Mann vor Wahllokal in Erfurt | Bildquelle: dpa

Wahlnachlese Thüringen Tops, Flops und Geschlechterverhalten

Stand: 28.10.2019 14:57 Uhr

Welche Partei war wo am stärksten? War schon mal ein Ergebnis so knapp wie das der Thüringer FDP? Und vor allem: Wie unterschied sich das Wahlverhalten der Bevölkerungsgruppen?

Von Fabian Grabowsky, tagesschau.de

Zweitstimmen: Hochburgen und Diaspora

Die Parteien schnitten in verschiedenen Regionen zum Teil sehr unterschiedlich ab. Grüne und Linke waren zumeist in den Städten am stärksten, die CDU unter anderem im katholisch geprägten Eichsfeld.

Linkspartei
Top (in %)Flop (in %)
1Suhl/Schmalkalden Meiningen IV (39,1)Eichsfeld I (17,9)
2Jena I (37,9)Eichsfeld II (22,9)
3Jena II (37,6)Weimar I/Weimarer Land II (25,3)

Bester/schlechtester Gemeindewert: Oberhof (44,3 Prozent) und Sickerode/Eichsfeld (5,3 Prozent).

AfD
Top (in %)Flop (in %)
1Gera II (29,9)Jena I (11,2)
2Altenburger Land  I (29,6)Weimar II (14,2)
3Saalfeld-Rudolstadt I (28,5)Erfurt III (14,3)

Bester/schlechtester Gemeindewert: Paska/Saale-Orla-Kreis (62,7 Prozent) und Dieterode/Eichsfeld (8,2 Prozent)

CDU
Top (in %)Flop (in %)
1Eichsfeld I (40,1)Jena I (13)
2Eichsfeld II (35,8)Jena II (14,2)
3Weimar I / Weimarer Land II (30,4)Gera II (14,7)

Bester/schlechtester Gemeindewert: Gerstengrund/Wartburgkreis (80,5 Prozent) und Hohenwarte/Lkr. Saalfeld-Rudolstadt (5,8 Prozent)

SPD
Top (in %)Flop (in %)
1Gotha II (16,4)Eichsfeld I (5,8)
2Gotha I (11,2)Saale-Orla-Kreis (6,0)
3u .a. Erfurt III (10,6)Sonneberg I (6,1)

Bester/schlechtester Gemeindewert: Holzsußra/Kyffhäuserkreis (22,8 Prozent) sowie Burgwalde/Eichsfeld und Görkwitz/Saale-Orla-Kreis (je 0,7 Prozent)

Grüne
Top (in %)Flop (in %)
1Jena I (16,3)Kyffhäuserkreis II und Saale-Orla-Kreis I (je 2,4)
2Erfurt III (14,5)Kyffhäuserkreis I/Eichsfeld III (2,8)
3Weimar III (13,1)u. a. Altenburger Land I (2,9)

Bester/schlechtester Gemeindewert: Schönhagen/Eichsfeld (21,3 Prozent) und Großneuhausen/Lkr. Sömmerda (0,3 Prozent)

FDP
Top (in %)Flop (in %)
1Jena II (7,9)Sonneberg I (2,7)
2Jena I (7,5)HildburghausenII/Sonneberg II (3,5)
3u. a. Erfurt III (6,7)u. a. Gotha II (3,7)

Bester/schlechtester Gemeindewert: Göllnitz/Lkr. Altenburger Land (20,7 Prozent) und Marth/Eichsfeld (0,6 Prozent)

Direktmandate

Bodo Ramelow eroberte sein Direktmandat im Wahlkreis Erfurt III mit 42,1 Prozent zurück. Das ist der landesweit beste Werte seiner Partei und das zweitbeste Erststimmenergebnis überhaupt. Sein CDU-Konkurrent kam nur auf rund 16 Prozent. Ramelow hatte das Mandat 2014 an eine CDU-Politikerin verloren, kam aber über die Landesliste ins Parlament.

Björn Höcke bekam hingegen kein Direktmandat. Der AfD-Spitzenkandidat erhielt in seinem Wahlkreis Eichsfeld I nur 21,4 Prozent der Erststimmen. Die meisten Stimmen bekam mit 49 Prozent ein CDU-Kandidat. Eichsfeld I ist die ausgeprägteste CDU-Hochburg im Freistaat.

Wahl Thüringen: zweitstimmen
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Die Karte mit den Erststimmen unterscheidet sich ...

Wahl Thüringen: zweitstimmen
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... deutlich von der mit den Zweitstimmenergebnissen.

CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring wiederum verteidigte sein Direktmandat im Wahlkreis Weimarer Land I/Saalfeld-Rudolstadt III. Er holte 31,2 Prozent der Erststimmen (-13,5 Prozent) und lag damit fast sechs Punkte vor seinem Konkurrenten von der AfD.

Mohring ist einer von 21 CDU-Kandidaten mit einem Direktmandat. Damit eroberten die Christdemokraten trotz ihres schwachen Zweitstimmenergebnisses fast die Hälfte der 44 Wahlkreismandate (2014: 34 Direktmandate). Linkspartei und AfD holten je elf Direktmandate, die SPD verteidigte ihr einziges Mandat in Gotha.

Bei den Zweitstimmen sieht das Bild fast umgekehrt aus. Hier wurde die Linkspartei in 38 Wahlkreisen stärkste Kraft, die CDU nur in vier und die AfD nur in zwei Wahlkreisen.

