erste Anwohner gingen zurück in die Häuser. "Wer da geschlafen hat, hatte kein Wasser und keinen Strom." Betroffen sind der Stadt zufolge 670 Häuser, bei denen im Keller und Erdgeschoss fast alles zerstört wurde.

Nach Einschätzung der Behörden können die ersten Bewohner im Laufe des Tages wieder in ihre Wohnungen zurückkehren. "Das ist aber natürlich nur bei Gebäuden möglich, die standsicher sind und deren Statik intakt ist", fügte eine Sprecherin des Führungs- und Lagezentrums in Trier hinzu. Statik-Experten untersuchten daher nach wie vor, wie stark einzelne Gebäude in dem Stadtteil von Flutschäden betroffen sind.

Im Ahrtal sind etliche Straßen weiterhin gesperrt oder nicht mehr befahrbar. Durch das Abfließen der Wassermassen werden dort und an der Mosel die von den Fluten angerichteten Schäden sichtbar. Auch die Infrastruktur hat schweren Schaden genommen: In dem besonders stark betroffenen Landkreis Ahrweiler sind Brücken zerstört, der Zugverkehr ist in Rheinland-Pfalz wegen der Überflutungen weiterhin massiv beeinträchtigt.

Dammbruch im Kreis Heinsberg

Während sich die Lage an der Steinbachtalsperre entspannte und Wasser kontrolliert abgelassen werden konnte, brach im Kreis Heinsberg am Freitagabend ein Damm. Die Ortschaft Ohe wurde vollständig evakuiert, die Evakuierung des Wassenberger Ortsteils Ophovens wurde am Abend eingeleitet. Betroffen waren davon 700 Menschen. "Insgesamt stagnieren die dortigen Wasserpegel derzeit", teilte die Stadt Wassenberg mit.

Wie der WDR berichtet, liegt die Ursache laut Bürgermeister Marcel Maurer darin, dass an der Stelle, wo die Rur in die Maas fließt, auf niederländischer Seite Schleusenklappen geschlossen wurden, sodass es momentan zum Rückstau kommt. Der Bürgermeister nahm Kontakt mit den Niederländern auf, damit dort wieder die Schleusen geöffnet werden.

Wetterlage weiter angespannt

Auch in Baden-Württemberg machten Unwetter und Hochwasser den Menschen zu schaffen. In einigen Regionen wurden Straßen gesperrt, im Allgäu stand ein Wohngebiet unter Wasser. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnt vor Starkregen und Gewittern etwa in Oberschwaben. Vor allem in kleineren Gewässern könne der Wasserstand schnell ansteigen. Den Angaben des DWD zufolge werden Starkregen und Überschwemmungen auch in Bayern erwartet.

Das Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz meldete bis Samstagmorgen zwar für fast das ganze Bundesland eine geringe Hochwassergefährdung. In der Region rund um Altenahr sowie in Teilen der Eifel seien aber noch immer vereinzelte Überflutungen möglich. In NRW wird mit fallenden Wasserständen gerechnet, dies werde aber teils nur langsam geschehen. Die Pegelstände bewegten sich oft noch oberhalb der Warnschwellen, so das Landesumweltamt.

Das Rhein-Hochwasser erreichte bei Köln in der Nacht seinen Höchststand mit 8,06 Metern, danach fiel laut Städtischen Entwässerungsbetrieben der Wasserstand wieder. Für die nächsten Tage seien keine "abflusswirksamen Niederschläge" vorhergesagt, so dass der Rheinwasserstand in Köln weiterhin fallen werde.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Juli 2021 um 15:00 Uhr.

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