Die Bundesstraße 266 ist bei Lohrsdorf großflächig unterspült, Schutt liegt auf der Fahrbahn. | dpa

Flutkatastrophe "Jede Stunde neue Hiobsbotschaften"

Stand: 17.07.2021 00:05 Uhr

Mehr als hundert Tote, weiterhin viele Vermisste - Politiker und Experten rechnen damit, dass die Opferzahlen noch steigen. Denn inzwischen geht das Wasser vielerorts langsam zurück und die Bergungsarbeiten schreiten voran.

Die durch Starkregen ausgelösten Überschwemmungen und Erdrutsche im Westen Deutschlands haben bislang mindestens 106 Menschen das Leben gekostet. Mit dem Voranschreiten der Bergungsarbeiten steigt die Zahl der Toten weiter an.

Die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer (SPD) und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) äußerten die Sorge, dass sich die Zahl der Opfer noch erhöhen werde.

Mindestens 63 Tote in Rheinland-Pfalz

Nach Dreyers Worten hat die Katastrophe unzählige Menschen schwer traumatisiert. "Das Leid nimmt heute dramatisch zu, weil wir jede Stunde neue Hiobsbotschaften bekommen", sagte sie in Mainz. Viele Anwohner würden noch immer vermisst.

Besonders tragisch sei die Situation in Sinzig, wo zwölf Bewohner einer Behinderteneinrichtung ertranken. "Das ist ganz, ganz schrecklich, wenn man nur eine Sekunde lang daran denkt, dass in einem Wohnheim so viele Menschen umgekommen sind", sagte Dreyer. Nach Angaben des SWR war das Erdgeschoss der Lebenshilfe-Einrichtung in der Nacht zum Donnerstag innerhalb weniger Minuten komplett überflutet worden. Den Mitarbeitern sei es nicht mehr gelungen, die Bewohner in Sicherheit zu bringen.

In den Überschwemmungsgebieten gehen die Bergungs- und Aufräumarbeiten weiter. Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) berichtete, nach dem Ablaufen des Wassers aus Kellern oder dem Leerpumpen würden immer wieder Tote gefunden. Ein Sprecher des rheinland-pfälzischen Landesinnenministeriums sprach am Nachmittag von mindestens 63 Toten, die insgesamt bereits geborgen worden seien.

Allein im Kreis Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz wurden mindestens 362 Menschen verletzt, wie die Polizei in Koblenz mitteilte. Allein im Örtchen Schuld an der Ahr mit 700 Einwohnern wurden mehrere Häuser von den Wassermassen mitgerissen und zahlreiche weitere Gebäude teils schwer beschädigt. Erhebliche Schäden gab es auch in anderen Regionen der Eifel und im Landkreis Trier-Saarburg.

Merkel und Steinmeier planen Besuch im Katastrophengebiet

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nahm am Nachmittag an einer Videokonferenz des Landeskrisenstabs Rheinland-Pfalz teil. Sie habe sich im Gespräch mit Ministerpräsidentin Dreyer und Vertretern der Einsatzkräfte über die aktuelle Lage in den Katastrophengebieten und den Stand der Rettungsarbeiten informiert, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Merkel sei mit der Landesregierung im Gespräch über einen "baldigen Besuch im Katastrophengebiet".

Am Abend folgte eine Videokonferenz mit NRW-Ministerpräsident Laschet und Innenminister Reul. Auch hier kündigte sie einen Besuch in den besonders betroffenen Flutgebieten an. Neben der Bundeskanzlerin will auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier NRW besuchen. Er kommt am Samstag in den besonders getroffenen Rhein-Erft-Kreis.

Bereits vor Ort ist Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Sie reiste nach dem Abbruch ihres Urlaubs in die Krisengebiete. Wie eine Sprecherin am Freitagabend mitteilte, will sich die Parteichefin dort über die Lage der Menschen informieren. Dabei verzichte sie bewusst auf Pressebegleitung oder öffentliche Auftritte. Den Angaben zufolge traf Baerbock bereits in Mainz ein, für Samstag sind weitere Termine in Nordrhein-Westfalen angesetzt.

