Totenmasken aus Keramik | dpa

Welttag der Suizidprävention Wege aus der Lebenskrise

Stand: 10.09.2021 04:46 Uhr

Jedes Jahr sterben rund 9000 Menschen in Deutschland durch Suizid. Das Thema wird oft tabuisiert. Der Welttag der Suizidprävention soll das ändern. Ein Projekt zeigt Auswege.

Von Joscha Bartlitz, HR

2016 kam Mario Dieringer die Idee, wie er sein Leben radikal ändern wollte. Er verkaufte seinen gesamten persönlichen Besitz, löste seine Wohnung auf, spendete seine meiste Kleidung ans Obdachlosenheim. Der 54-Jährige wollte sich auf sich selbst besinnen. Er gründete das Projekt "Trees of Memory" - "Bäume der Erinnerung", wanderte durch Deutschland und pflanzte bis heute 35 Bäume für die Hinterbliebenen von Suizidopfern. Dieser Neuanfang und die Idee, anderen in einer Situation, die er selbst gut kennt, zu helfen, gab Dieringer einen neuen Lebenssinn.

Joscha Bartlitz

Vor zehn Jahren sah seine Welt dagegen noch ganz anders aus. 2011 brach Dieringer auch für ihn selbst völlig überraschend zusammen. Die Diagnose: schwere Depressionen. "Ich habe Tag und Nacht geweint und hatte schwerste Suizidgedanken, die ich vorher noch nie hatte," erklärt er. "Das hat mir so große Angst gemacht, dass ich mich für vier Wochen in die geschlossene Psychiatrie habe einweisen lassen".

Mario Dieringer | HR

Bäume der Erinnerung: Mario Dieringer gründete das Projekt "Trees of Memory". Bild: HR

"Lebensrettende" Maßnahmen

Als "lebensrettend" bezeichnet er diese Maßnahme aus heutiger Sicht. Es folgten vier Monate therapeutische Behandlung. Dennoch unternahm der Journalist drei Jahre später, im Dezember 2014, einen Versuch, sich das Leben zu nehmen. "Ich habe eine blöde SMS bekommen. Das war nichts, was einen Suizidversuch rechtfertigen würde. Aber mein Gehirn hat einfach ausgesetzt," erklärt er.

Sein Lebensgefährte José fand ihn, Dieringer musste reanimiert werden - und überlebte. Doch als er sich gerade wieder mühsam zurück ins Leben gekämpft hatte, kam es noch schlimmer. Auch sein Lebenspartner José litt unter einer Depression. Er war nicht bereit zu einer Therapie und beide gingen im Streit auseinander. An Ostern 2016 nahm sich José das Leben. 

"Danach ging es mir richtig dreckig. Ich hatte das Gefühl, Schuld zu haben," sagt Dieringer heute über seine Gefühle nach dem Suizid seines Partners. Nur mit der Hilfe von Freunden, mit denen er von da an monatelang permanent zusammen war, schaffte er selbst es, seine eigenen Suizidgedanken erneut zu überwinden.

Tabu-Thema Suizid

Wenige Menschen sprechen so offen über die eigenen Erfahrungen mit Suizidalität wie Dieringer. Noch immer handelt es sich für viele um ein Tabuthema, das entweder verschwiegen oder gar mit einem Stigmata versehen wird. Am Welttag der Suizidprävention, der seit 2003 immer am 10. September stattfindet, soll für dieses Thema sensibilisiert werden. Denn selbst wenn die Suizidrate in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten gesunken ist, wie Reinhard Lindner, Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland, analysiert, nahmen sich allein 2019 hierzulande 9041 Menschen das Leben. Das sind mehr Tote als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen. Weit mehr als 100.000 Menschen im Jahr erleiden den Verlust eines nahestehenden Menschen durch Suizid.

"50 Prozent der Menschen, die sich umbringen, leiden unter einer Depression," erklärt der Suizidologe der Universität Kassel, der seit mehr als 30 Jahren zu diesem Thema forscht. "Das erklärt aber nicht alles," weiß Lindner, der selbst Psychotherapeut ist. "Trennungen, Kränkungen und die Folgen schwerer Erkrankungen können die Gedanken an Suizid auslösen, wenn diese Ereignisse unbewältigte Verletzungen aus dem Leben wieder hervorholen." Sein Rat: "Darüber zu reden, hilft." 90 Prozent der Suizidopfer litten unter einer psychischen Krankheit. Studienergebnissen zufolge sei vor allem die Psychotherapie "ein gutes Hilfsinstrument zur Bewältigung von Suizidalität," erläutert Lindner. 

Für Dieringer gab es darüber hinaus noch einen anderen Weg aus seiner größten Lebenskrise: sein Projekt "Trees of Memory". Den Großteil des Jahres läuft er mittlerweile zu Fuß durch ganz Deutschland, um mit Menschen zu sprechen, die Ähnliches wie er erlebt haben.

Dietmar Wacker | HR

Einen Baum der Erinnerung für Constantin: Dietmar Wacker verlor vor sechs Jahren seinen Sohn durch Suizid. Bild: HR

"Etwas Befreiendes, Optimistisches und Erlösendes"

Dietmar Wacker aus Frankfurt am Main etwa verlor vor sechs Jahren seinen 24-jährigen Sohn Constantin durch Suizid. Auch er hatte danach mit Suizidgedanken zu kämpfen, ließ sich in einer Klinik behandeln. Als er von Dieringer durch eine Fernsehsendung erfuhr, wusste er: So einen Baum möchte er auch für seinen Sohn haben. "Dankbar" sei er, dass es im vergangenen Oktober klappte und Dieringer einen Baum der Erinnerung für Constantin im Frankfurter Grüneburgpark pflanzte, dort, wo Constantin immer joggen ging. "Das hatte etwas Befreiendes, Optimistisches und Erlösendes," beschreibt es Wacker. "Der Schmerz hat die Möglichkeit einen Weg in etwas zu finden, das wieder wächst." Ihm und seiner Familie hätten die Baumpflanzung und auch die Gespräche mit Dieringer viel Kraft gegeben, erzählt Wacker. 

Dieringer selbst bezeichnet sein Projekt "Trees of Memory" als seinen "Motor" und als das, "was mich jeden Tag ein bisschen mehr heilen lässt." Er informiert, wie Suizidalität entstehen kann, unterstützt bei der Trauerbewältigung und will auch von Suizidgedanken Betroffenen versuchen, durch Gespräche zu helfen. Für sie ist seiner Meinung nach neben medikamentöser Hilfe eine Psychotherapie entscheidend. "Das Drama ist, dass es viel zu wenig Therapeuten und viel zu wenig Plätze gibt," kritisiert Dieringer.

Ähnlich sieht das Lindner vom Nationalen Suizidpräventionsprogramm, der anlässlich des 18. Welttags der Suizidprävention an die Politik appelliert, die therapeutischen Beratungs- und Hilfsangebote in Deutschland flächendeckend und mit langfristiger Kostenübernahme auszubauen.

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der anonymen Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner. Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 12. August 2021 um 10:00 Uhr.