Stollberg in Sachsen | dpa
Reportage

Corona-Pandemie Leben im Hotspot Stollberg

Stand: 18.12.2020 20:46 Uhr

Mit einem 7-Tage-Inzidenzwert von 1204 auf 100.000 Einwohner ist die sächsische Stadt Stollberg der Hotspot für Corona-Infektionen in Deutschland. Was sind die Gründe dafür und wie lebt es sich dort?

Von Anett Linke, MDR

11.500 Menschen leben in der großen Kreisstadt Stollberg im Erzgebirge, doch auf der Straße sind am späten Freitagvormittag nur wenige. Seit Tagen ist die Stadt bundesweit im Gespräch als Hotspot für Corona-Infektionen. Zuletzt wies sie laut Zahlen des Sächsischen Sozialministeriums einen 7-Tage-Inzidenzwert von 1204 aus. Wie es dazu gekommen ist, können sich die Bürger und auch der Oberbürgermeister nur schwer erklären.

"Ich habe keine Erkenntnisse zu den Gründen für diesen Wert", sagt Oberbürgermeister Marcel Schmidt. Es stehe kein Pflegeheim oder ein anderes Gebäude unter Quarantäne. "Das öffentliche Leben im Stadtgebiet ist derzeit stark reduziert und die Bürgerschaft hält sich an die geltenden Verordnungen", so Schmidt. Das zeigt sich auch im Stadtbild. Die Bürger tragen auch auf der Straße ihre Masken, der ein oder andere vielleicht nicht hundertprozentig korrekt.

Das letzte Bußgeld wegen Verstoßes gegen die Pflicht zum Tragen des Mund-Nasen-Schutzes liegt laut Schmidt zwei Wochen zurück. Allerdings  sind derzeit vier der sechs Ordnungsamtsmitarbeiter erkrankt oder nicht im Dienst, weil sie ihre Kinder betreuen müssen. Handlungsbedarf sieht der Oberbürgermeister aber nicht. Die Bürger würden sich an die Regeln halten und bei Bedarf könne er Amtshilfe von Polizei und Bundeswehr erhalten.

Noch Ende November äußerte sich der Stollberger Oberbürgermeister kritisch über die Corona-Einschränkungen. "Wir werden sehen, ob Corona mehr Opfer kosten wird, als schwere Grippewellen in den letzten Jahren forderten", schrieb er in einem offenen Brief zur Absage des diesjährigen Weihnachtsmarktes. "Wir können wahrscheinlich nicht in jeder kommenden Grippewelle sämtliche Traditionen über Bord werfen, alle bisher geltenden Grundsätze beiseite schieben, um keine Menschen sterben lassen zu müssen."

Stollberg in Sachsen | MDR

Auf dem zentralen Platz vor dem Rathaus in Stollberg sind nur wenige Menschen unterwegs. Bild: MDR

Hotspot-Status überrascht Bürger

"Ich war sehr überrascht, dass wir ein Hotspot sind", sagt Detlef Busch, Inhaber einer Kennzeichenprägestelle in der sächsischen Gemeinde. Er habe den Schwerpunkt der Infektionen im Landkreis eher in grenznahen Gemeinden wegen des kleinen Grenzverkehrs  vermutet. Die einzige Erklärung für ihn ist das Testzentrum in der Stadt. "Vielleicht werden dadurch mehr Leute getestet", so Busch.

Auch Autohausinhaber Steffen Hilmer kann sich nicht erklären, warum gerade Stollberg so hohe Infektionszahlen hat. Vielleicht komme es von den Quarantänebescheiden, die seiner Meinung nach viel zu spät ausgestellt werden. "Da laufen die Leute vielleicht ansteckend zu lange draußen herum", so Hilmer. Er wünscht sich, dass auch bei den Supermärkten nachgeregelt wird. "Ich kenne Leute, die gehen fünfmal am Tag einkaufen", erzählt er. "Alles Rentner. Können die nicht feste Zeiten am Morgen bekommen, damit sie dann nicht noch die Berufstätigen treffen?"

Insgesamt fühlen sich Hilmer und Busch verwirrt von den ständig wechselnden Verordnungen und Allgemeinverfügungen. "Erst letzte Woche hatte der Landrat eine Verordnung verkündet, die dann aber nur zwei Tage oder so in Kraft war", so Hilmer. "Dann kam schon wieder eine neue sächsische Verordnung." Da sehe man als Bürger kaum noch durch. Einen Rückgang im Verkehr können die beiden seit Beginn des Lockdowns nicht feststellen. Das kann aber auch daran liegen, dass Stollberg ein großer Arbeitgeber für die Region ist. Täglich pendeln etwa 5000 Berufstätige in die Stadt.

Stollberg in Sachsen | MDR

Die Pyramide vor dem Landratsamt dreht sich ohne Publikum. Lange hatte Stollberg noch an den Plänen für einen Weihnachtsmarkt festgehalten, musste ihn schließlich aber doch absagen. Bild: MDR

Ausfälle beim Pflegepersonal in der Klinik

Die hohen Infektionszahlen zeigen sich auch im Kreiskrankenhaus Stollberg. "Durch die Einzugsgebiete wirkt es sich nicht ganz so lokal aus", erzählt Gregor Hilger, Leitender Chefarzt des Krankenhauses. "Wir haben flächendeckende Probleme in den Kliniken in Südwestsachsen." Vor allem der Ausfall von Pflegepersonal, der sich auf 30 bis 40 Prozent beläuft, mache dem Kreiskrankenhaus zu schaffen. "Wir haben Stationen geschlossen, um das Pflegepersonal auf die anderen Stationen zu verteilen", so Hilger.

Das Kreiskrankenhaus hat nur eine kleine Intensivstation. Eine Weitere könnte zwar räumlich und technisch gesehen eingerichtet werden, aber es gebe laut Hilger kein Personal, um sie zu betreiben. Hilfe von der Bundeswehr hat das Kreiskrankenhaus bereits erhalten. Zehn Soldaten helfen zurzeit als nichtmedizinische Hilfskräfte dort aus. "Das ist eine echte Hilfe für uns und funktioniert sehr gut", erzählt Hilger.

Wie sich die Zahlen in Stollberg zukünftig entwickeln, ist nicht abzusehen. "Wir müssen die Infektionszahlen dringend reduzieren", appelliert der Leitende Chefarzt an alle Einwohner. Er hofft, dass die aktuellen Corona-Einschränkungen in Sachsen greifen werden. Das hoffen auch Oberbürgermeister Schmidt und die Bürger. "Die Maßnahmen sind nicht zu hart", sagt die Rentnerin Heidrun Scholz. "Man kann ja nie wissen, wen es trifft."

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 18. Dezember 2020 um 12:36 Uhr.