Ein Wanderer auf dem Brocken kämpft am Boden gegen starke Windböen. | dpa

Warnung des Wetterdienstes Orkantiefs überqueren Deutschland

Stand: 16.02.2022 22:24 Uhr

Der DWD hat großflächige Unwetterwarnungen herausgegeben. Tief "Ylenia" kann Orkanböen von bis zu 120 km/h bringen. Bahnverbindungen und Flüge wurden bereits gestrichen, mancherorts ist der Unterricht freigestellt. Und ein zweites Tief naht.

Wegen zweier Sturmtiefs haben die Behörden für Deutschland großflächige Unwetterwarnungen herausgegeben. Wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte, werden in der Nacht vor allem im Norden, in der Mitte und im Osten Deutschlands verbreitet schwere Sturmböen mit bis 100 km/h erwartet. Teils ist auch mit Orkanböen mit bis zu 120 Kilometern pro Stunde zu rechnen.

Es handle sich um eine "ausgewachsene Sturmlage", in der im Tiefland mit seltenen Windgeschwindigkeiten gerechnet werden müsse, hieß es vom DWD.

Unwetterwarnungen gelten auch für Gebirgslagen in Süddeutschland, etwa Schwarzwald und Alpenrand. Der Wetterdienst und die Katastrophenschutzbehörden von Bund und Ländern warnen vor Gefahren durch entwurzelte Bäume, herabfallende Dachziegel und umherfliegende Gegenstände. Schäden an Gebäuden seien ebenso möglich wie Störungen des Verkehrs.

Länder stellen Schulbesuch frei

In Nordrhein-Westfalen sagte Landesschulministerin Yvonne Gebauer den Unterricht für Donnerstag ab. Auch in einigen niedersächsischen Kommunen ist der Unterricht gestrichen. Rheinland-Pfalz und das Saarland stellten den Schulbesuch frei. Das heißt, dass Eltern und volljährige Schülerinnen und Schüler selbst entscheiden können, ob der Schulweg zumutbar ist. Auch Schleswig-Holstein und Hessen haben sich für diesen Schritt entschieden, genauso wie Bayern. Bremen kündigte für Donnerstag digitalen Fernunterricht an.

Von Nordwesten in Richtung Südosten

Erste Ausläufer des von Westen kommenden Unwetters sorgten mancherorts bereits für heftigen Wind und Regen. Noch am Abend soll der Wind von Tief "Ylenia" mächtig aufdrehen, teils könnte er Orkanstärke erreichen. Feuerwehren und andere Helfer prüften ihre Einsatzgeräte. "Es fängt im Nordwesten an und zieht dann Richtung Südosten bis etwa zur Mitte Deutschlands", erklärte DWD-Meteorologe Adrian Lyser.

In einigen Regionen - etwa im Harz - gingen die Vorhersagen sogar über Windgeschwindigkeiten von 120 km/h hinaus. Auch im Süden Deutschlands trafen die Behörden Schutzvorkehrungen.

Sturmflut-Gefahr an der Nordsee

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) warnte für die Nordseeküste vor der Gefahr einer Sturmflut. An der nordfriesischen Küste und im Weser- und Elbegebiet wird das Hochwasser 1 bis 1,5 Meter höher sein als normal, wie das BSH mitteilte.

Im Hamburger Elbegebiet erreiche es aller Voraussicht nach Werte, die 1,5 bis 2 Meter höher als das mittlere Hochwasser lägen. Die Sturmflutgefahr besteht bis etwa 5.00 Uhr am Donnerstagmorgen.

Gefahr von Überschwemmungen in Thüringen

Auch in Thüringen wurde vor Überschwemmungen gewarnt, so etwa in Teilen von Sonneberg. "Bringen Sie persönliche Wertgegenstände in höher liegende Gebäudeteile. Schalten Sie Strom und Heizungen in gefährdeten Räumen ab. Eine Stromschlaggefahr besteht bereits bei Kondenswasser", hieß es in einer Mitteilung der Landespolizeidirektion Thüringen. Menschen in Teilen der Stadt Schleusingen hatten sich bereits auf mögliches Hochwasser des Werra-Zuflusses Schleuse vorbereitet.

