Ein Straߟenwärter montiert an der Autobahn A81 am Hegaublick ein Schild mit der Aufschrift ''130''. | Bildquelle: dpa

Limits auf Autobahnen Weniger Tempo, weniger Unfälle?

Stand: 30.01.2019 17:30 Uhr

Das Verkehrsministerium lehnt ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ab. Dabei könnten Geschwindigkeitsbegrenzungen vermutlich die Zahl der Unfälle senken. Doch die Forschungslage ist erstaunlich dünn.

Von Dietmar Telser, tagesschau.de

Die Aussage des stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft GDP war klar und unmissverständlich: "Wir könnten Menschenleben retten und Schwerverletzte verhindern", antwortete Michael Mertens der "Süddeutschen Zeitung" auf die Frage nach der Einführung eines Tempolimits. Erfahrungen aus Österreich zeigten dies. Die Bundesregierung müsse nun endlich eine wissenschaftliche Studie in Auftrag geben, die sich mit einem Tempolimit auseinandersetze.

Tatsächlich ist die Sache paradox: Seit Jahren wird in Deutschland in steter Regelmäßigkeit über ein Tempolimit auf Autobahnen debattiert. Doch umfassende Studien, die einen möglichen Zusammenhang zwischen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Autobahnen und Verkehrssicherheit bewerten, gibt es offenbar kaum.

Als vor gut zwei Wochen die Arbeitsgruppe Klimaschutz im Verkehr der Bundesregierung ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen ins Gespräch brachte, lehnte Verkehrsminister Andreas Scheuer dies mit Verweis auf die Sicherheit der deutschen Autobahnen ab. Eine Studie zum Zusammenhang von Unfällen und Tempolimits konnte er freilich nicht präsentieren. Er sprach lediglich von "Menschenverstand".

Neue Studie könnte helfen

Die Forschungslage ist für Tempolimit-Gegner und -Befürworter gleichermaßen ein Dilemma. "Die einzige größer angelegte umfassende Untersuchung, die uns bekannt ist, stammt aus den 1970er-Jahren", sagt etwa Julia Fohmann, Sprecherin des Deutschen Verkehrssicherheitsrates. Die Studie "Auswirkungen einer Richtgeschwindigkeit im Vergleich zu einer Höchstgeschwindigkeit auf Bundesautobahnen" sei inzwischen veraltet. Dabei könnte eine aktuelle umfassende Studie die Debatte wesentlich entschärfen, vermutet Fohmann. Die unklare Datenlage sei auch ein Grund, weshalb der Verkehrssicherheitsrat - anders als bei der Frage nach Tempolimits auf Landstraßen -, hier keine eindeutige Position vertrete.

Auch Günther Prokop, Professor für Kraftfahrzeugtechnik an der TU Dresden - ein Tempolimit-Skeptiker - gibt zu: "Das Zahlenmaterial ist zu dünn." Auch er fordert, "eine größer angelegte Studie in Auftrag zu geben, die etwa technische und straßenbauliche Maßnahmen und Ausbildung bewertet".

Verkehrsminister Andreas Scheuer | Bildquelle: dpa
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Verkehrsminister Andreas Scheuer lehnt ein generelles Tempolimit ab.

Höhere Differenzgeschwindigkeit

Bis dahin behelfen sich Skeptiker und Befürworter weiterhin mit Analysen, Teilstudien - oder eben "Menschenverstand". Prokop etwa argumentiert, dass er in Statistiken keine signifikanten Hinweise dafür finde, dass eine höhere Geschwindigkeit auf Autobahnen zwingend zu mehr Unfällen führe. Entweder komme das zu selten vor, sodass es sich in den Statistiken nicht niederschlage, sagt er, "oder man könnte vermuten, dass Menschen, die schneller fahren, entsprechend aufmerksamer sind." Fest steht für ihn: "Ein emotionales Freiheitsbedürfnis darf dem Faktor Verkehrssicherheit auf keinen Fall entgegenstehen."

Fohmann argumentiert hingegen, dass höhere Differenzgeschwindigkeiten - also die unterschiedlichen Geschwindigkeiten bei einem Zusammenstoß - auf Autobahnen auch dementsprechend gefährlicher seien. Auch die höhere Durchschnittsgeschwindigkeit auf Autobahnen führe zu mehr Unfällen, so die Sprecherin des Verkehrssicherheitsrates.

Untersuchung in Brandenburg

Eine Untersuchung von Auswirkungen eines Tempolimits im Land Brandenburg, über die zuvor "Spiegel Online" berichtete, kommt tatsächlich zu eindeutigen Ergebnissen. Dabei wurde der Abschnitt zwischen den beiden Autobahndreiecken der Autobahn 24 im Bereich Wittstock/Dosse - Havelland vor und nach der Einführung eines Tempolimits verglichen. Die Zahl der Unfälle hatte sich im Dreijahreszeitraum vor und nach dem Limit von 654 auf 337 verringert. Auch die Zahl der Verunglückten sank in dem Vergleichszeitraum deutlich von 838 auf 362. Dabei gingen die Unfallzahlen insgesamt in dem Bundesland in dieser Zeit leicht zurück.

Allerdings: Die Studie, die aus dem Jahr 2007 stammt, bezieht sich auf einen Abschnitt, der besonders unfallträchtig war. Kritiker eines generellen Tempolimits wie der Automobilclub ADAC lehnen Limits für bestimmte Abschnitte ohnehin nicht ab.

Tempo 130 auf der Autobahn
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Tempo 130 auf der Autobahn: Dilemma der fehlenden Forschungsergebnisse

Auffälliger Streckenabschnitt

Tempolimits könnten in Einzelfällen, etwa bei besonders kurvenreichen oder unübersichtlichen Strecken, die Verkehrssicherheit erheblich erhöhen, so Melanie Mikulla vom ADAC. "Bei der A 24 handelte es sich um einen Unfall-auffälligen Streckenabschnitt", sagt sie.

Der Verkehrssicherheitsrat verweist zudem auf die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h auf einem Abschnitt der Autobahn 4 zwischen Merzenich und Elsdorf im Jahr 2017. Dort seien Unfälle mit insgesamt neun Getöteten in den vorangegangenen drei Jahren registriert worden. Das Teilstück war zuvor neu gebaut worden.

Nach Einführung des Tempolimits gab es dort, laut Fohmann, bisher keinen Unfall mit Todesfolge. Die Durchschnittsgeschwindigkeit war demnach um 20 km/h gesunken. Fohmann rechnet nun damit, dass die Zahl der Unfälle deutlich sinkt.

Das Verkehrsministerium sieht dennoch keinen Grund für die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen. Eine generelle Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen werde nicht verfolgt, heißt es. Auf welche Erkenntnisse sich das Ministerium bei der Entscheidung stützt, konnte es nicht mitteilen.

Über dieses Thema berichteten das nachtmagazin am 28. Januar 2019 um 00:15 Uhr.

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