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Missbrauchsbeauftragter zu Staufen "Die Dunkelziffer ist unwahrscheinlich groß"

Stand: 11.06.2018 18:41 Uhr

Der Fall in Staufen habe bundesweite Bedeutung, sagt der Missbrauchsbeauftragte Rörig im tagesschau24-Interview. Er fordert Konsequenzen - auch, weil sich hierzulande viele Täter im Darknet allzu sicher fühlten.

Seit seinem Bekanntwerden vor fünf Monaten sorgt der Missbrauchsfall von Staufen bundesweit für Entsetzen: Ein heute neunjähriger Junge soll mehr als zwei Jahre sexuell missbraucht worden sein. Hauptangeklagt sind die 48-jährige Mutter des Kindes und ihr 39-jähriger Lebensgefährte. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, den Jungen selbst missbraucht und im Darknet an andere Männer für Vergewaltigungen verkauft zu haben.

Nun läuft der Prozess gegen das Paar. Der Hauptangeklagte hat die Taten vor Gericht bereits eingeräumt: Die Vorwürfe der Anklage seien bis auf einige Kleinigkeiten zutreffend.

tagesschau24:  Ein entsetzlicher Fall, der vor allem eine Frage aufwirft: Warum tun Menschen so etwas - warum tut insbesondere eine Mutter so etwas? Haben Sie da eine Antwort oder einen Erklärungsversuch?

Johannes-Wilhelm Rörig:  Ich glaube, es gibt nicht den einen Grund, warum Mütter solch schreckliche Taten begehen. Kriminologisch haben wir es mit verschiedenen Täterinnen-Typen zu tun. Es sind zum einen Frauen, die tatsächlich auch pädophile Neigungen haben. Sehr oft ist es aber so, dass sie aus einem Abhängigkeitsverhältnis zu einem Mann heraus sich am Missbrauch beteiligen und da zum Beispiel Mittäterin sind.

Johannes-Wilhem Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung, zum Missbrauchsfall in Staufen
tagesschau24 15:00 Uhr

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tagesschau24: Das Fall lief über Monate. Was lief bei den Behörden falsch, dass nicht vorher eingeschritten wurde?

Rörig:  Beim Zusammenspiel zwischen Ermittlungsbehörden, Jugendamt und Familiengericht ist das Kindeswohl absolut unter die Räder gekommen. Und das ist das, was mich so besonders beunruhigt. Es ist wirklich ein Fall von bundesweiter Bedeutung - und dieser Fall muss umfassend aufgeklärt werden. Wir müssen schauen, ob es tatsächlich auch zu strukturellen Mängeln gekommen ist - beispielsweise zu großem Personalabbau, das Fehlen der notwendigen technischen Ausstattung oder auch möglicherweise das fehlende notwendige Fachwissen. Ich sehe hier das Land Baden-Württemberg in der Pflicht, die Aufarbeitung nicht nur im Regierungsbezirk Freiburg abzuladen. Ich sehe hier auch den Landesvater Winfried Kretschmann in der Pflicht, die umfassende Aufarbeitung dieses schrecklichen Falles voranzutreiben und möglicherweise auch Bundesratsinitiativen zur Frage der Richterfortbildung in Angriff zu nehmen.

tagesschau24: Warum soll sich Ihrer Meinung nach auch der Ministerpräsident einschalten?

Rörig:  Weil es ein gesamtgesellschaftliches Problem ist und weil wir aus dem Fall lernen können, was in Deutschland im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe und im Bereich des Kinderschutzes verbessert werden kann. Hier geht es ja auch um die Frage, wie es sein konnte, dass der Junge über eine elektronische Plattform über Jahre hinweg angeboten werden konnte. Es war ein Glücksfall für die Ermittlerinnen und die Ermittler, in das Darknet hineinzukommen. Wir müssen schauen, ob wir da die Instrumente schärfen - das ist sehr wichtig.

tagesschau24:  Der Fall Staufen ist ein besonders schlimmer Fall - und vor allem einer, der überhaupt bekannt geworden ist. Was schätzen Sie, wie häufig so etwas in Deutschland passiert?

