Syrische Flüchtlinge nehmen an einer Bildungsmaßnahme in der Handwerkskammer teil | Bildquelle: picture alliance / dpa

Studie zur Migration "Europa ist das Ziel der Gebildeten"

Stand: 03.07.2019 16:01 Uhr

Wenn sie könnten, würden zehn Prozent der Weltbevölkerung in ein anderes Land auswandern. Europa zieht vor allem die Gutqualifizierten an, sind die Autoren einer Studie überzeugt.

Von Ramona Schlee, ARD-Hauptstadtstudio

Weltweit leben heute rund 260 Millionen Menschen in einem Land, in dem sie nicht geboren wurden. Bis 2030 werden es mehr Menschen sein. Da ist sich Reiner Klingholz vom "Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung" sicher. Doch wie viel mehr, das vermag der Mitautor der Studie nicht zu sagen. Das Papier zeige aber, wer sich auf den Weg macht: Es sind die eher Gebildeten und die einigermaßen Wohlhabenden, sagt Klingholz.

 "Armutsmigration findet nicht statt. Zumindest nicht nach Europa."

Die sogenannten armen Schlucker könnten sich die Migration schlicht nicht leisten. Die wandern in die Städte ihrer Länder und bestenfalls ins Nachbarland, weil sie sich dort bessere Arbeitsbedingungen versprechen, erklärt der Forscher.

Schwache Arbeitsmärkte als Ursache

Das ist auch Grund Nummer eins, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Sie suchen ein besseres Leben, sagt Klingholz. Und das ist meistens zuerst mit besseren Arbeitsbedingungen verknüpft. Der Migrationsdruck ist laut Studie besonders in den Staaten südlich der Sahara groß.

Hier ist das Bevölkerungswachstum am größten, sagt Adrián Carrasco Heiermann, der an der Studie mitgearbeitet hat. Bis 2030 werden südlich der Sahara 1,4 Milliarden Menschen leben – das sind 300 Millionen mehr als heute.

 "Das bedeutet Konkurrenz um Wohnungen, um Versorgungsdienstleistungen, generell um Dienstleistungen und auch um Arbeitsplätze", sagt Heiermann. Und wo die Qualifikation in der Gesellschaft nicht mit den Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt zusammengebracht werden kann, da wandern die Leute eher ab.

Europa als lohnendes Ziel

Rund zehn Prozent der Weltbevölkerung tragen sich laut der Studie mit dem Gedanken, in ein anderes Land zu ziehen. Noch höher fallen die Zahlen in Afrika aus. Jeder dritte Afrikaner südlich der Sahara sagt heute: Wenn er könnte, würde er oder sie das Heimatland verlassen. Tatsächlich wandert jedoch nur ein sehr geringer Anteil aus. Aber: die Bildungsabschlüsse werden besser und damit auch die Mobilität der Menschen. Europa sei für viele ein lohnendes Ziel.

Auch aus den sogenannten Mena-Staaten – also Nordafrika, der Nahe Osten und die Türkei – kommen viele Menschen in die EU. Das wird auch so bleiben, ist Klingholz überzeugt. Die Region liegt geographisch nah und es gibt dort ein hohes Bevölkerungswachstum. Gleichzeitig gibt es politische Konflikte in der Region und in Europa leben bereits knapp zehn Millionen Menschen aus den Mena-Staaten, die weitere Landsleute anziehen.

Aus der Türkei kommen allerdings deutlich weniger Zuwanderer. "Einmal, weil sich die Türkei wirtschaftlich gut entwickelt hat. Das ist heute nicht mehr unbedingt der Fall. Vielmehr sind die Zuwanderungsbedingungen aus der Türkei in Richtung Europa und Deutschland erschwert worden sind", so Klingholz.

Deutschland ist auf Einwanderung angewiesen

Man kann Migration steuern, sagt der Mitautor, und das müsse die Politik auch tun. Das gilt für die Zuwanderung aus humanitären Gründen. Und das gilt für die Einwanderung von Fachkräften. Die brauche Europa und Deutschland nämlich dringend in den nächsten Jahren, um den demographischen Wandel zu bewältigen, sagt Klingholz.

"Da sind wir auf dem internationalen Markt schlecht aufgestellt. Wie man sich attraktiv macht für die Zuwanderer, die wir wollen und brauchen, da hat Deutschland einen großen Nachholbedarf."

Das vom Bundesrat gerade erst beschlossene Migrationspaket ist ihm zu unübersichtlich. Aber das sei Migration ohnehin immer: komplex und nie so zu gestalten, dass am Ende alle Beteiligten zufrieden sind.

Studie: Globale Migration nach Europa?
Ramona Schlee, ARD Berlin
03.07.2019 14:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 03. Juli 2019 um 16:50 Uhr.

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