Eine Frau sitzt neben leeren Bierflaschen. | Bildquelle: dpa

Aktionswoche Kinder im Schatten der Sucht

Stand: 10.02.2020 07:34 Uhr

Es ist ein Albtraum, wenn die eigenen Eltern suchtkrank sind. Spezielle Hilfsangebote für die Kinder sind wichtig, auch damit sie später selbst nicht von Drogen abhängig werden.

Von Carsten Schabosky, WDR

"Es war furchtbar! Ich wurde wach durch Schreie. Der Hund spielte verrückt und ich hatte panische Angst um meine Mutter!" Katja S. (Name von der Redaktion geändert) ist 37 Jahre alt, lebt im Kreis Euskirchen in Nordrhein-Westfalen und hat inzwischen selbst mehrere Kinder. An die Nacht, als sie begriff, dass ihre Mutter ein Suchtproblem hat, kann sie sich noch genau erinnern.

Damals war sie acht Jahre alt. "Meine Mutter sollte am nächsten Tag in eine Entzugsklinik. Sie hat in der Nacht davor halluziniert und ist völlig durchgedreht. Da hat uns unser Vater erzählt, was wirklich los ist", erinnert sie sich. Nämlich, dass die Mutter alkohol- und tablettenkrank ist.

Kinder als "Co-Abhängige"

Auf der Homepage des Vereins NACOA, der sich um die Kinder von Suchtkranken kümmern will, heißt es: "Die schlimmsten Verletzungen fügen Drogen Menschen zu, die selbst gar keine Drogen nehmen: Es sind die Kinder von Alkoholkranken oder anderen Süchtigen."

Genauso war es auch für Katja S. Nach mehreren gescheiterten Entziehungsversuchen wurde sie zu einer "Co-Abhängigen". "Ich fuhr mit meiner Mutter zum Getränkemarkt. Danach half ich ihr, Wein und Schnaps zu verstecken. Wir deponierten die Flaschen irgendwo im Kleiderschrank oder im Keller. Ich wollte doch, dass es meiner Mutter gut geht."

Ihr selbst ging es immer schlechter. Die Angst, ihre Mutter mal wieder in ihrem Erbrochenen oder sogar tot zu finden, wurde zu ihrem ständigen Begleiter. "Eine Kindheit im Schatten elterlicher Sucht ist gekennzeichnet von einer Atmosphäre ständiger Angst und Unsicherheit. An den Folgen einer solchen Kindheit tragen die Kinder ihr Leben lang", so Henning Mielke vom Verein NACOA.

Sucht ist eine Familienkrankheit

Nach Angaben des Vereins leben in Deutschland schätzungsweise knapp 2,7 Millionen Kinder mit alkoholkranken Eltern unter einem Dach. Fast jedes sechste Kind kommt aus einer Suchtfamilie. Kinder suchtkranker Eltern sind die größte bekannte Suchtrisikogruppe. Die Gefahr, als Erwachsene selbst suchtkrank zu werden, ist im Vergleich zu Kindern aus anderen Familien bis zu sechsfach erhöht. Ein Drittel entwickelt psychische oder soziale Störungen.

In der Aktionswoche soll die Aufmerksamkeit auf die betroffenen Kinder gerichtet werden. Lehrer und Erzieher sollen sensibilisiert werden. Aber auch Initiativen und Projekte für Kinder aus Suchtfamilien werden in den Fokus gerückt - zum Beispiel das Patenschaftsprojekt "Vergiss mich nicht" des Diakonischen Werkes Berlin. Hier werden betroffenen Kindern stabile, geschulte Bezugspersonen vermittelt, die Familien Schutzfaktoren sein sollen.

Raus aus der emotionalen Achterbahn

Für Katja S. war ihr Vater der Retter. Sie war 16 Jahre alt, als ihre Mutter anfing, sich heimlich betrunken hinters Steuer zu setzen. Meist endeten diese gefährlichen Ausflüge in irgendwelchen Gräben. Ihr Vater wollte seine Kinder schützen und zog die Reißleine. Er ließ sich scheiden und bekam das alleinige Sorgerecht.

Ihre Mutter zog daraufhin nach Norddeutschland und heiratete einen anderen Mann. Katja S. brach den Kontakt zu ihrer Mutter ab. Die ständige Sorge ging ihr zu sehr an die eigene Substanz. "Inzwischen habe ich meiner inzwischen verstorbenen Mutter aber verziehen. Ich habe erfahren, dass sie offenbar selbst eine schreckliche Kindheit hatte und vielleicht gar nicht anders konnte", sagt sie.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. Februar 2020 um 10:10 Uhr.

Korrespondent

Carsten Schabosky Logo WDR

Carsten Schabosky, WDR

Darstellung: