Mitarbeiter bei der Arbeit in der Merck-Pharma-Produktion (2014) | Bildquelle: dpa

Tarifpaket beschlossen "Neuland für die Chemiebranche"

Stand: 22.11.2019 17:42 Uhr

Nach einem "kräftezehrenden Verhandlungsmarathon" steht der Tarifabschluss in der Chemiebranche - mit einer Neuheit: Arbeitgeber und Gewerkschaft präsentierten eine Pflegezusatzversicherung und ein Konto über freie Tage.

Von Von Axel John, SWR Mainz

Der Tarifpoker zog sich bis in die Nacht. Um zwei Uhr waren die Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertreter der Chemie- und Pharmaindustrie in einem Wiesbadener Tagungshotel erschöpft auseinandergegangen. Nach wenigen Stunden Schlaf ging es am Freitagmorgen weiter. "Es ist eine Berg- und Talfahrt", war aus dem Teilnehmerkreis zu hören. Nachdem sich die Pressekonferenz verzögerte, stand dann am Nachmittag der Abschluss für die 580.000 Beschäftigten im drittgrößten deutschen Industriezweig fest.

Erstmals Pflegezusatzversicherung in Tarifvertrag

Die Einigung umfasst ein umfangreiches Tarifpaket. So können beide Seiten am Ende der Verhandlungen unter anderem ein echtes tarifpolitisches Novum präsentieren. Erstmals haben sich beide Seiten auf eine Pflegezusatzversicherung in einem Tarifvertrag für die Beschäftigten verständigt. Die Arbeitgeber finanzieren das Modell. So sollen finanziellen Lücken in der gesetzlichen Vorsorge aufgefüllt werden.

"Dieser Punkt ist tarifpolitisches Neuland. Es wird eine echte Hilfestellung für die Beschäftigten, falls es zum Pflegefall kommen sollte. Diese Probleme werden in der Zukunft deutlich dramatischer werden. Wir werden davon als Branche Vorteile haben - für die Beschäftigten und auch für die Attraktivität des gesamten Industriezweiges als Arbeitgeber", sagte der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Georg Müller. Bei Eintritt des Pflegefalls sind bei stationärer Pflege bis zu 1000 Euro, bei ambulanter Pflege bis zu 300 Euro abgedeckt. Die neue Zusatzversicherung in der Chemiebranche startet zum Juli 2021.

Flexiblere Arbeitszeiten

Außerdem gibt es künftig ein sogenanntes "Zukunftskonto". Im nächsten Jahr werden den Beschäftigten und Auszubildenden zunächst zwei freie Tage gutgeschrieben. Bis 2022 wächst das Konto auf fünf freie Tage pro Jahr an. Dabei können die Arbeitnehmer selbst wählen, ob sie Freizeit nehmen, die Tage ansparen oder sich das Geld auszahlen lassen. Allerdings muss bei Umwandlung in freie Zeit der jeweilige Betrieb zustimmen. "Mit dem Zukunftskonto und der tariflichen Pflegezusatzversicherung gehen wir einmal mehr neue Wege", zeigte sich Verhandlungsführer der IG BCE, Ralf Sikorski, vor allem mit diesen beiden Punkten zufrieden.

Georg Müller (l), Verhandlungsführer der Arbeitgeber, und Ralf Sikorski, Verhandlungsführer der Gewerkschaft IG BCE, geben sich vor Beginn der bundesweiten Chemie-Tarifrunde im Oktober 2019 die Hand. | Bildquelle: dpa
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Der Verhandlungsführer der IG BCE, Sikorsko (rechts im Bild), ist insbesondere mit den Zusatzleistungen zufrieden - Müller (links) stimmte für die Arbeitgeber zu.

Für die Beschäftigten gib es künftig auch mehr Geld. Nach Einmalzahlungen steigen die Löhne und Gehälter zunächst zum Juli 2020 um 1,5 Prozent und dann um weitere 1,3 Prozent Mitte 2021 für weitere neun Monate. Abschließender Punkt in der Tarifeinigung: Es soll eine "Qualifizierungsoffensive Chemie" geben, denn angesichts der fortschreitenden Digitalisierung steht auch die deutsche Chemiebranche unter internationalem Konkurrenzdruck.

Hinter der Branche liegen schwere Monate. 2018 hatten die Unternehmen noch einen Rekordumsatz von mehr als 200 Milliarden Euro erzielt. In diesem Jahr wird der Umsatz um rund fünf Prozent einbrechen. Die Branche leidet unter den internationalen Handelskonflikten, dem Brexit und einer sinken Nachfrage der Industrie - vor allem vom Automobilbau.

Lange Laufzeit

Der Tarifvertrag hat eine lange Laufzeit von bis zu 29 Monaten - so lange wie seit 1987 nicht mehr. Auch BAVC-Präsident Kai Beckmann lobte die Vereinbarung. Die Vorstellung der Ergebnisse nutzte Beckmann auch zur Kritik am sozialpolitischen Kurs der Bundesregierung. "Wir schaffen neue Spielräume bei der Arbeitszeit, stärken die Qualifizierung im digitalen Wandel und gehen mit der Pflegeversicherung auch sozialpolitisch voran. Ein besonderer Pluspunkt ist die Planungssicherheit für die Betriebe. Wir stellen Fortschritt vor Verteilung - und zeigen damit auch der Politik in Berlin, wie es geht."

Beiden Seiten hätten einen "kräftezehrenden Verhandlungsmarathon" hinter sich, fasst Gewerkschafter Sikorski die Gespräche zusammen. Die Arbeitgeber freuen sich vor allem über die langen Laufzeiten, die Gewerkschaft über die neuen tarifpolitischen Instrumente und beide darauf, sich jetzt in Ruhe ausschlafen zu können.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. November 2019 um 17:00 Uhr.

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