Eine ältere Frau geht in Landshut (Bayern) mit einem Rollator auf einem Weg entlang | Bildquelle: dpa

Studie zu Altersarmut Kritik an Grundrenten-Plänen der GroKo

Stand: 12.09.2019 08:38 Uhr

Fast 17 Prozent der Rentner sind armutsgefährdet - laut einer Studie könnten es selbst bei starker Konjunktur mehr werden. Die Grundrenten-Pläne der Koalition helfen nach Ansicht der Forscher kaum.

Wissenschaftler haben die in der Großen Koalition diskutierten Konzepte für eine Grundrente kritisiert: Die Pläne seien kaum geeignet, künftige Rentner vor Altersarmut zu bewahren, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Das im Koalitionsvertrag vorgeschlagene Modell mit einer verpflichtenden Bedürftigkeitsprüfung würde Armutsrisiko kaum bremsen, resümieren die Experten. Aber auch die SPD-Forderung nach einer Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung würde  das Ziel demnach nur eingeschränkt erreichen. Als armutsgefährdet gilt der Studie zufolge, wer unter Berücksichtigung seiner Haushaltssituation ein Nettoeinkommen von weniger als 905 Euro hat. Das sind 60 Prozent des mittleren Einkommens.

Altersarmut wächst laut Studie auch bei starker Wirtschaft

Selbst bei positiver Konjunkturentwicklung könnte das Armutsrisiko ohne Einführung der Grundrente im Alter weiter steigen, sodass bis 2039 insgesamt 21,6 Prozent der Rentner armustgefährdet sein könnten, heißt es in der Untersuchung. Aktuell sind es 16,8 Prozent. Besonders Betroffene müssten noch besser in Arbeit gebracht werden, zudem seien Rentenreformen nötig, schreiben die Autoren.

Die Einführung einer Grundrente würde den Anstieg des Armutsrisikos laut Studie leicht bremsen: Bei Umsetzung des Koalitionsmodells mit Bedürftigkeitsprüfung würde sich das prognostizierte Armutsrisiko bis 2039 nur um 0,4 Prozentpunkte auf dann 21,2 Prozent reduzieren. Der Hauptgrund für diesen geringen Effekt sei, dass weniger als ein Drittel der Personen mit Grundsicherungsanspruch auf die geforderten 35 Versicherungsjahre kämen, erklärte Studienautor Johannes Geyer vom DIW.

Ein Mann kramt in einer Mülltonne | Bildquelle: ddp
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Ein Mann kramt in Berlin in einer Mülltonne: Momentan sind fast 17 Prozent der Rentner von Altersarmut betroffen.

 Heils Pläne kommen besser weg - aber "wenig zielgenau"

Das Reformkonzept von Arbeitsminister Hubertus Heil, das eine Auszahlung der Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung vorsieht, könnte die Altersarmut der Studie zufolge wirksamer reduzieren: Mit ihm würde sich die prognostizierte Armutsrisikoquote bis 2039 auf 18,4 verringern. Gleichzeitig sei diese Reform aber "wenig zielgenau", kritisieren die Studienautoren. Denn davon würden viele Menschen profitieren, deren Nettoeinkommen deutlich oberhalb der Grundsicherungsschwelle liegt. 

85 Prozent der 3,1 Millionen Berechtigten hätten laut Studie aufgrund anderer Einkünfte im Haushalt eigentlich keinen Anspruch auf Leistungen der Grundsicherung im Alter. Das mittlere individuelle Nettoeinkommen der Begünstigten liege sogar doppelt so hoch wie die Bedürftigkeitsschwelle. 

Unterschiede der beiden Modelle zeigen sich auch mit Blick auf die Kosten: Im Konzept von Heil würden die Mehrkosten laut Studie im Ausgangsjahr wegen der zahlreichen Begünstigten rund sieben Milliarden Euro betragen, beim Koalitionsmodell kämen dagegen nur rund eine Milliarde Euro Mehrkosten auf die öffentlichen Kassen zu. 

Einkommensprüfung ohne Vermögensprüfung?

Um die Grundrente zielgenauer zu machen, schlägt der Studienleiter der Bertelsmann Stiftung, Christoph Schiller, eine einfache Einkommensprüfung ohne Vermögensprüfung und eine etwas flexiblere Auslegung der Versicherungszeiten vor. Die Einkommensprüfung könne sicherstellen, dass tatsächlich nur für einkommensschwache Haushalte eine Aufwertung der Rentenanwartschaften komme.

Eine flexiblere Auslegung der anerkannten Versicherungszeiten käme dem wachsenden Anteil von Menschen zugute, die im Lebensverlauf beispielsweise längere versicherungsfreie Zeitenaufweisen.

Bertelsmann-Studie zu Altersarmut und Grundrente
Tim Belke, WDR
12.09.2019 10:50 Uhr

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Über dieses Thema berichteten am 12. September 2019 NDR Info um 06:38 Uhr und Inforadio um 07:30 Uhr.

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