Interview

Interview mit Oppositionellem Ahma "Viele Exil-Syrer bekommen Drohanrufe"

Stand: 10.02.2012 17:36 Uhr

Die Aktionen des syrischen Geheimdienstes in Deutschland haben diese Woche für Schlagzeilen gesorgt. Der Exil-Syrer Ferhard Ahma berichtet im Interview mit tagesschau.de, wie er hierzulande die Gewalt des Assad-Regimes zu spüren bekommt. Zugleich macht er China und Russland für Tote in Syrien mitverantwortlich.

tagesschau.de: Zwei mutmaßliche syrische Spione wurden in Deutschland festgenommen. Wie erleben Sie als Exil-Syrer den Druck der syrischen Geheimdienste?

Ferhad Ahma: Vor allem unsere Familien in Syrien sind durch unsere Oppositionsarbeit sehr unter Druck. Sie werden bedroht. Sie bekommen Besuch; man sagt ihnen, dass wir in Deutschland beobachtet werden. Aber auch hier im Exil spüren wir den Druck. Wir dürfen nicht ins Land reisen zu unseren Familien. Wir bekommen Drohanrufe. Im März 2010 wurde eine Liste des syrischen Geheimdienstes mit Namen von im Ausland lebenden Syrern bekannt, die gesucht werden. Auf diese Liste fand sich auch mein Name. 

tagesschau.de: Sie sind am 26. Dezember in Ihrer Wohnung überfallen worden. Wer steckte dahinter, was vermuten Sie?

alt Ferhad Ahma

Zur Person

Ferhard Ahma ist 1973 in Syrien geboren und lebt seit 16 Jahren in Deutschland. Ahma ist Mitglied des Syrischen Nationalrates (SNC) und Mitbegründer der deutsch-syrischen Oppositionsbewegung "Adopt a Revolution". Am 26. Dezember 2011 wurde Ahma in seiner Berliner Wohnung Opfer eines Überfalls.

Ahma: Ich bin mir sicher, dass es sich um Schergen des Regimes handelte. Zwei Männer kamen früh morgens. Als ich die Tür öffnete, drangen sie in meine Wohnung ein. Sie hatten Schlagstöcke dabei, erst als mein Nachbar seine Wohnungstür öffnete, verschwanden die Männer. Ich wohne allein, das sahen sie vielleicht als ihre Chance. Aber ich bin kein Einzelfall. Viele Exil-Syrer bekommen Drohanrufe oder haben es mit Gewalt zu tun.

"Die Proteste sind friedlich - bis die Armee provoziert"

tagesschau.de: Was hören Sie aus Ihrem Heimatland, was erleben die Menschen in diesen Tagen dort?

Männer mit Gewähren stehen in einem Vorort von Damaskus
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Männer mit Gewehren in einem Vorort von Damaskus. Auch die Protestbewegung greift zunehmend zu Waffen, um sich zu verteidigen.

Ahma: Mancherorts - wie in Homs oder den Vororten von Damaskus - gibt es jeden Tag Angriffe der syrischen Armee gegen die Zivilbevölkerung. Allein in der Region um Homs sind in der letzten Woche 755 Menschen getötet worden, darunter viele Kinder und Frauen. Im ganzen Land kommt es jeden Tag zu Demonstrationen und Protesten. Allein letzten Freitag haben wir an einem Tag insgesamt über 600 Aktionen gezählt. Die meisten verlaufen friedlich. Nur da, wo die Armee gezielt eingreift, kommt es zu Gewalt und zu Verbrechen. Das Regime versucht, einen Bürgerkrieg zu provozieren. Die Oppositionsbewegung versucht alles, damit die Lage nicht eskaliert. Sie hat sich der Gewaltlosigkeit verschrieben. Aber da, wo die Zivilbevölkerung angegriffen wird, da können die Menschen nicht nur zusehen und leisten Gegenwehr - auch mit Waffen.

Reportage: Ein Freitag in Damaskus
B. Blaschke, ARD Kairo
10.02.2012 09:00 Uhr

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tagesschau.de:  Woher kommen diese Waffen? Gibt es Lieferungen aus den arabischen Nachbarländern?