NRW: "Flutkatastrophe historischen Ausmaßes"

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Laschet sprach am zweiten Tag nach dem Starkregen von einer "Flutkatastrophe von historischem Ausmaß". Allein in seinem Bundesland hätten mindestens 43 Menschen ihr Leben verloren. Er dankte allen Rettungskräften. NRW-Innenminister Reul zufolge sind in dem Bundesland 25 Städte und Landkreise von den Fluten betroffen. Rund 19.000 Kräfte etwa von Feuerwehr und THW seien im Einsatz.

In Erftstadt-Blessem südwestlich von Köln führten gewaltige Erdrutsche zu einer dramatischen Lage. Es bildeten sich Krater im Erdreich, Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg stürzten ein. Teile der Autobahn A1 wurden von der über die Ufer getretenen Erft unterspült. Die Behörden rechneten mit Todesopfern im Verlauf der Bergungsarbeiten.

Am Nachmittag waren in beiden Bundesländern noch rund 102.000 Menschen ohne Strom.

Dammbruch im Kreis Heinsberg

Die Lage an den Talsperren in NRW entspannte sich am Abend leicht. Nach Informationen der Bezirksregierung Köln wurde der bislang verstopfte Grundablass der Steinbachtalsperre freigelegt, wie es in einer Mitteilung hieß. Über diese Öffnung kann jetzt Wasser kontrolliert abgelassen werden, um den Druck auf dem Bauwerk zu senken. Das Technische Hilfswerk (THW) pumpte zusätzlich Wasser ab. Am Nachmittag hatte der Kreis gemeldet, dass eine Drohne keine kritischen Risse an dem Bauwerk entdeckt hatte.

Auch an der Rurtalsperre gab es zunächst Entwarnung: Der Wasserverband Eifel-Rur spricht von einer "geringen Dynamik". Auch an einigen anderen Orten deutete sich bei sinkenden Pegelständen etwas Entspannung an.

Im Kreis Heinsberg brach am Freitagabend jedoch ein Damm. Die Ortschaft Ohe wurde vollständig evakuiert, mit der Evakuierung des Wasserberger Ortsteils Ophovens wurde am späten Abend begonnen, wie der WDR berichtet. 700 Einwohner werden in Sicherheit gebracht.

Hochwasser in Baden-Württemberg

Weiter südlich in Baden-Württemberg machten Unwetter und Hochwasser den Menschen zu schaffen. In einigen Regionen wurden erneut Straßen gesperrt, im Allgäu stand ein Wohngebiet unter Wasser. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnte vor Starkregen und Gewittern etwa in Oberschwaben. Vor allem in kleineren Gewässern könne der Wasserstand schnell ansteigen.

Bundesregierung will Hilfspaket schnüren

Die Bundesregierung will innerhalb weniger Tage umfangreiche Finanzhilfen für die Hochwasser-Geschädigten vorbereiten. "Das Konzept dafür entwickelt mein Haus gerade noch mit der Bundeskanzlerin und Bundesfinanzminister Olaf Scholz", sagt Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) dem "Spiegel". "Es soll möglichst schon am Mittwoch ins Kabinett."

Details wolle er nicht nennen, bevor es ein klares Bild vom Ausmaß der Schäden gebe. "Aber Sie können davon ausgehen, dass es ein großes Paket sein wird", sagte Seehofer. Beim sogenannten Jahrhunderthochwasser, von dem 2013 acht Bundesländer betroffen waren, hatte die Bundesregierung einen Fluthilfefonds über acht Milliarden Euro aufgelegt.

Rheinland-Pfalz stellte als kurzfristige Unterstützung 50 Millionen Euro bereit, um etwa Schäden an Straßen, Brücken und anderen Bauwerken zu beheben. NRW-Regierungschef Laschet kündigte ein mehrstufiges Hilfsprogramm für die Opfer der Unwetterkatastrophe in seinem Bundesland an. Die bisher für Soforthilfen bei Starkregenereignissen zur Verfügung stehenden Mittel würden "bei weitem nicht ausreichen".

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Juli 2021 um 15:00 Uhr.