Die Kirmesjugend beim Arbeitseinsatz auf dem Kirchhof. | <WDR>
Reportage

tagesthemen mittendrin Ein "Dorf mit Zukunft" trotzt der Krise

Stand: 29.05.2020 14:51 Uhr

Mit viel Engagement setzen sich die Bürger im thüringischen Bollstedt für ihren Ort ein. Die Corona-Krise hat das Gemeinschaftsleben eingeschränkt. Um wieder zusammenkommen zu können, lässt sich das Dorf einiges einfallen.

Von Nadja Storz, MDR

Bollstedt in Westthüringen: Das sind 1000 Einwohner und zehn Vereine. Im vergangenen Jahr haben die Bollstedter für ihr Engagement beim Bundeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" den ersten Platz belegt. Wie erlebt das Dorf die Corona-Zeit? "Gar nicht gut", antwortet Bürgermeister Thomas Ahke spontan, überlegt kurz und lacht: "Wir leben hier für unsere Feste, für unsere Vereine. Dann kam Corona, und wir sind erfinderisch geworden."

"Müssen die Zwischentöne erkennen"

Erfinderisch, das hieß in Bollstedt: Von Tür zu Tür gehen, klingeln und nach Sorgen und Nöten fragen. Die größte Angst sei gewesen dass die Schwachen auf der Strecke blieben, sagt Ahke. "Diejenigen, die allein leben, keine Familie im Ort haben. Für die sind wir einkaufen gegangen, haben einmal mehr angerufen. Wir müssen aufpassen, die Zwischentöne erkennen. Sonst werden die Menschen unzufrieden. Und dann wird es schlimm."

Ahke hat Verständnis für Abstandsregeln und Mundschutz. So sei Bollstedt ohne Corona-Fall durch die Zeit gekommen. Aber nun wende sich das Blatt. Und auch er spürt: Die Stimmung kippt im Dorf. Wenn nicht bald die gewohnte Geselligkeit zurückkehre, werde es schwer. Viel Verständnis sei nicht mehr da.

Kaum jemand verlässt das Dorf

Ein Dorf, das keine Abwanderung kennt, das ist selten im ländlichen Thüringen. Es gibt kaum Industrie, dafür viel Dienstleistung und Landwirtschaft. "Reich werden wir hier nicht", sagt Lukas Köhler. "Aber das brauchen wir auch nicht." Köhler, 29 Jahre alt, ist Vorsitzender des Kirmesvereins. Die 30 jungen Männer und Frauen sind fast alle in Bollstedt geboren. Auf die Frage, wer nach dem Schulabschluss das Dorf verlassen wird, meldet sich zögerlich nur eine junge Frau. "Aber ich komme bestimmt zurück", fügt sie leise hinzu.

Es ist Ende Mai. Drei Monate lang haben sie sich nicht getroffen. Nun steht endlich der Arbeitseinsatz auf dem Kirchplatz an: Unkraut aus Gehwegplatten zupfen, kehren, Hecken verschneiden. Die Kirmesjugend bereitet sich auf den Höhepunkt ihres Dorflebens vor: die Kirmes. Anfang Juli wäre es soweit. Doch ob sie feiern dürfen, ist noch völlig offen.

Eine Gruppe pflanzt einen Baum | <WDR>

Bürgermeister Thomas Ahke pflanzt für das Ehepaar Richter einen Baum im "Ehrenwäldchen". Die Bäume sind ein Geschenk des Dorfes an engagierte Einwohner oder auch Jubilare. Die Richters hätten jetzt Goldene Hochzeit gefeiert.
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Die Gruppe ist niedergeschlagen. Die Mitglieder hängen an ihren Traditionen wie dem Ständchen. Dabei ziehen sie von Haus zu Haus und singen ein Liedchen. Sie wollen damit Freude verbreiten. Das wurde von den Behörden abgesagt. Köhler und seine Truppe wollen nicht aufgeben. "Wir haben jetzt unseren Bürgermeister um Hilfe gebeten. Der will das Thema im Stadtrat ansprechen." 

Die Gruppe ist ehrgeizig, plant ein Hygienekonzept. Abstand halten und Alkohol? "Das wird schwer", gibt Köhler zu. Er sei hin- und hergerissen. "Aber wir bringen Bollstedt wieder zusammen - und wenn wir es im Kleinen tun."

Fit bleiben mit Whatsapp

Gabi Pleil weiß, wie es den jungen Leuten geht. Auch in ihr kribbele es. Sie sei kaum noch zu halten. Die 57-Jährige leitet den Fitnessclub im Ort - natürlich ehrenamtlich. Der Verein hat mehr als 100 Mitglieder, ein eigenes Fitnessstudio sowie tägliche Tanz- und Gymnastikkurse. In der Krise organisierte Pleil Whatsapp-Challenges, damit "ihre Damen", wie sie sagt, fit bleiben.

Ab Montag darf sie den Club unter strengen Vorgaben wieder öffnen. Pleil kennt sich aus mit Hygienebestimmungen. Sie ist eine von wenigen Selbstständigen in Bollstedt. Ihren Kosmetiksalon eröffnete sie 1993, in der kritischen Nachwendezeit. "Aber dieser Tag im März, als ich meinen Laden schließen musste, der war der schlimmste". Mit Tränen in den Augen habe sie damals ihren Kundinnen und Kunden abgesagt, Soforthilfe beantragt und sei gerade so über die Runden gekommen. Ein paar Wochen länger und sie hätte ihren Laden für immer schließen müssen.

Garagenkonzert | <WDR>

Punkt 18 Uhr: Garagenkonzert in Bollstedt Bild:

Ein Dorfkümmerer soll kommen

Es ist Abend geworden in Bollstedt. Die Dorfbewohner rücken zusammen, versuchen aber dabei auf Abstand zu bleiben. Es gibt ein Garagenkonzert bei Familie Fehr: Punkt 18 Uhr spielen Musiker Stefan Fehr und seine sechsjährige Tochter Ella für das Dorf. Das hat sich am Gartenzaun aufgereiht, klatschend und singend.

Die Kirmesjugend ist auch gekommen. "Ihr fehlt uns", ruft eine ältere Dame den jungen Frauen und Männern zu. Bürgermeister Ahke nickt. Er hat eine neue Idee. Sein Dorf soll einen Dorfkümmerer bekommen. Ein Ehrenamt mit Aufwandsentschädigung. Eine oder einer, der zum Reden da ist. Nicht mehr und nicht weniger. Jemand, der erkennt, wenn die Stimmung kippt. Denn das sei die größte Gefahr von allen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. Mai 2020 um 21:45 Uhr.