Rörig:  Die Dunkelziffer ist unwahrscheinlich groß. Ich kann überhaupt nicht ausschließen, dass es solche schrecklichen Fälle nicht aktuell auch irgendwo in Deutschland, in Europa, in der Welt gibt. Ich gehe fest davon aus, dass es vergleichbare Fälle gibt. Die polizeiliche Kriminalstatistik sagt, dass das Dunkelfeld ungefähr um das Zehnfache größer ist als das sogenannte Hellfeld. Letzte Woche hat der Präsident des Bundeskriminalamtes noch einmal die Zahlen zu Missbrauchsdarstellungen im Netz genannt: Es gab mehr als 6500 Ermittlungs- und Strafverfahren wegen dieses Delikts.

tagesschau24:  Im Darknet  - jenem Teil des Internets, in dem auch der Missbrauch des Neunjährigen in Staufen organisiert wurde - hat die Polizei bislang kaum Möglichkeiten, wirklich effektiv zu ermitteln. Zum Beispiel gibt es das Problem, dass sie selbst keine Bilder online stellen darf und deshalb den pädophilen Tätern nicht wirklich auf die Spur kommen kann. Warum geht das bisher nicht?

Rörig:  Weil die Ermittlerinnen und Ermittler mittlerweile selbst eine Straftat begehen würden. Und da sind wir an der Grenze des Rechtsstaates. Hier muss eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden. Ich bin froh, dass die Justizministerkonferenz letzte Woche einen ersten Vorschlag gemacht hat. Dieser beinhaltet, dass demnächst auch Ermittler sogenannte Keuschheitsproben im Darknet vornehmen können - mit technisch hergestellten Bildern. Das wird sicherlich an der einen oder anderen Stelle die Ermittlungen erheblich erleichtern.

tagesschau24:  Keuschheitsproben - können Sie das nochmal genauer erklären?

Rörig:  Dabei muss man selbst kinderpornografisches Material vorlegen oder einstellen, um dann den Weg in das Darknet für sich selbst zu öffnen.

tagesschau24:  ... und so dann möglichen Missbrauchstätern auf die Spur zu kommen. Hat die Polizei überhaupt das nötige Know-how dafür?

Rörig: Die Polizei braucht ganz dringend bessere Software und übrigens auch mehr Personal. Wir haben einen erheblichen Personalmangel im Bereich der Ermittlungen gegen Kinderpornografie und Missbrauchsdarstellungen im Netz. Die Finanzminister und die Landesregierungen müssen sich bewusst sein, dass sie mehr Personal und bessere Technik für den Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch, gegen Sexualdelikte im Netz, zur Verfügung stellen.

tagesschau24: Nun liegen diese Bilder von Missbrauchsopfern auf Servern, die gegen Geld von privaten Firmen betrieben werden. Könnten diese Firmen nicht auch stärker in die Pflicht genommen werden?

Rörig: Ja. Es ist erforderlich, dass die sogenannten Internet-Service-Provider einer gesetzlichen Meldepflicht auch in Deutschland unterliegen, wenn Missbrauchsabbildungen in ihren eigenen Angeboten oder Applikationen zu finden sind. Eine solche Meldepflicht gibt es in den USA. Verrückterweise ist es so, dass die Ermittlerinnen und Ermittler hier beim Bundeskriminalamt hauptsächlich von den Meldungen leben, die sie aus den USA bekommen. Das waren im letzten Jahr tatsächlich 35.000 Meldungen mit Bezug auf Deutschland. Ich bin der Meinung, es würde unserem Rechtsstaat gut anstehen, wenn wir selbst Rechtsgrundlagen schaffen, um hier eine umfassende Ermittlung zu ermöglichen. Im Moment ist es so, dass sich viele Täter und Täterinnen viel zu sicher fühlen, die verspüren gar kein Verfolgungsrisiko. Das muss sich ganz dringend ändern. Wir brauchen eine Diskussion zur Vorratsdatenspeicherung zusätzlich zu der Meldepflicht. Und mein Grundsatz ist, das Datenschutz nicht über Kinderschutz stehen darf. Wir brauchen neue Konzeptionen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. Juni 2018 um 15:00 Uhr.

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