US-Soldaten in Afghanistan | Bildquelle: AFP

Teilabzug von US-Truppen Trump-Pläne besorgen Bundesregierung

Stand: 18.11.2020 20:48 Uhr

Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit will US-Präsident Trump weitere Soldaten aus Afghanistan und dem Irak abziehen. Die Bundesregierung warnt vor Überstürzung. Was bedeutet das für die Bundeswehr?

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Rücksicht auf seine Verbündeten nimmt US-Präsident Trump auch in den letzten Wochen seiner Amtszeit nicht, wieder einmal stellt er die Deutschen vor vollendete Tatsachen: Der Noch-Präsident will die Zahl der US-Soldaten in Afghanistan und im Irak bis Mitte Januar auf 2500 reduzieren. Entsprechend verschnupft reagierte denn auch die Bundesregierung auf diese Ankündigung. Man dürfe bitte nicht durch überstürzte Handlungen gefährden, was man erreicht habe, warnt Außenminister Heiko Maas: "Deshalb sind wir insbesondere besorgt, was die US-Ankündigung für den Fortgang der Friedensgespräche in Afghanistan bedeuten könnte."

US-Truppen im Irak | Bildquelle: ALI HAIDER/EPA-EFE/REX
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Die Anzahl der US-Soldaten im Irak und Afghanistan sollen nach dem Willem von US-Präsident Trump auf 2500 reduziert werden.

Maas fürchtet "zusätzliche Hürden"

Im Auswärtigen Amt fürchtet man, dass mit schwindender Truppenzahl auch der Druck auf die Taliban-Extremisten schwindet, sich am Verhandlungstisch irgendwie zu bewegen. Vor kurzem hatten Gespräche zwischen den Islamisten und der afghanischen Regierung in Doha begonnen: "Ohne Not sollten wir nicht zusätzliche Hürden aufbauen, die ein überstürzter Abzug aus Afghanistan ganz sicher zur Folge haben würde", mahnt Maas.

Jedenfalls muss die Bundesregierung nun erst einmal ausloten, was der - offensichtlich nicht vorab in Berlin angekündigte - Schritt des scheidenden US-Präsidenten für die Bundeswehr bedeutet. Fest steht, dass die deutschen Soldaten auf die Unterstützung der Amerikaner in Nordafghanistan dringend angewiesen sind. "Wir bemühen uns herauszufinden, auch in Verbindung mit unseren Partnern bei der NATO, was das konkret für die Fähigkeiten vor Ort bedeutet", erklärt Arne Collatz, Sprecher des Verteidigungsministeriums.

Sicherheit deutscher Soldaten in Gefahr

Hinter dieser Formulierung verbirgt sich konkret: Stellen die USA etwa im Ernstfall keine Luftunterstützung mit Kampfjets mehr zur Verfügung, wäre die Sicherheit der deutschen Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan nicht mehr zu garantieren. Dann wäre ein Abzug unausweichlich. Daher ist die Frage entscheidend, welches Material die abziehenden US-Soldaten mit nach Hause nehmen - und wer diejenigen sein werden, die bleiben: "Wenn das 2500 Sanitätskräfte sind, wird es nicht möglich sein, den Auftrag wahrzunehmen", formuliert der Ministeriums-Sprecher auf Nachfrage überspitzt.

Fest steht, dass man bei der Bundeswehr bereits seit Monaten Vorkehrungen für einen möglichen Abzug bis Ende April des kommenden Jahres trifft. Dieses Datum taucht in einem Abkommen der USA mit den radikalislamischen Taliban auf, ist jedoch an Bedingungen geknüpft. Eine NATO-Entscheidung steht noch aus.

Aktives Ausmisten

Wie das ARD-Hauptstadtstudio berichtete, ist die Bundeswehr bereits in Nordafghanistan mit etwa 100 Logistik-Experten vertreten, die für die Rückführung von Material zuständig sind. Und die auch prüfen, was vor Ort bleiben kann. "Aggressive Housekeeping" - also etwa: aktives Ausmisten - nennen das die Militärs. Es ist eine Experten-Anzahl, die schnell auf 150 wachsen kann. Jedenfalls muss die Truppe nun für verschiedene Szenarien planen. Darauf dringt auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Tobias Lindner: "Ich erwarte, dass jetzt Vorsorge getroffen wird, falls nicht Ende April, sondern in den kommenden Monaten ein Abzug schneller durchgeführt werden müsste."

Trump nimmt keine Rücksicht

Ein Abzug bis Mitte Januar allerdings wäre in der Tat eine logistische Herkulesaufgabe. Donald Trump stellt diejenigen, die eigentlich seine Verbündeten sein sollten, auch auf den letzten Metern noch, vor echte Herausforderungen. "Ich will auch keine Bilder, bei denen Bundeswehr-Soldaten fluchtartig das Land verlassen", sagt Lindner dem ARD-Hauptstadtstudio. Das in der Tat wären Bilder, die man auch bei der Bundeswehr unbedingt vermeiden möchte. Nach fast zwei Jahrzehnten Einsatz am Hindukusch.

Bundeswehr in Afghanistan vor dem Aus?
Kai Küstner, ARD Berlin
18.11.2020 20:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. November 2020 um 20:00 Uhr.

Korrespondent

Kai Küstner | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo NDR

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