Asylsuchende beim BAMF | Bildquelle: dpa

BAMF und traumatisierte Flüchtlinge Politische Interessen vor Opferschutz?

Stand: 12.08.2019 09:15 Uhr

Flüchtlinge leiden häufig unter Traumata. Wie das BAMF damit umgeht, sorgt für Kritik. Gutachten würden teils mit Textbausteinen abgelehnt, bemängeln Ärzte und Psychotherapeuten. Die Behörde verteidigt sich.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) steht wegen des Umgangs mit psychisch erkrankten Flüchtlingen in der Kritik. Ärzte und Psychotherapeuten bemängeln, dass der Umgang mit traumatisierten Migranten in den vergangenen Jahren immer rigider geworden sei.

Das BAMF nutze in seinen Schreiben oftmals Textbausteine, um psychiatrische Gutachten und ärztliche Stellungnahmen als nicht ausreichend begründet abzuweisen, kritisiert Elise Bittenbinder, Vorsitzende der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) in den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Umgang "nicht mehr professionell"

Ihrer Meinung nach wirkt dies, "als würden sich die BAMF-Mitarbeiter nicht mehr professionell mit jedem Einzelfall auseinandersetzen, sondern pauschal und manchmal sogar sehr differenziert unsachgemäß urteilen". Als ginge es vor allem darum, "politische Interessen durchzusetzen, und nicht um Fachlichkeit oder den bestmöglichen Schutz von Opfern von Gewalt", sagte Bittenbinder.

Deutliche Kritik am Vorgehen der Behörden äußerte auch der Menschenrechtsbeauftragte der hessischen Landesärztekammer, Ernst Girth. "Die Regierungen, das BAMF und die Ausländerbehörden versuchen in vielen Fällen, kritische Ärzte aus den Abschiebeverfahren rauszuhalten", sagte er.

Passanten vor einem Gebäude des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge | Bildquelle: dpa
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Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge steht in der Kritik wegen angeblich unprofessioneller Prüfung.

Welche Rolle spielt das "Geordnete-Rückkehr-Gesetz"?

Das BAMF wies die Vorwürfe zurück. Bei Hinweisen auf psychische Erkrankungen seien die Mitarbeiter des Bundesamtes dafür sensibilisiert, "besonders einfühlsam mit den Betroffenen umzugehen", sagte ein Sprecher des Amtes den Funke-Zeitungen. Das BAMF setzt nach eigenen Angaben in den Asylverfahren 218 Sonderbeauftragte für Traumatisierte und Folteropfer ein. 

Im Juni wurde das "Geordnete-Rückkehr-Gesetz" vom Bundestag verabschiedet. Es soll eine bessere Durchsetzung der Ausreisepflicht gewährleisten. Teil des Gesetzes sind auch strengere Anforderungen an ärztliche Atteste für Flüchtlinge. So werden nur noch Atteste von Fachärzten wie Psychiatern für traumatisierte Flüchtlinge akzeptiert, nicht mehr von Psychotherapeuten.

Die Menschenrechtsbeauftragte des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), Eva van Keuk, sieht diesen Umgang kritisch. Deutschland könne es sich nicht leisten, mit den Psychotherapeuten eine ganze Berufsgruppe aus der Diagnostik von Traumatisierungen auszuschließen.

Viele Flüchtlinge sind traumatisiert

Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sind Posttraumatische Belastungsstörungen unter Flüchtlingen und Asylbewerbern im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um das Zehnfache höher.

Die AOK hat in einer Studie 2018 erhoben, dass viele der in Deutschland lebenden Flüchtlinge traumatisiert sind. Für die Untersuchung wurden mehr als 2000 Asylbewerber aus Syrien, dem Irak und Afghanistan befragt - mehr als 74 Prozent gaben an, persönliche Gewalterfahrungen zu haben.

Nach BAfF-Angaben haben Ärzte und Psychotherapeuten 2013 etwa 10.000 traumatisierte Flüchtlinge versorgt, 2018 waren es laut Bittenbinder mehr als 20.000. 

Was ist ein Trauma?

Das Wort "Trauma" kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "Verletzung". Ein Trauma kann durch Naturkatastrophen, Terrorangriffe, aber auch durch einen schweren Verkehrsunfall ausgelöst werden. Solche Ereignisse führen fast bei jedem Menschen zu extremen Stress, Hilflosigkeit und Entsetzen.

Zeigen sich unmittelbar nach dem Ereignis Symptome wie Betäubtheit oder Gefühlsschwankungen, sprechen Psychologen von einer Akuten Belastungsreaktion, die meist nach kurzer Zeit von allein abklingt. Halten die Symptome länger an, kann sich eine Posttraumatische Belastungsstörung PTBS mit Flashbacks, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit und Gleichgültigkeit entwickeln. Womöglich sind Betroffene nicht mehr in der Lage, sich gesellschaftskonform zu verhalten und werden zum Beispiel in Stresssituationen gewalttätig.

Ob und wie Menschen reagieren, hängt von der Persönlichkeitsstruktur, dem Umfeld oder auch vom Alter ab. Sehr junge und sehr alte Menschen haben ein hohes Risiko, an PTBS zu erkranken.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. August 2019 um 09:00 Uhr in den Nachrichten.

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