Vierfach historisch

Positivrekorde:

Die Linkspartei bekam mit 31 Prozent der Zweitstimmen ihr bislang bestes Ergebnis bei Landtags- oder Bundestagswahlen. Sie wurde auch zum ersten Mal stärkste Kraft in einem Bundesland.

Für die AfD sind ihre 23,4 Prozent ebenfalls ein Rekord. Anders als bei der Linkspartei war die AfD aber in anderen Ländern schon stärker: Sachsen (27,5 Prozent), Sachsen-Anhalt (24,3 Prozent) und Brandenburg (23,5, Prozent).

Negativrekorde:

Sechs Wahlen in Folge war die CDU in Thüringen stärkste Kraft. Bei der siebten Wahl aber landete sie mit neun Punkten Rückstand nur auf Platz drei und erreichte mit 22 Prozent ihr klar schlechtestes Ergebnis. Zum Vergleich: Das waren nicht nur zwölf Punkte weniger als 2014 - meist hatte sie mehr als 40 Prozent und 1999 sogar die absolute Mehrheit.

Für die SPD reihte sich weiter Tiefstwert an Tiefstwert: Mit 8,2 Prozent erreichte sie nicht nur ihr schlechtestes Landesergebnis, sondern gleich ihr zweitschlechtestes Landtagswahlergebnis überhaupt. Nur die vergangene Wahl in Sachsen endete für sie mit 7,7 Prozent noch schlechter.

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Historische Ergebnisse

Bild: Beste Ergebnisse der Linken bei Landtagswahlen

Sehr, sehr knapp und wohl auch ein Rekord

5,0005 Prozent: Fünf Wähler haben die FDP vor einer Wahlschlappe bewahrt. Die Liberalen bekamen 55.422 Stimmen und lagen damit fast knappstmöglich über der Fünf-Prozent-Hürde.

Das ist in Sachen Fünf-Prozent-Hürde bei Landtagswahlen zumindest eines der engsten, eher sogar das engste Resultat. Im Jahr 1992 waren die Grünen in Schleswig-Holstein auf 4,97 Prozent der Stimmen gekommen. 2014 war es für die NPD in Sachsen mit 4,95 Prozent ähnlich knapp, und 1990 bekamen die bayrischen Republikaner 4,85 Prozent.

Junge Städterinnen hätten (Dunkel-)Rot-Grün gewählt

Die Wahlergebnisse unterscheiden sich je nach Bevölkerungsgruppe deutlich.

Beispiel Geschlecht: Die Linke war zwar bei Frauen und Männern stärkste Partei, aber bei den Frauen war der Vorsprung deutlicher und das Ergebnis mit 33 Prozent deutlich besser als bei Männern (29 Prozent). Während die AfD bei den Männern nur knapp hinter der Linkspartei liegt, kommt sie bei den Frauen nur deutlich hinter der CDU auf Platz drei.

Die AfD war also in Thüringen eine Art Männerpartei, bei ihnen bekam sie zehn Punkte mehr als bei den Frauen. Bei diesen wiederum waren Linke, CDU und Grüne stärker.

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Wer wählte was?

Bild: Wahlverhalten nach Geschlecht

Beispiel Altersgruppen: Hätten nur Über-60-Jährige gewählt - Linkspartei (40 Prozent) und SPD (zehn Prozent) könnten bequem eine Regierung bilden. Die Linkspartei ist also besonders bei älteren Wählern verwurzelt. Grüne/FDP hätten hingegen die Fünf-Prozent-Hürde gerissen. Auch die AfD schneidet hier mit 17 Prozent vergleichsweise schwach ab. 40 Prozent der Wahlberechtigten sind übrigens 60 Jahre alt oder älter, was die Gruppe sehr wichtig macht.

Anders ist das Bild bei den Unter-25-Jährigen: Hier sind Linkspartei (22 Prozent) und CDU (14 Prozent) viel schwächer als insgesamt, die Grünen aber mit 13 Prozent deutlich mehr als doppelt so stark. Nur elf Prozent der Wahlberechtigten sind aber jünger als 30 Jahre.

Vor allem bei der AfD ist der Bildungsgrad ein Faktor, ihr Wert liegt bei den einfach Gebildeten mit 27 Prozent gleich 13 Prozentpunkte vor dem bei den höher Gebildeten (16 Prozent). Diesen Unterschied gibt es - schwächer - auch bei der CDU, während die Grünen bei den höher Gebildeten deutlich besser abschnitten.

In den großen Städten wiederum gibt es ein bekanntes Bild: Hier schnitt vor allem die CDU schlechter ab als insgesamt, die Grünen besser. Bei jüngeren Stadtbewohnerinnen kamen die Grünen sogar auf 20 Prozent, die Linke auf 35 Prozent. Allerdings leben nur 15 Prozent der Thüringer in den beiden Großstädten Erfurt und Jena.

In Wahlkreisen mit stark schrumpfender Bevölkerung konnte dagegen vor allem die AfD punkten, sie kam hier auf 26 Prozent - gegenüber 18 Prozent in solchen Wahlkreisen mit nur leicht schrumpfender Bevölkerung. Der Bevölkerungsrückgang ist in Thüringen ein wichtiges Thema: Nur in der Landeshauptstadt Erfurt wächst die Bevölkerungszahl, überall sonst im Land schrumpft sie, wenn auch unterschiedlich stark.

Über dieses Thema berichteten MDR aktuell am 27. Oktober 2019 um 21:45 Uhr und tagesschau extra am 28.10.2019 um 10:45 Uhr.

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