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Bezahlbarer Wohnraum Leben im Syndikat

Stand: 05.06.2019 11:51 Uhr

Baugemeinschaften kennt inzwischen fast jeder. Doch es gibt auch Menschen, die Wohnraum schaffen, ohne ihn besitzen zu wollen. Doch wie funktionieren alternative Lösungen im Kampf gegen die Wohnungsnot?

Von Jenni Rieger, SWR

Der Dreijährige hängt in der Kletterschaukel, seine kleine Schwester wirft Bauklötze. Vater und Mutter bereiten in der Küche das Abendessen, die Zwölfjährige ist beim Geigenunterricht. Neubauidylle. Aber hart erkämpft.

"Wir haben lange gesucht und uns bei den Mietpreisen einfach nichts leisten können. Aber hier, das ist jetzt richtig Zuhause", sagt Mona Haas. Zuhause, das sind fünf Zimmer im dritten Stock eines Neubaus. Blick auf das Freiburger Münster, Kita im Erdgeschoss, der Bahnhof nicht weit.

Lösungsfinder: Die Bausyndikate
tagesthemen 22:15 Uhr, 05.06.2019, Jenni Rieger, SWR

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Bauprojekt ohne Gewinnstreben

Und das alles für 6,70 Euro pro Quadratmeter. Im Nachbarhaus gegenüber kostet der Quadratmeter ganze zehn Euro. Der Unterschied? Das neue Heim der Familie Haas ist ein Projekt des Mietshäusersyndikates. "Der Unterschied zu einem normalen Haus von einem Investor oder der Stadtbau ist, dass wir kein Gewinnstreben haben. Es wird keine Rendite gemacht und keiner verdient sich damit eine goldene Nase."

Die Idee besticht durch ihre Einfachheit: Viele Menschen tun sich zusammen. Jeder investiert, so viel er kann oder möchte. Hinzu kommen kleine Direktkredite, Landeszuschüsse und Bankkredite. Als Sicherheit dient das Haus - wenn es mal steht. "Die emotional anstrengendste Zeit war sicherlich die Bauphase", so Haas.

"Bis das Haus stand, hatten wir quasi nichts in der Hand, keine Sicherheit." Inzwischen aber stehen gleich drei Syndikatshäuser im Freiburger Stadtteil Gutleutmatten. Zusammen bilden sie das "3HäuserProjekt", Heimat für insgesamt 150 Menschen. Obwohl die meisten von ihnen die Häuser mit geplant haben und auch selbst verwalten, wohnen sie hier als Mieter. Eigentum? Gibt es nicht.

"Die Häuser gehören sich selbst"

Aber wem gehören die Häuser? "Die Häuser gehören sich selbst". Organisiert sind sie als GmbH mit wechselnden Geschäftsführern. Die Mieteinnahmen bedienen die extrem lang laufenden Kredite - und wenn das Haus irgendwann abbezahlt sein sollte? Dann haben wir Ressourcen zum Renovieren, für soziale Projekte oder auch um neue Objekte des Mietshäusersyndikats zu unterstützen“, so Haas. "Zum Wohle des Gemeingutes."

Gemeingut, ein Schlüsselwort. Im Syndikat, vielleicht aber auch für die generelle Wohnraumproblematik. Denn hier sehen Experten wie der Bausoziologe Gerd Kuhn schon lange eine bedrohliche Schieflage: "Die Balance zwischen der Wohnung als Sozialgut und als Wirtschaftsgut ist verloren gegangen. Man kann von einem Marktversagen reden, von einem Politikversagen. Und es ist dringend notwendig, diese Balance wiederherzustellen."

Damit dies gelingen kann, müssten soziale Aspekte des Bauens wieder in den Vordergrund rücken, meint Kuhn. Dazu gehöre eine sozial orientierte Stadtplanung, die bei der Vergabe von Baugrundstücken nicht nur den Profit im Auge habe, sondern andere Fragen berücksichtige, etwa die, welche Wohnform besonders vielen gesellschaftlichen Gruppen nutzt.

Auch der Bauplatz, auf dem das Haus von Familie Haas heute steht, war frei ausgeschrieben. Der Zuschlag ging jedoch nicht an den Höchstbietenden, sondern an den Bieter mit dem besten sozialen Konzept: das "3HäuserProjekt" des Mietshäusersyndikats.

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"Keiner verdient sich eine goldene Nase", sagt Mona Haas.

142 Objekte in ganz Deutschland

142 Objekte in ganz Deutschland gehören zum Syndikat. Eines der ersten Stunde liegt ebenfalls in Freiburg: SUSI, die Selbstorganisierte Unabhängige Siedlungsinitiative. Vier ehemalige Kasernengebäude, bunt bemalt, dazwischen große Platanen, Wiesen, Spielplätze. Läuft man über das Gelände, sieht man sofort: Die Idee des Mietersyndikats ist eine urlinke Idee.

Fast 300 Menschen leben hier, alle entweder Studierende oder mit Wohnberechtigungsschein, denn der Wohnraum auf der SUSI ist sozial gefördert. Dank dieser Fördergelder und viel Eigeninitiative schafft es die SUSI bis heute, die Mieten gering zu halten - bei gerade mal 5, 50 pro Quadratmeter.

Wer hier einzieht, ist Miteigentümer und bestimmt mit über die Geschicke der SUSI, aber eben nur, solange er hier wohnt. Es gibt kein Eigentum, das verkauft oder vererbt werden kann. So entsteht auf unbegrenzte Zeit günstiger Wohnraum, der einer großen Zahl von Menschen nutzen kann.

Urlinke Idee

Es ist eine Idee, die bisher eher weit verbreitet in linken Kreisen ist. Sie hält jedoch langsam Einzug in breitere Schichten der Gesellschaft. Und vielleicht könne sie sogar ein Baustein sein in der Lösung der aktuellen Wohnungsnot, meint Bausoziologe Kuhn. "Die Frage ist doch, wie kann günstiger Wohnraum auch über Generationen hinweg gesichert werden? Und Syndikate sind da eine Möglichkeit, selbstbestimmtes Wohnen zu einem sehr angemessenen Mietzins und gleichzeitig langfristig nichtspekulativ zu erhalten."

Doch ist das Leben im Syndikat wirklich etwas für die breite Masse? Denn diese Wohnform hat auch ihren Preis und der heißt: Engagement. In der Wohnküche von Mona Haas wird der große Holztisch ausgezogen. Etwa zehn Nachbarn sind gekommen, junge, alte, ein Rollstuhlfahrer mit seiner Pflegerin. Regelmäßig sitzen die Bewohner zusammen, beschließen, was renoviert wird, wer einziehen darf und auch, ob sie sich selbst die Miete erhöhen sollen. Das kostet Zeit und Nerven.

Mona Haas weiß, dass das nicht jeder leisten kann oder will. "Ich glaube nicht, dass das Syndikatsmodell die eine Lösung ist für die Wohnraumfrage. Es braucht bestimmt ganz viele Lösungen und man muss schon genau schauen, dass die Bewohner in der Lage sind, so ein Haus zu stemmen. Aber für mich ist es mein Zuhause."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 04. Juni 2019 um 22:15 Uhr.

Korrespondent

Jenni Rieger | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

Jenni Rieger, SWR

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