Reisende warten im Hamburger Hauptbahnhof vor dem Reisezentrum | dpa

Sturmtief "Ylenia" Bahnverkehr wohl noch Tage eingeschränkt

Stand: 17.02.2022 19:21 Uhr

Züge fallen aus, Flüge werden gestrichen: Das Orkantief "Ylenia" verursacht in Deutschland erhebliches Chaos - zwei Menschen starben. Auch wenn der Sturm abflaut, wird die Verschnaufpause nur kurz sein. Im Norden könnten Sturmfluten drohen.

Mit Wucht hat das Sturmtief "Ylenia" Deutschland erfasst. Besonders im Norden und Osten sorgten Orkanböen für großflächige Störungen des Bahnverkehrs und Zugausfälle. Die Deutsche Bahn (DB) hat den Fernverkehr von ICEs und ICs deshalb aus Sicherheitsgründen komplett eingestellt, sagte ein Sprecher des Konzerns.

Das betraf nach Mitteilungen der Bahn seit der Nacht Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg.

Weitere Einschränkungen wohl bis Samstag

Der Zugverkehr sei voraussichtlich bis Samstag "bundesweit beeinträchtigt", schrieb die Bahn auf Twitter. Derzeit lasse sich nicht sicher sagen, welche Fernstrecken am Freitag und am Samstag weiterhin ausfallen, sagte ein Sprecher am Nachmittag. "Es ist schwierig und nicht genau vorherzusagen, wie der Tag morgen aussieht."

Vielerorts kam es im auch Regionalverkehr zu Zugausfällen und Verspätungen, etwa auch in Thüringen und im Nordosten und Osten Bayerns.

Regionalstrecken in Schleswig-Holstein normalisiert sich

In Schleswig-Holstein hingegen sind seit dem frühen Nachmittag fast alle Regionalstrecken wieder in Betrieb. Ein Bahn-Sprecherin sagte, es "läuft wieder ganz gut, aber noch nicht ganz rund". Nach Westerland führen die Züge zunächst nicht ab Hamburg, sondern erst ab Itzehoe.

Trotz begonnener Aufräumarbeiten sei es für eine Schadensaufnahme noch zu früh, teilte die Bahn mit. "Die Schäden sind erheblich." Die DB setze Hubschrauber ein, um Schäden zu sichten und die Aufräumarbeiten zu koordinieren. Teilweise müssen auch umgestürzte Signalbrücken oder Oberleitungsmasten repariert werden.

DB reagiert kulant

Reisende sollten sich vor ihren Fahrten genau informieren. Wenn möglich, sollten Reisen verschoben werden. Fahrkarten seien länger gültig oder könnten kostenfrei storniert werden, hieß es von der Bahn. Die Zugbindung bei Sparpreisen und Super Sparpreisen sei aufgehoben.

Dutzende Flüge fielen aus

Auch Flugpassagiere müssen sich wegen Verspätungen weiterhin in Geduld üben. Der Flughafen Berlin-Brandenburg BER unterbrach am Morgen die Flugzeugabfertigung. Da der Sturm wieder stärker wurde, durften die Ausleger der Fluggastbrücken des Terminals nicht an die Maschinen herangefahren werden. Teilweise wurde auf mobile Brücken ausgewichen. Wegen starker Böen durften zeitweise auch keine Gepäckklappen geöffnet werden.

Wie groß die Verspätungen waren, blieb zunächst offen. Auch über Flugabsagen gab es noch keine abschließende Information. Die Lufthansa hatte in der Nacht Flüge nach Frankfurt annulliert. Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt waren nach Betreiberangaben Verbindungen mit Berlin, München und Hamburg betroffen. Am Flughafen Hamburg fielen rund ein Dutzend Flüge aus.

Warnung vor Sturmfluten

Das Sturmtief setzte auch dem Schiffsverkehr an der Küste und Städten im Hinterland zu. Da die Elbe derzeit für große Schiffe gesperrt ist, darf etwa das Kreuzfahrtschiff "Aidaprima" nicht wie geplant den Hamburger Hafen anlaufen, wie eine Sprecherin der Hafenbehörde HPA sagte. Auch der Fährverkehr wurde vielerorts vorübergehend eingestellt, etwa in Lübeck oder Rostock.

