Tote Fische schwimmen in der Oder. | dpa

Fischsterben in der Oder Wohl Substanz ins Wasser geleitet - aber welche?

Stand: 12.08.2022 20:17 Uhr

Tausende Fische sind in der Oder verendet. Woran? Das ist noch nicht geklärt. Polnische Behörden gehen von einer "Substanz" im Wasser aus. Naturschützer befürchten, dass die Folgen über Jahre spürbar sein könnten.

Nach dem Verenden Tausender Fische in der Oder an der Grenze zu Polen ist die Ursache weiter unklar. Einige Hinweise führen allerdings nach Polen: Dort gehen die Behörden mittlerweile davon aus, dass eine Straftat die Ursache für das massenhafte Fischsterben ist.

"Es ist am wahrscheinlichsten, dass wir es mit einer Straftat zu tun haben, wo eine Substanz dem Wasser hinzugefügt wurde, die den Tod von Fischen und anderen Organismen verursacht", sagte der stellvertretende polnische Klima- und Umweltminister, Jacek Ozdoba. Nach Angaben der polnischen Umweltschutzbehörde wurde das Fischsterben wahrscheinlich von einer Wasserverschmutzung durch die Industrie ausgelöst.

Tote Fische werden untersucht

Einige der verendeten Fische aus der Oder sollen nun in einem staatlichen polnischen Forschungsinstitut auf Metalle, Pestizide und andere giftige Stoffe untersucht werden. Mit Ergebnissen wird frühestens am Sonntag gerechnet. Bislang habe das Staatliche Forschungsinstitut in Pulawy noch keine Fische erhalten, sagte der Leiter Krzysztof Niemczuk der Nachrichtenagentur PAP.

Es gibt so viele Substanzen, die das Fischsterben verursacht haben könnten, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen können, was die Ursache sein könnte.

Viel Quecksilber nachgewiesen

In Deutschland war zuvor über eine Quecksilberverseuchung der Oder spekuliert worden. Der brandenburgische Umweltminister Axel Vogel (Grüne) bestätigte Meldungen, wonach eine Quecksilberbelastung in der Oder festgestellt worden sei. "Aber wir können zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Aussage treffen, dass Quecksilber ursächlich für den Tod der Fische verantwortlich ist", sagte Vogel.

Wir wissen im Moment nicht, woran sie wirklich gestorben sind.

Niedrigwasser könnte Grund sein

Möglich sei auch eine Kombination von mehreren Faktoren wie Hitze, geringer Wasserführung und Giftstoffen, sagte Vogel. "Es kann durchaus sein, dass es sich hierbei um Stoffe handelt, die lange schon in die Oder eingebracht wurden, aber normalerweise bei Mittelwasser überhaupt kein Problem darstellen."

Aktuell gebe es aber historische Niedrigwasserstände an der Oder. Solche geringen Wassermengen führten dazu, dass jeder Stoff im Wasser in einer höheren Konzentration vorliege, sagte Vogel. Von daher könne es durchaus sein, dass Stoffe, die normalerweise in der Dosierung nicht so gravierend seien, jetzt durch die erhöhte Dosis gefährlich würden.

Drohnen im Einsatz

Geklärt sei inzwischen, dass Fische auch in Deutschland sterben würden und nicht nur verendete Tiere aus Polen angeschwemmt worden seien, sagte der Umweltminister.

Die Landrätin des Kreises Uckermark, Karina Dörk, sagte, das Gebiet entlang der Oder werde mit Drohnen überflogen, um zu sehen, wie sich das Fischsterben weiter entwickle. Für morgen sei auf deutscher Seite ein Einsatz zum Einsammeln der toten Fische geplant.

Meldeketten in Polen versagt

Unterdessen gibt es immer mehr Kritik an den polnischen Behörden. Denn die hatten nach Darstellung des Infrastrukturministeriums in Warschau bereits Ende Juli Hinweise auf ein Oder-Fischsterben - das aber nicht an die deutschen Behörden weitergegeben.

In den Tagen vom 26. bis 28. Juli habe es in Polen die ersten entsprechenden Signale gegeben. Daraufhin seien Wasserproben entnommen und tote Fische geborgen worden. Das ergibt sich aus einem Kalender der polnischen Wasserbehörde, den das Ministerium am Freitag per Twitter veröffentlichte.

