Tönnies-Beschäftige mit Atemmasken gehen an einem Werkstor vorbei. | Bildquelle: REUTERS

Corona-Ausbruch bei Tönnies 1331 Infizierte - vorerst kein Lockdown

Stand: 22.06.2020 03:59 Uhr

Die Zahl positiver Corona-Tests beim Fleischverarbeiter Tönnies steigt auf 1331. NRW-Ministerpräsident Laschet sieht ein enormes Pandemierisiko. Anlass für einen Lockdown sei das aber nicht. Das Geschehen sei klar lokalisierbar.

Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies sehen die Behörden derzeit keinen Grund für einen Lockdown im Kreis Gütersloh. Es gebe zwar "ein enormes Pandemierisiko", sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet. Das Infektionsgeschehen sei aber klar bei der Firma Tönnies lokalisierbar und es gebe keinen "signifikanten Übersprung" hinein in die Bevölkerung.

Es gelte aber weiterhin der Satz, "dass wir einen flächendeckenden Lockdown im Moment nicht ausschließen können, aber solange wir alles tun, dass es gelingt, dass es nicht überspringt auf die Bevölkerung, können wir andere, bessere, zielgerichtetere Maßnahmen ergreifen", sagte Laschet. Er hatte sich zuvor in Gütersloh zusammen mit NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann über die Lage in Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück informiert.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagte der "Rheinischen Post": "Jetzt gilt es, jeden regionalen Ausbruch umgehend einzudämmen und die Infektionsketten zu unterbrechen." Deswegen müsse die für die Tönnies-Beschäftigten angeordnete Quarantäne dringend durchgesetzt werden. "Nur mit entschlossenem Handeln vor Ort in Ostwestfalen kann ein Übergreifen auf ganz Deutschland verhindert werden", mahnte Spahn. Es sei gut, dass die Landesregierung dem Geschehen höchste Priorität einräume.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte hingegen die umgehende Verhängung eines regionalen Lockdowns gefordert. "Bund und Länder haben Kontakt- und Ausgehbeschränkungen für den Fall von mehr als 50 Neuinfektionen pro Woche bei 100.000 Einwohnern vereinbart. Wann soll diese Regelung zur Anwendung kommen, wenn nicht jetzt im Landkreis Gütersloh?", sagte Lauterbach dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland".

Oliver Köhler, SWR, zum Corona-Ausbruch bei Tönnies
tagesschau24 15:00 Uhr, 21.06.2020

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Fünf Beschäftige auf Intensivstation

Die Zahl der nachgewiesenen Corona-Infizierten in der Fabrik in Rheda-Wiedenbrück stieg indes auf 1331. Dies teilte der Kreis Gütersloh mit. Die Reihentestungen auf dem Gelände der Firma seien am Samstag abgeschlossen worden. Insgesamt 6139 Tests seien gemacht worden. 5899 Befunde lägen bereits vor. Bei 4568 Beschäftigten wurde das Virus demnach nicht nachgewiesen.

"Bei den Testungen zeigte sich, dass die Zahl der positiven Befunde außerhalb der Zerlegung deutlich niedriger sind als in diesem Betriebsteil", hieß es weiter. In den vier Krankenhäusern im Landkreis werden derzeit 21 Covid-19-Patienten stationär behandelt. Davon liegen sechs Personen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden. Fünf der sechs sind nach Angaben des Kreises Tönnies-Beschäftigte.

Rückkehr, um Quarantäne zu entgehen

Der Kreis teilte weiter mit, dass bei den Reihentestungen im Mai deutlich mehr Testungen gemacht wurden. "Das liegt daran, dass die Zahl der Beschäftigen gesunken ist. Eine Reihe von Mitarbeitern ist ganz offensichtlich in die Heimat zurückgekehrt, unter anderem Personen, die negativ getestet worden sind und die die sich abzeichnende Quarantäne hier vermeiden wollten."

Am Sonntag seien 32 mobile Teams in den Städten und Gemeinden des Kreises unterwegs gewesen, um Personen in ihren Unterkünften zu beraten und ihnen Unterstützung anzubieten. "Dabei wird auch kontrolliert, wie aktuell die Adresslisten sind, die sich der Kreis Gütersloh in der Nacht zu Samstag beschafft hat."