In Hamburg wurde am Morgen der Fischmarkt erneut überflutet. Durch den heftigen Wellengang auf der Elbe wurden zudem die Frontscheiben einer Linienfähre zerschlagen. Nach ersten Erkenntnissen der Betreiberfirma Hadag wurde niemand ernsthaft verletzt, die Nachrichtenagentur dpa berichtet von einem leicht verletzten Fahrgast.

An der schleswig-holsteinischen Nordseeküste gab es in einigen Orten eine Sturmflut - in Husum etwa wurde ein Pegelstand von 1,64 Meter über dem mittleren Hochwasser gemessen. An vielen anderen Pegeln blieben die Wasserstände allerdings unter dem Wert einer Sturmflut.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) warnte für die deutsche Nordseeküste erneut vor der Gefahr einer Sturmflut am Nachmittag und Freitagfrüh. Sturmfluten an sich seien durchaus normal, in der Häufigkeit wie im Moment jedoch schon ungewöhnlich, sagte ein Sprecher.

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Sturmtief "Ylenia" zieht über Deutschland

Todesopfer in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt

Im niedersächsischen Landkreis Uelzen stürzte ein Baum auf einen Pkw und erschlug den Fahrer. In Sachsen-Anhalt starb ein 55-Jähriger im Sturm bei einem Autounfall auf einer Landstraße, nachdem ein Baum auf den Wagen gefallen war.

Wegen der Wetter-Gefahren sagte Nordrhein-Westfalen den Schulunterricht ab. Auch in mehreren Regionen Niedersachsens oder etwa Bayerns dürfen Schülerinnen und Schüler zu Hause bleiben.

"Ylenia" verursachte überdies im ganzen Bundesgebiet Stromausfälle. In Bayern verzeichnete der größte Stromnetzbetreiber, Bayernwerk Netz, 10.000 Betroffene, wie ein Sprecher sagte. In Nordrhein-Westfalen fiel für etwa 54.000 Haushalte in der Nacht zu Donnerstag der Strom aus, wie der Betreiber Westnetz auf Twitter mitteilte. Ursache für die Ausfälle waren häufig auf Leitungen gestürzte Bäume. Meist wurde die Versorgung demnach schnell wieder hergestellt.

Zwar blieben größere Schäden meist aus, dennoch meldeten Polizei und Feuerwehr vielerorts sturmbedingte Unwettereinsätze. So rückten die Feuerwehren in Berlin und Hamburg laut vorläufigen Bilanzen zu rund 70 Einsätzen aus. In Berlin musste gar zum zum zweiten Mal der Ausnahmezustand ausgerufen werden. Meistens hätten die Feuerwehrleute Bäume und Äste beseitigt, die auf der Straße und zum Teil auch auf Autos lagen.

Nächstes Sturmtief wohl ab Freitagnachmittag

Bis zum Mittag zog das Orkantief weitgehend ab, nur in Teilen Ostdeutschlands und in höheren Lagen im Süden des Landes galten noch Unwetterwarnungen. Die Verschnaufpause dürfte jedoch nur kurz sein. "Ylenia" ist das erste von zwei dicht aufeinanderfolgenden Orkantiefs.

Laut des Deutschen Wetterdienstes (DWD) wird nach einer zwischenzeitlichen Wetterberuhigung ab Freitagnachmittag "Zeynep" ebenfalls mit starkem Sturm erwartet. Vor allem an den Küsten dürfte es von Freitag auf Samstag ruppig werden. "Wir warnen vor extremen Orkanböen bis 135 Stundenkilometern an der Nordseeküste", sagte die DWD-Meteorologin Franka Nawrath der Nachrichtenagentur dpa.

Sturmtief wütet auch in Polen und Tschechien

In Polen starben durch das Sturmtief drei Menschen. Der Sturm beschädigte mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 125 Kilometern pro Stunde etwa 500 Häuser schwer, Hunderte Bäume stürzten um. In 324.000 Haushalten im ganzen Land fiel der Strom aus. Auch in Tschechien gab es enorme Verkehrsbehinderungen durch den Sturm. Mehr als 300.000 Haushalte waren ohne Strom.

In den Niederlanden gab es ebenfalls Verkehrsbehinderungen, zahlreiche Verbindungen bei der Bahn wurden abgesagt. In Großbritannien wurde angesichts eines über den Atlantik heranziehenden Sturms die seltene Alarmstufe "Rot" ausgerufen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. Februar 2022 um 11:00 Uhr und 14:00 Uhr.