Blick auf die Tönnies-Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück | Bildquelle: dpa

Corona-Ausbruch bei Tönnies Druck auf Fleischindustrie wächst

Stand: 19.06.2020 10:35 Uhr

Die Fleischindustrie steht nach mehreren Corona-Ausbrüchen in der Kritik, nach den neuen Infizierten-Fällen bei Tönnies umso mehr. Arbeitsminister Heil bekräftigte seine Absicht, in der Branche "aufräumen" zu wollen.

Nach der vorübergehenden Schließung des größten deutschen Schlachtbetriebs von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück nach einem Corona-Ausbruch mit aktuell 730 Infizierten geraten die Fleischproduktion und ihre Arbeitsbedingungen stärker in die Kritik.

Vorwürfe der mangelnden Hygiene nach Corona-Ausbruch bei Tönnies
tagesschau 14:00 Uhr, 19.06.2020, Sarah Schmidt, WDR

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Heil will "Grundübel beenden"

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil nannte die Nachrichten aus Rheda-Wiedenbrück "schockierend". Dort sei zu erleben, was passiere, "wenn mit Arbeitnehmern aus Mittel- und Osteuropa bei uns nicht fair umgegangen wird". In der ARD sagte er, die Branche müsse Verantwortung übernehmen "für anständige und menschenwürdige Arbeitsbedingungen".

Er fühle sich bestätigt, den Kurs, in der Fleischindustrie aufzuräumen, konsequent umzusetzen, so der SPD-Politiker. Werk- und Leiharbeitsverträge werde es in den Fleischfabriken nicht mehr geben. "Wir werden das Grundübel beenden", so Heil. Im Sommer wolle er auch ein Gesetz vorlegen, das eine digitale Erfassung der Arbeitszeit in der Fleischindustrie vorschreibt.

NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser sagte der "Rheinischen Post": "Es gibt haarsträubende Sonderaktionen, bei denen Fleisch deutlich unter seinem Wert verkauft wird. Das müssen wir stoppen", so die CDU-Politikerin. Grundsätzlich sei der Verkauf unter Einstandspreis bereits untersagt. Nordrhein-Westfalen arbeite an einer Bundesratsinitiative.

Hubertus Heil, Bundesarbeitsminister, über Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie
ARD extra: Die Corona-Lage, 18.06.2020

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Wissenschaftliche Untersuchung

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann kündigte an, die Branche wissenschaftlich untersuchen zu lassen. "Mein Ministerium wird eine wissenschaftliche Expertise auf den Weg bringen, die den Ursachen des Ausbruchs in Gütersloh epidemiologisch auf den Grund geht", so der CDU-Politiker.

Ausgewertet wurden nach Informationen vom Donnerstag bisher 1106 Ergebnisse eines von den Behörden angeordneten Reihentests. Im Tönnies-Stammwerk müssen in den nächsten Tagen noch rund 5300 Mitarbeiter getestet werden.

Tests im ganzen Landkreis

Der Chef der SPD-Landtagsfraktion in NRW, Thomas Kutschaty, forderte in der "Rheinischen Post" kostenlose Corona-Tests im Kreis. "Ich erwarte jetzt, dass im Kreis umfangreich und engmaschig getestet wird - und zwar kostenlos für jeden, der auch nur im entferntesten Kontakt hatte. Da geht es um Stunden."

Kutschaty forderte zudem weitere Maßnahmen für den Fall, dass die Zahl der Infizierten deutlich steige: "Sollte der Wert von 50 Neuinfizierten innerhalb von einer Woche pro 100.000 Einwohner überschritten werden, muss Herr Laschet mir erklären, warum es keinen Lockdown gibt."

Keine Versorgungsengpässe

In Rheda-Wiedenbrück werden nach Angaben von Tönnies pro Tag 20.000 Schweine geschlachtet und zerlegt.

Die vorübergehende Schließung wird nach Experten-Einschätzung nicht zu Versorgungsengpässen führen. "Fleisch wird in Deutschland nicht knapp, auch nicht Schweinefleisch", sagte Tim Koch von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn.

Die Branche habe eine Reihe von Stellschrauben, um die bei Tönnies ausfallenden Schlachtkapazitäten zumindest teilweise auszugleichen, sagte Koch. Tönnies wolle die Zahl der Schlachtungen an anderen Standorten erhöhen, auch andere Unternehmen hätten diese Möglichkeit.

Mögliche Folgen für Schweinemäster

Probleme kann der Stillstand bei den Schlachtungen in Rheda-Wiedenbrück aber den Schweinemästern bereiten. Wenn ein Mäster innerhalb von ein bis zwei Wochen seine Tiere nicht vermarkten könne, könnte es bereits Schwierigkeiten geben, sagte Miriam Goldschalt, Fachreferentin für Tiere in der Landwirtschaft beim Deutschen Tierschutzbund. Es drohten Platzprobleme, weil neue Jungtiere angeliefert würden und nicht klar sei, wohin mit den älteren Tieren.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden im vergangenen Jahr 55,1 Millionen Schweine in Deutschland geschlachtet, das sind drei Prozent weniger als 2018. 3,3 Millionen der Schlachtschweine wurden aus dem Ausland importiert.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 18. Juni 2020 um 20:15 Uhr in "ARD extra: Die Corona-Lage".

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