Ahma: Es sind Waffen aus Syrien. Viele Deserteure der Armee haben ihre Waffen mitgenommen. Oder es sind Gewehre und Pistolen der Familien - also sehr einfache Waffen, mit denen sich die Menschen zur Wehr setzen.

"Wir haben vor dem Fernseher gesessen und geweint"

tagesschau.de: Was haben Sie empfunden, als der UN-Sicherheitsrat sich in der vergangenen Woche nicht auf eine scharfe Resolution gegen Machthaber Assad einigen konnte?

Ahma: Wir haben vor dem Fernseher gesessen und geweint. Ich hatte bis zur letzten Sekunde gehofft, dass China und Russland einlenken würden. Zu sehen, dass beide Länder mit "nein" stimmten, war sehr hart und enttäuschend. Das Regime hat ja auch sofort reagiert: Unmittelbar nach dem Scheitern der Resolution im Sicherheitsrat wurden neue Massaker durchgeführt. Die 755 Menschen, die allein in der vergangenen Woche in Homs gestorben sind, haben China und Russland zu verantworten.

tagesschau.de: Was erwarten Sie jetzt von der internationalen Gemeinschaft und speziell von Deutschland?

Ahma: Wir hoffen vor allem auf humanitäre Hilfe. Deutsche Hilfsorganisationen können so viel tun: Die Menschen brauchen Medikamente, Verbandsmaterialien. Die Ärzte vor Ort müssen unterstützt werden. Die Bundesregierung sollte die Oppositionsbewegung anerkennen und sie finanziell, technisch und politisch unterstützen. Auf der internationalen Ebene muss die Bundesregierung ihre diplomatischen Bemühungen fortsetzen. Wir hoffen zum Beispiel sehr, dass die internationale Kontaktgruppe "Freunde Syriens" so schnell wie möglich zustande kommt.

"Militärische Hilfe würde die Lage weiter eskalieren lassen"

tagesschau.de: Was halten Sie von einer Bewaffnung der syrischen Opposition mit Hilfe der USA oder der Nachbarstaaten? 

Ahma: Wenn die Oppositionsbewegung sich hätte bewaffnen wollen, hätte sie es längst geschafft. Es gibt so viele Waffen im Land, sie reichen für mehrere Kriege. Die Opposition will sich nicht bewaffnen, weil die Situation dann weiter eskaliert. Und das würde der Zivilbevölkerung schaden. Das Regime ist unberechenbar, es würden zehntausende Menschen sterben. Es gab eine ganz bewusste Entscheidung gegen einen bewaffneten Widerstand – auch, wenn so der Kampf vielleicht viel länger dauert. Allerdings werden die Rufe der Bevölkerung nach Waffen immer lauter. Noch hat die Oppositionsbewegung diese Situation im Griff. Aber niemand weiß, was passiert, wenn diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie wir sie in Syrien erleben, nicht aufhören.

tagesschau.de: Würde eine Militärintervention - vergleichbar mit dem Vorgehen damals in Libyen - helfen?

Ahma: Auch das lehnen wir ab. Wir wollen keine Einmischung von außen. Denn wir wollen nicht, dass ausländische Kräfte mit darüber entscheiden, wie sich unser Land einmal entwickelt. Unsere Situation ist anders als die in Libyen. Die Nachbarstaaten Irak und Iran würden bei einer Intervention die Chance nutzen, ihren Einfluss im Land auszubauen. Die syrische Oppositionsbewegung will die Revolution aus eigener Kraft schaffen. Dazu aber brauchen wir politische und humanitäre Unterstützung der internationalen Gemeinschaft.

tagesschau.de:  Wie lange kann die Opposition ihren Widerstand noch aufrechterhalten?

Ahma: Die Menschen sind trotz der Gewalt bereit, weiter zu kämpfen. Sie werden den Widerstand fortsetzen, bis das Regime Assad gestürzt ist - egal, wie lange es dauert.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

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