Mitarbeiter eines Schlachthofs zerteilen am Fließband hängende Schweine. | Bildquelle: dpa

Corona-Ausbruch in Fleischfabrik Schneller handeln wegen Tönnies?

Stand: 20.06.2020 12:25 Uhr

Nach dem Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies fordert Arbeitsminister Heil schärfere Kontrollen - möglichst sofort. Wirtschaftsminister Altmaier sorgt sich um den Standort Deutschland, die Menschen in Gütersloh fürchten einen Lockdown.

Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies dringt Arbeitsminister Hubertus Heil noch vor der Einführung neuer Gesetze auf schnelle Schritte zum Schutz der Fleischarbeiter. "Wir wollen die Kontrollen weiter verschärfen, noch bevor das neue Gesetz zur Arbeitssicherheit in der Fleischindustrie da ist", sagte Heil dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland". In dieser Sache sei er "in sehr produktiven Gesprächen mit den Ländern".

Heil sagt Fleischindustrie den Kampf an

Der Arbeitsminister bekräftigte: "Wir machen mit dem Verbot von Werkverträgen im Kernbereich der Fleischindustrie auf jeden Fall ernst - ganz egal, welche Anstrengungen milliardenschwere Unternehmen auch in die Wege leiten, um dieses Vorhaben zu torpedieren." Mehrere Ministerien arbeiteten daran, das Verbot rechtssicher zu machen. "Im Sommer werde ich den Gesetzentwurf vorlegen", versprach Heil. Das Werkvertragsverbot soll ab dem kommenden Jahr gelten.

Dieser zeitliche Rahmen sei realistisch, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gasstätten (NGG) der Nachrichtenagentur dpa. Es sei ein Scheinargument, dass Betriebe Probleme hätten, Personal zu finden. Dieses sei ja bereits da, arbeite aber derzeit für Subunternehmen.

Die Gewerkschaft erwarte, dass die Fleischindustrie in der Einflussaufnahme auf die Politik nun keinen Erfolg mehr haben werde. "Es ist ja tatsächlich eine Schande, dass es Corona brauchte, damit sich etwas ändert in der Branche", sagte der Sprecher über das geplante Verbot.

Altmaier in Sorge

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier forderte eine Aufarbeitung der Missstände in der Fleischindustrie. Er wolle, dass das Vertrauen in Fleisch "made in Germany" erhalten bleibe, sagte Altmaier im Interview mit dem Deutschlandfunk.

Das bedeute, dass man die Missstände abstelle, indem man entsprechende Veränderungen treffe. Der CDU-Politiker hob hervor, dies gelte nicht nur für die Werkverträge mit osteuropäischen Arbeitnehmern, sondern auch für die Unterbringung und die Arbeitsbedingungen ganz konkret vor Ort.

Vor allem bei Fleischproduzenten in Nordrhein-Westfalen war es in den vergangenen Wochen zu Corona-Infektionen gekommen. Nach dem massiven Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies mit Hunderten Infizierten schloss Ministerpräsident Armin Laschet am Freitag einen regionalen Lockdown nicht mehr aus. Bisher könne das Infektionsgeschehen noch lokalisiert werden.

"Nie dagewesenes Infektionsgeschehen in NRW"

"Sollte sich dies ändern, kann auch ein flächendeckender Lockdown in der Region notwendig werden", sagte Laschet in Düsseldorf. Er sprach von einem massiven Ausbruchsgeschehen: "Das größte, bisher nie dagewesene Infektionsgeschehen in Nordrhein-Westfalen."

Sämtliche Mitarbeiter am Standort Rheda-Wiedenbrück müssen nun in Quarantäne. Das betreffe auch die Verwaltung, das Management und die Konzernspitze, teilte der Kreis Gütersloh mit. Auch sämtliche "Haushaltsangehörige" der Beschäftigten seien unter Quarantäne.

Lauterbach für sofortige Werksschließung

Nach Auftreten des Virus in dem Tönnies-Werk war im Kreis Gütersloh bereits die Schließung von Schulen und Kitas angeordnet worden. Einen Lockdown will der Kreis nach bisherigen Angaben aber mit diesen und weiteren Maßnahmen abwenden.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitsxperte Karl Lauterbach forderte, die Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück sofort zu schließen. Er halte es für "nicht vertretbar", dass überhaupt noch in dem Werk gearbeitet werde, sagte Lauterbach im WDR. Die Quelle der Infektionen sei noch nicht entdeckt. "Wir wissen nicht, ist das in der Kantine passiert, auf dem Weg dorthin, in der Verarbeitung selbst, ist es die Lüftung? Das heißt, da könnten sich jetzt auch weiterhin Leute infizieren. Ich würde unter diesen Umständen den Betrieb dicht machen." Er wisse, dass das Fleisch dann nicht mehr zu verarbeiten sei. "Dann ist das so."

Bundeswehr hilft

Unterdessen hat die Bundeswehr mehrere Dutzend Soldaten zur Unterstützung ans Tönnies-Werk entsandt. Nachdem gestern bereits 25 Soldaten in Rheda-Wiedenbrück eingetroffen waren, kamen heute nach Angaben eines Bundeswehrsprechers 40 weitere hinzu. "20 davon helfen bei der Dokumentation und 20 helfen bei der Kontaktpersonennachverfolgung."

Die Kräfte seien mit zehn Fahrzeugen der Bundeswehr unterwegs und würden gemeinsam mit medizinischem Personal und Mitarbeitern des Kreises Gütersloh Unterkünfte abfahren und dort Menschen testen. Laut Bundeswehr sprechen die Soldaten osteuropäische Sprachen, um sich mit den Arbeitern verständigen zu können. Der Kreis Gütersloh hatte die Bundeswehr zuvor um Hilfe gebeten.

Staatsanwaltschaft ermittelt im Fall Tönnies
tagesschau 16:00 Uhr, 19.06.2020, Sahra Schmidt, WDR

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Staatsanwaltschaft ermittelt

Mehrere Strafanzeigen gegen Tönnies sind bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld eingegangen. Sie ermittelt jetzt - vorerst gegen Unbekannt. Die Vorwürfe sind unter anderem Körperverletzung und Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz.

Angesichts der problematischen Arbeitsbedingungen in den Schlachtbetrieben wird auch wieder vermehrt über den Preis von Fleisch diskutiert. So raten Verbraucherschützer, beim Kauf von Fleischprodukten auch die Arbeitsbedingungen kritisch zu hinterfragen. "Beim Fleischkauf sollte man generell darauf achten, dass nicht das Billigste auch das Beste ist", sagte Lebensmittelexperte Bernhard Burdick von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Er empfehle, weniger Fleisch zu essen und dafür mehr auszugeben. "Die Masse der Corona-Infektionen in Schlachthöfen ist nur Symptom eines krankhaft auf Billigproduktion ausgelegten Systems", erklärte Foodwatch.

Der CSU-Politiker Georg Nüßlein sprach sich zudem dafür aus, Werbung für Fleisch zu Billigpreisen zu unterbinden. "Wenn die Branche nicht zügig zu einer Selbstverpflichtung kommt, brauchen wir eine gesetzliche Vorgabe", sagte der CSU-Politiker. "Wir müssen Fleisch endlich so wertschätzen, wie es dem Töten von Tieren angemessen wäre. Der wöchentliche Preiskampf der Supermärkte steht dem entgegen, ist unanständig und muss aufhören".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Juni 2020 um 18:11 Uhr.

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