In den Tagen ab dem 28. Juli hätten die Proben dann auf einen ungewöhnlich niedrigen Sauerstoffgehalt des Wassers hingewiesen. Am 4. August habe das Umweltschutzamt in Wroclaw (Breslau) in Proben, die bei dem Ort Olawa in der Schleuse von Lipki entnommen wurden, eine toxische Substanz festgestellt. Am 9. August sei bei der Staatsanwaltschaft Anzeige erstattet worden.

Grundsätzlicher Gesprächsbedarf

Der Grünen-Fraktionsvorsitzende im brandenburgischen Landtag, Benjamin Raschke, sagte dazu: "Ich bin erschüttert. Nicht nur vom tausendfachen Sterben der Fische, auch vom Versagen der Informationskette aus Polen", sagte er. Wenn bei einer ökologischen Katastrophe einfache Meldeketten nicht funktionierten, gebe es grundsätzlichen Gesprächsbedarf.

Die Grünen-Sprecherin in Frankfurt (Oder), Alena Karaschinski, sieht das ähnlich. Sie sagte, der Frust sitze tief über den im Raum stehenden Vertrauensbruch.

Ein mehrfaches Versagen von Informationspflichten und eventuell sogar ein Vertuschungsversuch bei einer Umweltkatastrophe. Das wird bundespolitisch zwischen Deutschland und Polen aufzuarbeiten sein.

Polen entlässt zwei Spitzenbeamte

Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki zog bereits erste Konsequenzen: Weil sie zu langsam auf das Fischsterben in der Oder reagiert haben sollen, entließ er zwei Spitzenbeamte - den Chef der Wasserbehörde und den Leiter der Umweltbehörde. Morawiecki schrieb bei Twitter. "Ich teile die Ängste und die Empörung über die Vergiftung der Oder. Diese Situation konnte man auf keine Weise vorhersehen, aber die Reaktion der zuständigen Behörden hätte schneller kommen müssen."

Nach Einschätzung von Morawiecki wurde das Fischsterben offenbar durch die Einleitung von Chemie-Abfällen ausgelöst. "Es ist wahrscheinlich, dass eine riesige Menge an chemischen Abfällen in den Fluss gekippt wurde, und das in voller Kenntnis der Risiken und Folgen", sagte er in einer Videobotschaft.

Folgen für Nationalpark

Das massenhafte Fischsterben dürfte dabei nicht nur das Vertrauen in die polnischen Behörden belasten. Naturschützer gehen von weitreichenden Folgen für den Nationalpark Unteres Odertal aus.

"Die Auswirkungen sind einfach furchtbar", sagte der stellvertretende Nationalparkleiter Michael Tautenhahn. Seeadler und andere Vögel könnten Gift durch die toten Fische aufnehmen. Der Nationalpark Unteres Odertal zählt zu den artenreichsten Lebensräumen in Deutschland.

Folgen dürften noch jahrelang zu spüren sein

Nach Einschätzung von Brandenburgs Umweltminister Vogel werden die Folgen des Fischsterbens noch jahrelang zu spüren sein. "Für die Oder als ökologisch wertvolles Gewässer ist das ein Schlag, von dem sie sich mehrere Jahre vermutlich nicht mehr erholen wird", sagte der Grünen-Politiker bei einem Besuch in der Region. Die Fischbestände müssten erst langsam neu aufgebaut werden.

Wenn auch das Zooplankton, also die kleinen Lebewesen in der Oder, geschädigt sind - und davon ist auszugehen -, dauert es einen langen Zeitraum, bis überhaupt das Futter für die Fische wieder in ausreichendem Ausmaß in der Oder zu finden ist.

Ostsee wohl nicht gefährdet

Eine ernsthafte Gefährdung der Ostsee durch giftige Substanzen, die über den Fluss dorthin gelangen könnten, sieht Vogel dagegen nicht. "Ich würde erstmal davon ausgehen, dass, was immer sich auch in der Oder gerade befindet, so weit verdünnt wird, dass es in der Ostsee keinen Schaden mehr anrichten wird", sagte er.

Allerdings gibt es dazu noch keine verlässlichen Erkenntnisse.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. August 2022 um 14:00 Uhr.