Schlachthof-Skandal - Wie geht's weiter in NRW?
tagesthemen 23:15 Uhr, 21.06.2020, Marion Kerstholt, WDR

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Laschet fordert, auf Ausreise zu verzichten

Laschet rief die Arbeiter dazu auf, von einer überstürzten Abreise in ihre Heimat abzusehen. Im Fall einer Infektion bekämen sie die "bestmögliche medizinische Behandlung" in Deutschland. Das liege auch im Interesse der Arbeiter.

Es würden nun in unbegrenzter Größenordnung so viele Dolmetscher wie möglich in die Unterkünfte der Beschäftigten geschickt. Das Problem sei, dass diese auf 1300 Liegenschaften verteilt seien. Drei Hundertschaften der Polizei unterstützten die Ordnungsämter dabei, die Quarantäne durchzusetzen.

Armin Laschet, CDU, informiert über weiteres Vorgehen
tagesschau 18:00 Uhr, 21.06.2020

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Weiter Kritik wegen Arbeitsbedingungen

Laschet und Laumann thematisierten in ihrer Ansprache erneut auch das Thema Arbeits- und Wohnbedingungen der Beschäftigten in der Fleischindustrie. "Wir brauchen neue Regeln, neue Bedingungen - und das ist auch das, was wir vom Unternehmen erwarten", betonte Laschet.

Zu einer Aussage von Clemens Tönnies, das Unternehmen habe aus datenschutzrechtlichen Gründen den Behörden nicht die Wohnadressen aller Mitarbeiter nennen können, sagte er: "Wir müssen einen Zustand herstellen - gerade als Lehre aus der Pandemie -, dass zu jeder Zeit feststellbar ist: welcher Mitarbeiter arbeitet im Unternehmen und wo wohnt er." In dieser Frage gebe es im Moment verschiedene Rechtsauffassungen. Gegebenenfalls müssten Gesetze entsprechend geändert werden.

Tönnies kündigt Reformen an

Konzernchef Clemens Tönnies hatte zuletzt von einer "existenziellen Krise des Unternehmens" gesprochen und sich enttäuscht gezeigt vom Vertrauensverlust der Behörden. Sein Unternehmen habe eng mit dem Krisenstab und den Behörden kooperiert. Das Problem sei, dass Tönnies aus Datenschutzgründen gar keine Kenntnis von den Wohnadressen der Beschäftigten von Subunternehmen haben dürfe. Bekannt seien lediglich Vor- und Nachname, Geschlecht und Geburtsdatum dieser Arbeiter.

Das Unternehmen betonte, dass Subunternehmen sofort aufgefordert worden seien, die Adressen weiterzugeben, doch einige hätten datenschutzrechtliche Bedenken gehabt. Darum habe man zunächst eine behördliche Anordnung erbeten und schließlich auch erhalten.

Clemens Tönnies | Bildquelle: dpa
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Firmenchef Tönnies sieht das Unternehmen in einer schweren Krise.

Hofreiter ruft Supermärkte zu Boykott auf

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter rief die Supermärkte zu einem Boykott von Tönnies-Produkten auf. "Das Gebaren der Fleischbarone, die nur auf Profit setzen und meinen, sich an keine Regeln halten zu müssen, ist ein Skandal", sagte Hofreiter der "Bild am Sonntag". Es sei an der Zeit, dass sich die großen Supermarktketten "nicht länger mitschuldig machen". "Sie sollten die Tönnies-Produkte aus ihrem Angebot nehmen."

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil forderte im "Tagesspiegel am Sonntag" erneut, rücksichtsloses Wirtschaften nicht mehr zu akzeptieren. "Es kann nicht sein, dass Menschen aus Mittel- und Osteuropa in Deutschland ausgebeutet werden, damit skrupellose Firmen milliardenschwere Gewinne einfahren." Heil will im Sommer einen Gesetzentwurf vorlegen, um von 2021 an Werkverträge in der Branche weitgehend zu verbieten. Dann könnte die komplette Ausführung von Schlachtarbeiten nicht mehr an Subunternehmen ausgelagert werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Juni 2020 um 10:00 Uhr sowie tagesschau 24 um 16.00 Uhr.

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