Eine Frau steckt während der vierten Synodalversammlung der katholischen Kirche in Deutschland im Congress Center Messe Frankfurt dem Synodalkreuz ein rotes kleines Kreuz an | dpa
Analyse

Synodalversammlung der Katholiken Doch nicht ganz gescheitert

Stand: 10.09.2022 18:04 Uhr

Dass die Reform der kirchlichen Sexualmoral nicht angenommen wurde, hat viele Synodale tief enttäuscht. Dennoch sind laut Bischof Bätzing bei der Versammlung "Entscheidungen mit Signalwirkung" getroffen worden.

Von Klaus Hofmeister, HR

Am Donnerstag um 18.25 Uhr war es, da schlug der Synodale Weg auf dem harten Boden der katholischen Realitäten auf. Die Bischöfe hatten einer Reform der kirchlichen Sexuallehre die nötige Zweidrittelmehrheit versagt. Ausgerechnet zum Auftakt der Tagung und ausgerechnet bei einer Kirchenlehre, die schon seit Jahrzehnten im katholischen Kirchenvolk hauptsächlich Kopfschütteln erntet.

Zur Abstimmung unter den 230 Delegierten stand ein neuer Blick auf die menschliche Sexualität, nicht mehr als Einfallstor des Bösen, sondern als positive Kraft. Der Grundsatztext sollte aufräumen mit dem Pillen- und Kondomverbot Roms, Homosexualität als "Normvariante" menschlicher Sexualität würdigen und ihre Praxis nicht mehr als "schwere Sünde" betrachten.

Tränen und blankes Entsetzen

Sexuelle Identität sei auch jenseits der binären Modelle von männlich und weiblich zu würdigen. Trans- und Intersexuelle bekämen im Raum der katholischen Kirche einen Platz. 82 Prozent Zustimmung gab die Synodalversammlung. Aber laut Satzung treten Reformtexte nur in Kraft, wenn sie auch eine eigene Zweidrittelmehrheit der Bischöfe bekommen. 21 Hirten sagten Nein, damit war der Grundlagentext vom Tisch.

In der Synodalversammlung sah man blankes Entsetzen, einige verließen unter Tränen den Saal, fast hundert Synodale versammelten sich spontan in der Mitte des Saales und bildeten einen Kreis um ein Plakat mit der Aufschrift "Keinen Platz für Menschenfeindlichkeit".

Fehlendes Gespür für Leid

Auch das Präsidium des Synodalen Rates hatte das Votum der Bischöfe kalt erwischt. Bischof Bätzing als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz hatte vorher unter seinen Mitbrüdern keine Probeabstimmung gemacht. In der intensiven Aussprache nach dem gescheiterten Votum wurde dann Tacheles geredet.

Synodale brachten das Gefühl zum Ausdruck, dass die Nein-Bischöfe sich von ihrem Volk, für das sie Hirten sein sollen, entfernt hätten. Offenbar fehle jegliches Gespür für das Leid, das diese überholten Lehren bei Menschen erzeugt haben, bei Homosexuellen, die sich verstecken müssen, bei Ehepaaren, in deren Schlafzimmer hineinregiert wurde.

Besonders empörend wirkte - einer nannte es Feigheit -, dass nur drei der 21 Bischöfe, die am Ende die neue Sexualethik zu Fall brachten, sich vorher in der Debatte als Reformgegner zu erkennen gegeben hatten. So entstand das Gefühl, hier seien konservative Heckenschützen am Werk, denen es um strategische Reformblockaden geht, denen die ganze Richtung nicht passt.

Bischöfe beklagen Druck

Von einigen konservativen Bischöfen war bekannt, dass sie sich in den vergangenen zwei Jahren der Vorbereitung zum Teil weder bei Hearings noch bei den Debatten eingebracht hatten. So sei Synodalität nicht gedacht, sich nicht ins Gespräch einzubringen und am Ende mit dem roten Abstimmungsknopf seine Macht auszuspielen, kritisierte Präsidentin Irme Stetter-Karp den Tränen nahe.

Bischof Bätzing, einer der eifrigsten Reformbefürworter, meinte: Nun käme es in Deutschland wohl zu einer Kirche der zwei Geschwindigkeiten, er jedenfalls werde den ablehnten Text zur Sexuallehre in seinem Bistum in die Gremien geben. Einige der Nein-Bischöfe erklärten sich und beklagten den Druck, unter dem sie als konservative Minderheit in der Synodalversammlung stünden. Sie trauten sich ja kaum, sich zu äußern - über sie werde "hergefallen".

Unter dem Eindruck der Krise des ersten Tages dämmerte einigen Bischöfen wohl, welches fatale Signal der Reformverweigerung von Frankfurt ausgehen würde, wenn weitere Reformpakete scheitern sollten. Die Synodalregie forderte die Reformskeptiker dringend auf, sie mögen sich mit ihren Bedenken in die Debatten einbringen.

Angst vor dem Scheitern

Die Redezeit wurde von einer auf zwei Minuten verdoppelt, Bischof Bätzing rief von nun an vor wichtigen Abstimmungen seine "Fraktion" der Bischöfe zur Probeabstimmung zusammen. Eine Pleite wie beim Sexualpapier sollte es nicht mehr geben. Die Aussprachen wurde offener, der Zeitplan geriet aus den Fugen.

Dadurch aber fanden weitere Papiere dann doch noch die nötige Mehrheit. Die Reformblockade schien sich aufzulösen. Ob aus innerer Einsicht oder nur, weil der Preis eines Scheiterns unter den Augen der Öffentlichkeit nun auch den letzten Bischöfen dämmerte.

Mehr Rechte für Homosexuelle

Ein 32-seitiges Argumentationspapier zugunsten der Priesterweihe von Frauen wurde verabschiedet. Es soll dem Papst vorgelegt werden und die derzeit verbotene Debatte über Frauenpriesterinnen wieder in Gang bringen. Es wurde allerdings nur zustimmungsfähig, weil es nun kleinlaut nur als "Diskussionsbeitrag" für den Papst heruntergestuft wurde.

Und auch ein Votum an Rom, dass praktizierte Homosexualität im Katechismus nicht mehr als schwere Sünde aufgeführt wird, ging dann noch durch. Und auch soll das kirchliche Arbeitsrecht geändert werden, Menschen in homosexuellen Partnerschaften sollen zukünftig nicht mehr von Kündigung bedroht sein.

Vieles muss geklärt werden

Zukunftsweisend ist ein Beschluss zur Weiterführung des Synodalen Weges: Ein sogenannter Synodaler Rat soll auf Dauer eingerichtet werden. Dort sollen die Angelegenheiten der Kirche, ähnlich wie beim Synodalen Weg, gemeinsam von Bischöfen und Laien beraten und auch entschieden werden. Wie das genau ausgestaltet wird, muss noch ausführlich beraten werden.

Damit ist es mit der "Synodalität" in Deutschland also nicht nach der letzten geplanten Vollversammlung im März 2023 vorbei. Aber an der harten Wahrheit, dass die Bischofskonferenz tief gespalten ist in eine reformwillige Mehrheit und eine Fraktion der Bremser, nehmen die Synodalen ebenfalls mit nach Hause. Eine Kirche der zwei Geschwindigkeiten in Deutschland, je nachdem unter welchem Bischof eine Diözese steht, zeichnet sich ab.

Auf Druck der Synodalen sind mehrere Abstimmungen in Frankfurt namentlich erfolgt. Katholikinnen und Katholiken können deshalb nachvollziehen, mit welchem Reformtempo sie demnächst in ihrem Bistum rechnen können.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. September 2022 um 15:00 Uhr.