Eine Intensivpflegerin läuft in der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Dresden. (Archivbild) | dpa

Corona-Lage in Sachsen Triage-Aussage sorgt für Aufsehen

Stand: 16.12.2020 18:24 Uhr

Kommt es in Sachsen bereits zu einer Triage - zu einer Lage, in der Ärzte entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen? Die Aussage eines Klinikdirektors sorgt für Aufsehen - das Krankenhaus sieht die Intensivmedizin an ihren Grenzen.

Kein Bundesland ist derzeit von der Corona-Pandemie so stark betroffen wie Sachsen, die Sieben-Tage-Inzidenz bezogen auf 100.000 Einwohner liegt dort laut Robert Koch-Institut derzeit bei 407,1 - mit gravierenden Auswirkungen auf das Gesundheitssystem.

Für Aufsehen sorgen daher Berichte, wonach der Ärztliche Direktor des Oberlausitzer Bergland-Klinikums, Mathias Mengel, in einem Online-Forum von Triage sprach. Triage bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen.

Ein Reporter des Deutschlandfunks hatte am Dienstag getwittert, Mengel habe gesagt, dass im Klinikum Zittau schon mehrfach triagiert werden musste. Grund seien zu wenige Beatmungsbetten.

"Wir mussten entscheiden, wer Sauerstoff bekommt"

Dem Nachrichtenportal t-online erklärte der Mediziner: "Wir waren in den vergangenen Tagen schon mehrere Male in der Situation, dass wir entscheiden mussten, wer Sauerstoff bekommt und wer nicht."

Es werde versucht, die Patienten, für die es keine Versorgung gibt, in eine andere Klinik zu verlegen, sagte Mengel demnach. Regelmäßig würden diese per Hubschrauber nach Leipzig und Dresden geflogen, aber nicht alle Patienten seien transportfähig, so Mengels Aussage laut Deutschlandfunk-Reporter Alexander Moritz.

Klinikum: Angespannte Situation

Die Geschäftsleitung des Bergland-Klinikums bestätigte die Berichte über eine Triage bei Corona-Patienten nicht, erklärte aber, dass die Versorgungssituation extrem angespannt sei.

Die Intensivmedizin stoße "an die Grenzen des Leistbaren", teilte der Träger, das Gesundheitszentrum des Landkreises Görlitz, mit. Die Kapazität der beiden eigens eingerichteten Corona-Infektionsstationen von insgesamt 100 Betten in den beiden Standorten des Klinikums könne nicht ausgeschöpft werden, weil Personal fehle.

"Bestmögliche Therapie"

Allerdings betonte die Einrichtung, dass alle Patienten, die in die beiden Krankenhäuser kommen, "die bestmögliche Therapie" erhielten. Sollten die Corona-Stationen keine Patienten mehr aufnehmen können, würden die Erkrankten in die umliegenden Krankenhäuser geflogen. Sollte das auch nicht mehr möglich sein, verschärfe sich die ohnehin angespannte Situation deutlich.

Hotspot Ostsachsen

Koordiniert werden die Kapazitäten in Ostsachsen von einer Krankenhausleitstelle, die am Uniklinikum Dresden angesiedelt ist. In den vergangenen Tagen hätten "verstärkt" Patienten aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz in entferntere Krankenhäuser verlegt werden müssen, sagte der Chef der Leitstelle, Christian Kleber.

Diese Transporte nach Dresden und Leipzig gebe es immer dann, wenn regionale Krankenhäuser keine Aufnahmekapazitäten für Corona-Patienten mehr hätten.

Weitere Engpässe erwartet

Noch habe es sich um Einzelfälle gehandelt. Es sei aber davon auszugehen, dass die Zahl der Fälle in den kommenden Tagen zunehmen werde. Ostsachsen mit den Kreisen Bautzen und Görlitz ist einer der Corona-Hotspots in Deutschland.

Der Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker erklärte, die Krankenhäuser der Region hätten ihre Leistungsgrenze in der Corona-Pandemie überschritten. Schnelle Hilfe sei nötig für die Verlegung von Patienten in andere Krankenhäuser. Die Kapazitäten der regionalen Rettungsdienste reichten dafür nicht mehr aus.

Kretschmer spricht von "Hilferuf"

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bezeichnete die Triage-Äußerungen als "Hilferuf". Der Arbeitsalltag in deutschen Krankenhäusern sei "extrem angespannt". Schutzmaßnahmen machten die Arbeit schwieriger, es gebe Personalausfall wegen Erkrankungen oder Quarantäne.

Zugleich verwies der CDU-Politiker auf die "geltenden ethischen und medizinrechtlichen Standards". Danach werde in Zittau und überall in Sachsen gearbeitet. Es gebe keine Covid-19-Regeln, die davon abweichen würden. Der medizinischen Behandlung liege immer eine individuelle Abwägung zugrunde.

Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping sagte, man habe in Zittau einen "Weckruf" gestartet, die Verantwortlichen wollten zeigen: "Wir wissen bald nicht mehr, wie wir die Patienten versorgen sollen", erklärte die SPD-Politikerin in Dresden am Rande einer Landtagsdebatte. Den Fall selbst könne sie nicht bestätigen, so Köpping.

Hans: "Ernsthaft kurz vor der Überlastung"

Auch aus anderen Regionen Deutschlands ist immer öfter zu hören, dass das Gesundheitssystem an die Grenzen kommt. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans sieht es "ernsthaft kurz vor der Überlastung".

Krankenhäuser hätten "die Grenzen ihrer Belastbarkeit" erreicht, beim Pflegepersonal gebe es bereits "erhebliche Engpässe", sagte er in einer Regierungserklärung im Landtag in Saarbrücken. "Wenn wir verhindern wollen, dass zu viele Menschen sterben, wenn wir verhindern wollen, dass unsere Ärztinnen und Ärzte, unsere Pflegekräfte vor der Entscheidung stehen, wen sie noch behandeln können, dann müssen wir jetzt handeln."

Der jetzt geltende Lockdown sei daher unumgänglich gewesen. "Wir müssen jetzt auf die Bremse treten", unterstrich Hans. Ziel sei eine Sieben-Tagen-Inzidenz von 50 und weniger: "Erst dann haben wir die Pandemie unter Kontrolle." Und erst dann könnten Einschränkungen wieder gelockert werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Dezember 2020 um 16:00 Uhr.

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Moderation 16.12.2020 • 17:55 Uhr

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