Anti-Terror-Poller vor dem Nürnberger Christkindlesmarkt  | dpa

Strategie der Polizei "Super Recognizer" gegen Terror

Stand: 06.05.2021 15:22 Uhr

Wie können sich Städte vor Terroristen schützen? Internationale Experten habe nun Empfehlungen erarbeitet. Ihr Rat: weniger Poller, dafür mehr Ermittler mit besonderen Fähigkeiten - sogenannte Super Recognizer.

Von Michael Götschenberg, ARD-Hauptstadtstudio

Islamistischer Terrorismus? Ja, es gibt ihn noch - auch in Europa. Zwar betonte Bundesinnenminister Horst Seehofer noch in dieser Woche, die größte Gefahr gehe vom Rechtsextremismus aus. Doch nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden muss in Deutschland weiterhin jeden Tag mit einem islamistisch motivierten Anschlag gerechnet werden. Zuletzt griff ein islamistischer Gefährder im Oktober vergangenen Jahres in der Dresdner Altstadt ein homosexuelles Paar mit einem Messer an und tötete einen der Männer.

Michael Götschenberg ARD-Hauptstadtstudio

Die Welle von islamistischen Anschlägen quer durch Europa in den Jahren von 2015 bis 2017 wirkt heute allerdings schon wie aus einer anderen Zeit: die Anschläge auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" in Paris, auf das Konzerthaus Bataclan und das Stade de France, den Flughafen und die Metro in Brüssel, und natürlich auf den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016, um nur einige zu nennen.

Empfehlungen der Polizei

Die Bedrohung heute ist gefühlt und auch objektiv geringer - und die Nervosität und Aufgeregtheit in der Diskussion darüber auch. Ein guter Zeitpunkt also um Konzepte zu entwickeln, wie öffentliche Räume besser vor Terrorangriffen geschützt werden können. Vor zweieinhalb Jahren wurde dafür die Gruppe "Safer Space for Safer Cities" aus Experten in Polizeibehörden in zehn EU-Ländern ins Leben gerufen, um Empfehlungen zu erarbeiten - insbesondere für urbane Zentren, wo die Gefahr von Terroranschlägen erfahrungsgemäß größer ist.

Beteiligt an diesem Projekt sind die nationale Guardia Civil in Spanien, die Landespolizeidirektion Wien, die Stockholmer und die Brüsseler Polizei, sowie weitere Polizeibehörden in Irland, Portugal, Luxemburg, Finnland und die Polizei Berlin als Federführer. Herausgekommen ist ein Handbuch, das dem ARD-Hauptstadtstudio exklusiv vorliegt: eine öffentliche Version umfasst rund 80 Seiten, die als Verschlusssache eingestufte ist hingegen rund 600 Seiten stark.

Weniger Aktionismus

Die Quintessenz der Antiterrorexperten: weniger Aktionismus, dafür mehr internationaler Austausch, individuelle und intelligente Konzepte auf der Basis einer sachlichen Risikobewertung. Die Experten gehen davon aus, dass die größte Gefahr von Anschlägen mit Fahrzeugen ausgeht. Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Anschlägen dieser Art: in Nizza und auf dem Berliner Breitscheidplatz 2016, sowie in London, Stockholm und Barcelona 2017. Die Amokfahrten in Münster, 2018, und Volkmarsen, 2020, hatten zwar keinen islamistischen Hintergrund, doch auch hier wurde ein Fahrzeug zur tödlichen Waffe.

In der Folge gab es aufgeregte, auch medial getriebene Debatten darüber, wie Veranstaltungsorte oder besonders belebte öffentliche Räume besser geschützt werden können. Die Expertengruppe warnt dabei ausdrücklich vor blindem Aktionismus, etwa durch das Aufstellen von oftmals nicht zertifizierten temporären Sperren, wie Betonklötzen.

Nach wissenschaftlichen Untersuchungen entsteht bei einem Aufprall unter Umständen mehr Schaden als dadurch abgewendet wird. Derartige Maßnahmen seien in erster Linie auf das Sicherheitsgefühl der Menschen ausgerichtet und sollten den Eindruck von Schutz vermitteln. Hingegen plädieren die Experten für intelligente städtebauliche Maßnahmen, die Sicherheitsaspekte bereits im Planungsstadium mitdenken.

Verhaltensauffälligkeiten erkennen

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sicherung von Veranstaltungen. So setzt die britische Polizei auf gezielte Aufklärungsmaßnahmen vor und während einer Veranstaltung: Ziel ist, Kriminelle oder Terroristen zu identifizieren, die den Veranstaltungsort auskundschaften. Die Metropolitan Police in London bildet Personal dafür aus, entsprechende Verhaltensauffälligkeiten erkennen.

Die Polizei Berlin setzt auf den Einsatz von sogenannten Super Recognizern: Dabei geht es um Personen, die sich überdurchschnittlich gut Gesichter einprägen und wiedererkennen können - eine angeborene Fähigkeit. Sie erkennen Gesichter auch noch nach Jahren wieder, unabhängig davon, dass die Person gealtert ist oder ob es sich nur um eine flüchtige Begegnung handelt. Nach Einschätzung der Antiterror-Experten ist der Einsatz von "Super Recognizern" eine besonders gute Ergänzung zu Gesichtserkennungssoftware, insbesondere wenn das Bildmaterial der gesuchten Personen von schlechter Qualität oder die Perspektive ungünstig ist.

Die Polizei Berlin hat mit der Universität Freiburg ein Testverfahren entwickelt, um Beamtinnen und Beamte in den eigenen Reihen zu finden, die über diese Fähigkeiten verfügen. Darüber hinaus verweisen die Experten auf die ihrer Einschätzung nach positiven Erfahrungen beim Einsatz von Videoüberwachung.

Keine Konzepte, die für alle passen

Vorbildlich sei Stockholm, wo es gelungen sei, unter Einbeziehung der Bevölkerung ein ausgedehntes und akzeptiertes Videoüberwachungssystem aufzubauen. Seit dem vergangenen Jahr ist die Polizei dort befugt, in besonderen Situationen selbst zu entscheiden, ob eine Videoüberwachung sinnvoll und angemessen ist, und ob Kameras in Echtzeit eingesehen werden können. Dieses Beispiel macht allerdings auch deutlich, dass es keine Konzepte gibt, die für alle gleichermaßen passen, aufgrund der unterschiedlichen Rechtslage und gesellschaftlichen Akzeptanz. Die Empfehlungen von "Safer Space for Safer Cities" sollen nun vorgestellt werden und in Zukunft als Handlungsempfehlungen zur Verfügung gestellt werden - insbesondere urbanen Ballungsräumen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Mai 2021 um 15:30 Uhr.