Frank-Walter Steinmeier | dpa

Überfall auf die Sowjetunion Gedenken als Aufruf zum Frieden

Stand: 18.06.2021 15:48 Uhr

Kurz vor dem 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion hat Bundespräsident Steinmeier der Opfer gedacht. Für Deutschland erwachse daraus die Verantwortung, für den Frieden zu arbeiten.

Von Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio

Das heutige Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst ist ein historischer Ort. Hier unterzeichnete die Wehrmachtsführung im Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation, womit der Zweite Weltkrieg in Europa endete. Im Großen Saal hängen noch heute die Flaggen der damaligen vier Alliierten USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion.

Martin Polansky ARD-Hauptstadtstudio

Am 22. Juni 1941 hatte Nazi-Deutschland die Sowjetunion überfallen. Nun, fast genau 80 Jahre danach, hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hier die zentrale Gedenkrede. "Vom ersten Tage an war der deutsche Feldzug getrieben von Hass, von Antisemitismus und Antibolschewismus, von Rassenwahn gegen die slawischen und asiatischen Völker der Sowjetunion", sagte er. "Der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion war eine mörderische Barbarei."

Zahlreiche Todesopfer

Steinmeier erinnerte an die 27 Millionen sowjetischen Todesopfer im Zweiten Weltkrieg, darunter 14 Millionen Zivilisten. Niemand habe mehr Opfer zu beklagen gehabt als die Völker der damaligen Sowjetunion. "Der Krieg bleibt spürbar wie eine Narbe, über die man mit den Fingern streicht", sagte der Bundespräsident. "Doch tun wir Deutsche das? Schauen wir überhaupt dort hin, in den viel zu unbekannten Osten unseres Kontinents?"

Mit der Rede eröffnete Steinmeier eine Ausstellung über das Schicksal der 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die im Außenbereich des Deutsch-Russischen Museums gezeigt wird. Viele dieser Gefangenen kamen um durch Zwangsarbeit, Hunger oder Erschießungen.

Mehrere Botschafter fehlen

Zur Gedenkveranstaltung eingeladen waren die Botschafter aller 15 Staaten, die aus der ehemaligen Sowjetunion hervorgegangen sind. Neun Länder schickten Vertreter, darunter Russland, Belarus, Georgien und Moldau.

Der Botschafter der Ukraine, Andrij Melnyk, hatte bereits im Vorfeld seine Teilnahme abgesagt - mit Verweis auf die russische Annexion der Krim und den Krieg in der Ostukraine. Ein Gedenken im Deutsch-Russischen Museum sei ein Affront, so der Botschafter. Es gab heute auch keine Grußbotschaft des Partnermuseums in Kiew.

Nach Angaben des Deutsch-Russischen Museums haben auch die baltischen Staaten keine offiziellen Vertreter zu der Gedenkveranstaltung geschickt. Die estnische Botschaft verwies auf Anfrage des ARD-Hauptstadtstudios auf andere, bereits vorher vereinbarte Verpflichtungen des Botschafters. Außerdem sei Estland zur Zeit des deutschen Überfalls 1941 von der Sowjetunion besetzt gewesen.

Geschichte nicht zur Waffe werden lassen

Steinmeier betonte, dass Geschichte nicht zur Waffe werden dürfe:

Meine Bitte ist, machen wir uns an diesem Tag, an dem wir an Abermillionen Tote erinnern, auch gegenwärtig, wie kostbar die Versöhnung ist, die über den Gräbern gewachsen ist. Aus dem Geschenk der Versöhnung erwächst für Deutschland große Verantwortung. Wir wollen und wir müssen alles tun, um Völkerrecht und territoriale Integrität auf diesem Kontinent zu schützen und für den Frieden mit und zwischen den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion zu arbeiten.

Bei allen politischen Differenzen, bei allem notwendigen Streit über Freiheit, Demokratie und Sicherheit müsse Platz sein für Erinnerung, so Steinmeier. Deshalb sei er heute gekommen. "Ich verneige mich in Trauer vor den ukrainischen, belarussischen und russischen Opfern, vor allen Opfern der ehemaligen Sowjetunion."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Juni 2021 um 14:00 Uhr.