Svetlana Tichanowskaja in Berlin | CLEMENS BILAN/EPA-EFE/Shuttersto

Belarusische Oppositionelle in Berlin Tichanowskaja will Merkel als Vermittlerin

Stand: 06.10.2020 13:21 Uhr

Sie ist eines der bekanntesten Gesichter der Opposition in Belarus: Swetlana Tichanowskaja trifft heute in Berlin Angela Merkel. Die Kanzlerin soll eine Vermittlerrolle übernehmen.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist einer jener Momente, in denen die Augen von Swetlana Tichanowskja zu leuchten beginnen: Im Gespräch mit deutschen Journalisten in Berlin erzählt die 38-Jährige von ihrem ersten Besuch an der Mauer. Und wie sehr sie die Bilder der glücklichen Menschen beeindruckt haben, die damals - 1989 - auf dieser Mauer standen.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Mehr Druck von außen

Dasselbe passiere jetzt in Belarus: "Wir sind so glücklich, dass der Wandel kommen soll. Wir stehen auf dieser Mauer - und wir werden sie niederreißen", sagt die Frau, die zum wohl bekanntesten Gesicht der Opposition gegen das Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko geworden ist. Wie das gehen soll - das sinnbildliche Einreißen dieser Mauer in ihrem Heimatland - weiß Tichanowskaja sehr genau: mit Druck. Druck im Land selbst und Druck von außen.

Und das ist denn auch die Botschaft ihres Berlin-Besuchs: Für den Druck in Belarus sorgen die Männer und vor allem auch Frauen mit täglichen Demonstrationen. Aber den Druck von außen auf das Regime in Belarus könnten Deutschland und die EU aus Sicht der 38-Jährigen durchaus noch erhöhen: Die Sanktionsliste solle ausgeweitet werden, fordert Tichanowskja.

Nun hat die EU bereits den Weg für Sanktionen frei gemacht - und zwar in Form von Einreiseverboten und Kontensperrungen gegen etwa 40 Personen im Umfeld von Machthaber Lukaschenko. Doch Tichanowskaja fordert mehr.

Merkel soll vermitteln

Und sie hat einen persönlichen Wunsch an die Kanzlerin: Sie könnte eine Vermittlerrolle einnehmen, um einen Dialog mit der Führung in Minsk voranzubringen: "Angela Merkel ist eine der mächtigsten Politikerinnen in der Welt", sagt Tichanowskaja in Berlin. Sie könne in dieser Situation extrem helfen. Um noch lächelnd anzufügen: Zwei Frauen würde schon einfallen, worüber sie miteinander reden könnten.

Sehr konzentriert gab Tichanowskaja den deutschen Journalisten bei einem Pressegespräch Auskunft. Und hielt dabei eine schwarze aufgeschlagene Mappe auf den Knien fest, als Suche sie bisweilen Halt. Halt, den sie letztendlich gar nicht brauchte. Zwar war die ehemalige Lehramtsstudentin für Deutsch und Englisch bei den Präsidentschaftswahlen in Belarus erst in letzter Minute für ihren Mann eingesprungen, weil der kurz zuvor verhaftet worden war. Mittlerweile ist sie aber zur vielleicht wichtigsten Leitfigur der Widerstandsbewegung geworden. Und versucht nun aus dem Exil für ihre Ideale zu kämpfen.

Kritik an Putin

Dabei macht sie die Bekanntschaft der Mächtigen dieser Welt: Frankreichs Staatspräsident Emanuel Macron hat sie vor wenigen Tagen schon in Litauen getroffen. Nun also die deutsche Kanzlerin. Und gäbe es eine Chance, auch Russlands Präsident Wladimir Putin zu begegnen, hätte sie auch an ihn ein klare Botschaft: Er solle aufhören, das Regime zu unterstützen - "das ist unsere interne Angelegenheit".

Von den Europäern hingegen wünscht sich Tichanowskaja, dass sie nicht wegschauen. Und versucht, eine Botschaft der Zuversicht zu verbreiten: "Die Menschen in Belarus sind stolz, dass sie Geschichte schreiben. Und sie werden nicht weggehen." Das Regime sei 26 Jahre lang stark gewesen. Aber die Menschen seien stärker als das Regime.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. Oktober 2020 um 15:00 Uhr.