Zahlreiche Freiwillige halfen dabei, rund 2000 Sandsäcke zu füllen, wie der Sprecher des Landratsamtes Hildburghausen, Tim Pechauf, sagte.

Behinderungen im Bahnverkehr

Umgestürzte Bäume haben in der Nacht zu ersten Behinderungen im Bahnverkehr geführt. Das Ausmaß hielt sich aber zunächst in Grenzen. Zwischen Bremen und Hamburg stürzte bei Buchholz (Nordheide) ein Baum auf die Gleise. Ein ICE musste deshalb umgeleitet werden, wie ein Bahnsprecher sagte. Fernzüge würden nun an geeigneten Bahnhöfen zurückgehalten und warteten zunächst, hieß es. In Nordrhein-Westfalen blockierten Bäume nach Unternehmensangaben vereinzelt Nebenstrecken im Raum Dortmund. Vorübergehend war demnach die Verbindung Dortmund-Münster betroffen.

Die Deutsche Bahn hatte die Fahrgäste am Mittwoch vor Verspätungen und Zugausfällen während des Sturms gewarnt. Wer seine Fahrt wegen des Sturms verschiebt, kann die schon gebuchte Fahrkarte bis sieben Tage nach Störungsende flexibel nutzen oder kostenfrei stornieren.

Autofahrer sollten ihren Wagen besser stehen lassen und auf nicht unbedingt notwendige Fahrten verzichten, so der ADAC in Nordrhein-Westfalen. Es müsse jederzeit mit umgestürzten Bäumen oder herabfallenden Ästen gerechnet werden.

Das Sturmtief beeinträchtigt am Morgen auch den Flugverkehr. Die Lufthansa hat bislang vorsorglich 20 Flüge gestrichen, wie das Unternehmen in der Nacht auf Anfrage mitteilte. Fluggästen wird empfohlen, sich auf der Website der Fluggesellschaft über den Status ihres Fluges zu informieren. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt sind nach Betreiberangaben Verbindungen mit Berlin, Hamburg und München betroffen

Skigebiete rüsten sich gegen Sturm

Der Berliner Bezirk Mitte warnte wegen morscher Bäume "ausdrücklich und dringend" vor dem Betreten von Parks. Zahlreiche Zoos, etwa in Berlin, Wuppertal in Nordrhein-Westfalen und in Magdeburg in Sachsen-Anhalt, sollten vorsorglich geschlossen bleiben.

Auch viele Skigebiete stellten sich auf die Orkantiefs ein. Die Schwebebahn am Fichtelberg in Sachsen stand bereits still. Wegen der Baumbruchgefahr sollen einige Loipen gesperrt werden.

Auf Tief "Ylenia" folgt Tief "Zeynep"

Ab Donnerstagnachmittag lässt der Wind von Tief "Ylenia" nach DWD-Angaben zwar langsam nach. Die Verschnaufpause dürfte jedoch nur kurz sein. Bereits für Freitag wird das nächste Orkantief - "Zeynep" genannt - von den Britischen Inseln kommend erwartet.

Laut DWD wird wahrscheinlich wieder vor allem die nördliche Hälfte betroffen sein. Doch die Prognosen seien hierbei nicht ganz sicher: "Die Modelle haben da immer noch sehr unterschiedliche Simulationen", sagte der DWD-Sprecher Andreas Friedrich. Die Wetterlage sei sehr dynamisch.

"Eine Kette von Sturmtiefs"

Bereits Ende Januar war das Sturmtief "Nadia" mit gefährlichen Böen über Nord- und Ostdeutschland gefegt und hatte Millionenschäden verursacht. Im brandenburgischen Beelitz kam dabei ein Fußgänger ums Leben, weil ein großes Wahlplakat umgeweht wurde und auf ihn stürzte.

Etwa eine Woche später waren Ausläufer von Sturmtief "Roxana" über Teile Deutschlands gefegt. Nach Ansicht des DWD-Meteorologen Friedrich sind die erwarteten Stürme in Bezug auf die Windspitzen mit Tief "Nadia" vergleichbar. Die aktuelle Lage sei aus seiner Sicht allerdings brisanter, "weil wir eine Kette von Sturmtiefs haben".

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 16. Februar 2022 um 22:30 Uhr.