Helfer des THW bei Aufräumarbeiten im rheinland-pfälzischen Ahrweiler nach der Flutkatastrophe. | dpa

Einsatz in den Flutgebieten THW-Helfer beschimpft und angegriffen

Stand: 24.07.2021 15:48 Uhr

Etwa 4000 ehrenamtliche Helfer des THW arbeiten seit Tagen unermüdlich in den Flutregionen. Die Dankbarkeit der Bevökerung dort ist groß - doch vereinzelt berichten Helfer von Beschimpfungen. "Querdenker" und Prepper machen offenbar Stimmung.

Ehrenamtliche des Technischen Hilfswerks (THW) sind bei ihren Einsätzen in den deutschen Flutgebieten teils Beschimpfungen und Angriffen ausgesetzt. "Das geht dann soweit, dass unsere Helferinnen und Helfer beschimpft werden. Wenn sie mit Einsatzfahrzeugen unterwegs sind, werden sie mit Müll beschmissen", sagt die Vize-Präsidentin des THW, Sabine Lackner, in der Sendung "Frühstart" von RTL/ntv. Hinter den Angriffen stünden vor allem sogenannte Querdenker oder Menschen aus der Prepper-Szene, die sich als Betroffene der Flutkatastrophe ausgäben und bewusst Stimmung machten, sowie einige frustrierte Flutopfer.

An einigen Einsatzorten seien THW-Mitarbeiter von Unbekannten gefilmt worden, die sich nicht als Presse zu erkennen gegeben hätten, so Lackner. Zum Schutz habe das THW veranlasst, dass die Kollegen ihr Namensschild von der Kleidung abnehmen durften.

Polizei überprüft Schilderung

Es seien noch keine Einsätze wegen der Vorfälle abgebrochen worden, doch die Situation sei für die ehrenamtlichen Helfer psychisch belastend. Es gebe speziell ausgebildete Teams für die Einsatznachsorge. "Ich bin unseren Einsatzkräften unendlich dankbar, dass sie recht unerschrocken weitermachen", sagte Lackner.

Die Polizei Koblenz reagierte auf den Bericht verhalten. Man habe den "angeblichen Vorfall" beim THW und den Polizeikräften überprüft. "Derzeit können wir die Schilderungen in keiner Weise bestätigen", teilte die Behörde auf Twitter mit. Die zuständigen Stellen hätten erst aus den Medien darüber erfahren. Sollte die Polizei allerdings von einem solchem Vorfall Kenntnis erhalten, werde sie sofort und mit aller Entschiedenheit dagegen vorgehen. "Unsere Helfer angreifen geht nämlich gar nicht!"

Behörden reagierten bereits

"Querdenker", Reichsbürger und Rechtsextremisten versuchen immer wieder in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Regionen, das Leid der Menschen für ihre Sache zu nutzen. In einigen Fällen haben die Behörden bereits reagiert. Das rheinland-pfälzische Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung hatte am Donnerstag ein offenbar von Anhängern der "Querdenken"-Bewegung betriebenes Familienzentrum in Bad Neuenahr-Ahrweiler geschlossen.

"Zur Vermeidung einer im Raum stehenden Kindeswohlgefährdung" sei das "Angebot durch den Verein Initiative 'Eltern stehen auf e. V.' ab sofort zu unterbinden", bestätigte Landesamt-Präsident Detlef Placzek. Der Verein spricht sich gegen die Corona-Maßnahmen aus und warnt vor Impfungen.

Die Polizei in der Region an der Ahr erklärte Mitte der Woche, sie habe die Aktivitäten im Blick. "Wir wissen um die Anwesenheit aus den sozialen Medien und sind natürlich auch selbst präsent vor Ort", sagte ein Polizeisprecher. Am Dienstag hatte die Polizei Koblenz auf Twitter erklärt, ihr sei bekannt, dass sich aktuell Rechtsextremisten als "Kümmerer vor Ort" ausgäben. Auch dass ein polizeiähnlicher Wagen mit der Aufschrift "Friedensfahrzeug" durch Ahrweiler fahre, sei bekannt.

Unseriöse Spendenaufrufe

In den sozialen Medien kursieren zahlreiche Spendenaufrufe der "Querdenker"-Szene. Das Bundesinnenministerium warnte: "Es wird dazu geraten, ein breites Informationsangebot zu nutzen, um sich über Möglichkeiten zur wirksamen Hilfeleistung zu informieren, und sich ausschließlich an Spendenaktionen zu beteiligen, die von offiziellen Hilfsorganisationen organisiert werden."

Die Spendenaufrufe seien oft verbunden mit Behauptungen, dass Bundeswehr und THW nicht ausreichend in den Krisenregionen vor Ort seien oder die Hilfe nur mangelhaft koordinieren würden. Diese zielten darauf ab, das Vertrauen in die staatlichen Maßnahmen und Strukturen zu beschädigen, hieß es aus dem Ministerium.

Rund 30.000 Menschen ohne Wasser- und Stromversorgung

Derzeit sind etwa 4000 THW-Kräfte in den Flutgebieten im Einsatz. Sie kümmern sich unter anderem um die Trinkwasseraufbereitung und eine Notstromversorgung. Rund 30.000 Menschen haben derzeit kein Trinkwasser, keinen Strom oder müssen auf beides verzichten, erklärte THW-Vize Lackner. Die Helfer bereiteten sich auf einen längeren Einsatz vor. "Wir gehen derzeit davon aus, dass wir noch einige Wochen vor Ort sein werden."

Man stelle momentan ein Team aus Experten zusammen, das die örtlichen Kräfte beraten solle, zum Beispiel beim Brückenbau. Im Laufe des Tages soll der Bau einer Behelfsbrücke im rheinland-pfälzischen Ahrweiler durch das THW beginnen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Juli 2021 um 10:00 Uhr.