Hinter einem Kreuz ziehen Ministranten und die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Fuldaer Dom. | Bildquelle: dpa

Deutsche Katholiken Gemeinsamer Weg - wohin?

Stand: 01.12.2019 04:00 Uhr

Am heutigen ersten Advent startet in der katholischen Kirche der "synodale Weg". Mit dem Gesprächsprozess soll gemeinsam ein Weg aus der Krise gefunden werden. Wohin er führt, ist unklar.

Von Ulrich Pick, SWR

Heute wird im Dom eines jeden katholischen Bistums in Deutschland eine besondere Kerze angezündet - eine "Synodalkerze". Das Licht soll den Start des sogenannten "synodalen Weges" markieren und, so die Hoffnung, Helligkeit in die katholische Kirche in Deutschland bringen. Denn momentan gibt es dort etliche dunkle Bereiche.

Nicht nur, dass sie ebenso wie die evangelische Kirche seit Jahren massiv an Mitgliedern verliert und das christliche Evangelium deutlich an gesellschaftlicher Strahlkraft eingebüßt hat. Es ist vor allem der sexuelle Missbrauch, der ihr Image ramponiert hat. Hinzu kommen frauenfeindliche Strukturen und vielfach fehlende innere Transparenz. Deshalb wollen von heute an Kleriker und Laien nach einem Ausweg aus der Krise suchen - und zwar in einem gemeinsamen Gesprächsprozess, dem "synodalen Weg". Viele katholische Laien erwarten hiervon auch grundlegende und - wie sie sagen - notwendige Reformen ihrer Kirche. Ob dies gelingt, ist jedoch fraglich.  

Sexueller Missbrauch

Angefangen hatte alles im September 2018 in Fulda. Da präsentierten die katholischen Bischöfe eine von ihnen in Auftrag gegebene Studie über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche Deutschlands. Die Untersuchung, die nach den Standorten der Wissenschaftler aus Mannheim, Heidelberg und Gießen "MHG-Studie" genannt wird, legte dar, dass sich in den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 Belege finden für bundesweit 3.677 sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche durch Priester, Ordensmänner oder Diakone.

Die Studie wies zudem darauf hin, dass sexueller Missbrauch stets einen Missbrauch von Macht darstellt, "der durch autoritär-klerikale Strukturen der katholischen Kirche begünstigt werden kann". Sie empfahl daher dringend eine "grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Weiheamt des Priesters und deren Rollenverständnis gegenüber nicht geweihten Personen".

Brief aus Rom

Als Konsequenz beschlossen die katholischen Bischöfe im Frühjahr 2018 in Lingen einstimmig, zusammen mit Vertretern des Zentralkomitees der Katholiken einen gemeinsamen Ausweg aus der Krise zu suchen. Hierfür wurde die Bezeichnung "synodaler Weg" kreiert. Gemeint war ein verbindlicher und ergebnisoffener Gesprächsprozess, bei dem vier Themenbereiche in großen Foren debattiert werden sollen: "Macht und Gewaltenteilung", "Sexualmoral", "Priesterliche Lebensform" und - auf Drängen der katholischen Laien - "Die Rolle der Frauen in der Kirche".

Ende Juni dieses Jahres sandte Papst Franziskus einen 19-seitigen Brief an "das pilgernde Volk Gottes in Deutschland". Grundsätzlich begrüßt darin der Pontifex, dass Klerus und Laien einen gemeinsamen Weg zur Lösung der gegenwärtigen Krise in der Kirche beschreiten wollen. Auf die vier zentralen Themenbereiche des "synodalen Weges" ging Franziskus jedoch nicht ein. Sein Schwerpunkt lag vielmehr in der Mahnung, sich in erster Linie an der Botschaft des Evangeliums sowie seiner Verkündigung zu orientieren, da sich in Deutschland immer weniger Menschen zur Kirche gehörend fühlen.

"Prozess eigener Art"

Im September kam ein weiterer Brief aus dem Vatikan. Kardinal Marc Ouellet, der Vorsitzende der Bischofskongregation, teilte darin dem Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, mit, dass in Rom Unklarheit bezüglich der deutschen Vorgehensweise bestünde.

Im Rahmen des "synodalen Weges" könnten keine weitreichenden Beschlüsse gefasst werden, mahnte er, vielmehr müsse man zuvor den Papst konsultieren. Marx erklärte daraufhin, der "synodale Weg" sei kein Konzil einer Teilkirche, sondern ein "Prozess eigener Art". Welche Art von Beschlüssen er fassen kann, blieb allerdings offen.

Keine Einheit in der Bischofskonferenz

Im Verlauf des Herbstes wurde immer deutlicher, dass die deutschen Bischöfe nicht an einem Strang ziehen. Konservative Amtsträger legten eine Alternativaufstellung der zu debattierenden Themen vor, die zwar von der Mehrheit der Oberhirten abgelehnt wurde. Dafür aber wurde der inhaltliche Rahmen der ursprünglichen Foren verwässert.

So benannte man das Forum "Sexualmoral" in "Leben in gelingenden Beziehungen - Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft" um. Aus "Priesterliche Lebensform" wurde "Priesterliche Existenz heute". Zudem ordnete man die Zusammensetzung der Mitglieder des "synodalen Weges" neu. Von den voraussichtlich 215 Mitgliedern werden jetzt sicher 98 Priester oder Bischöfe sein. Hinzu kommen wohl zehn Ordensvertreter und vier Diakone - so dass Kirchenbedienstete mit 112 Stimmen die Mehrheit haben.

Viele offene Fragen

Offen ist die Frage, welche Verbindlichkeit die Ergebnisse des "synodalen Weges" haben werden. Zudem ist unklar, was man konkret erreichen will: Soll die katholische Kirche wieder ein besseres Image bekommen? Soll die christliche Botschaft wieder mehr Menschen erreichen? Oder soll es wirkliche Reformen geben? Und wenn ja, welche?

Die katholischen Laien gaben sich im Vorfeld hoffnungsvoll und kämpferisch. Sie forderten auf einem Treffen in Mainz im Mai, dass die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals mit innerkirchlichen Reformen verbunden sein müsse: Frauen müssten Zugang zu kirchlichen Ämtern erhalten, der Pflichtzölibat abgeschafft und vielfältige Lebensformen von der Kirche positiv anerkannt werden. Bei einer Realisierung dieser Wünsche wäre allerdings das Kirchenrecht zu ändern, und das kann nur der Vatikan.

Klar ist somit bislang nur, dass der "synodale Weg" heute beginnt. Die erste große Plenarversammlung aller Beteiligten ist für den 30. Januar bis 2. Februar 2020 im Frankfurter Dom geplant.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 01. Dezember 2019 um 01:35 Uhr und 02:38 Uhr.

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