Akten der Staatssicherheit der DDR | Bildquelle: dpa

30 Jahre nach dem Mauerfall Interesse an Stasi-Akten ungebrochen

Stand: 03.11.2019 13:23 Uhr

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall lässt das Interesse der Menschen für die Akten der DDR-Staatssicherheit nicht nach. Die zuständige Unterlagenbehörde meldet Zehntausende Anträge auf Akteneinsicht.

Fast 38.000 Anträge auf Akteneinsicht - das ist die beeindruckende Zahl, die die Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin vermeldet. Sie seien in den ersten drei Quartalen des Jahres eingegangen, bestätigte ein Sprecher der Funke-Mediengruppe. Die Zahl bewegt sich damit ungefähr auf dem Niveau der Vorjahreszeiträume.

Und sie beweist: Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist das Interesse daran ungebrochen, wie das Ministerium für Staatssicherheit DDR-Bürger bespitzelte und bespitzeln ließ, die Menschen gegeneinander aufhetzte, erpresste und manipulierte.

"Schicksale aufklären"

"Es ist gut, dass auch in Zukunft alle die Möglichkeit haben, in die Stasi-Akten zu schauen", konstatiert Roland Jahn. Er ist seit 2011 Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen. "Die Einsicht kann helfen, Schicksale aufzuklären."

Im Archiv sind laut Jahn Menschenrechtsverletzungen dokumentiert, aber auch Zeugnisse des Freiheitswillens der Menschen fänden sich dort. Dem Bericht zufolge geht es in etwa jedem sechsten Fall nicht um die Einsicht in Akten des Antragsstellers selbst, sondern um Einblicke in die Akten von Angehörigen.

111 Kilometer Schriftgut umfassen die Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Hinzu kommen rund 15.000 Säcke mit zerrissenen Papieren, die die Stasi nicht mehr rechtzeitig vernichten konnte. Außerdem blieben knapp zwei Millionen Fotodokumente erhalten.

Roland Jahn, Stasi-Unterlagenbehördenchef | Bildquelle: picture alliance / Patrick Pleul
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Behördenchef Jahn begrüßt das ungebrochene Interesse an den Stasi-Unterlagen.

Aufarbeitung als gesellschaftliche Aufgabe

Jahn beklagt im Gespräch mit dem SWR, die Aufarbeitung der DDR-Geschichte sei längst noch nicht abgeschlossen. Dafür sei das Strafrecht nicht ausreichend, es seien nur wenige Verantwortliche verurteilt worden. "Es hat sich gezeigt, dass der Rechtsstaat mit der Strafjustiz zusammen den Unrechtsstaat nicht aufarbeiten kann", so Jahn. Die Aufarbeitung müsse zur gesellschaftlichen Aufgabe werden.

Mit den Parteien an den Rändern des politischen Spektrums ging Jahn hart ins Gericht. Die Linke sei die SED, die sich umbenannt habe in PDS und dann zusammen gegangen sei mit der WASG im Westen. Die Partei habe sich weiterentwickelt, das müsse man ihr zugestehen. Aber sie könne ihre Vergangenheit nicht einfach wegwischen, sondern sollte stärker zu ihrer Verantwortung stehen: "Es war eine SED-Diktatur, es war keine Stasi-Diktatur", so der frühere DDR-Bürgerrechtler.

Existenz der AfD als Zeichen der Meinungsfreiheit

Der AfD warf Jahn vor, dass sie vorgebe, es gebe heute keine Meinungsfreiheit. "Allein die Existenz der AfD, ihre öffentlichen Auftritte, sind Ausdruck von Meinungsfreiheit." Die Gleichsetzung heutiger staatlicher Willkür mit der Willkür in der DDR kritisierte er scharf: "Das ist eine Verhöhnung der Opfer der SED-Diktatur."

Im politischen Diskurs forderte Jahn mehr Respekt. Unter Bezugnahme auf Lesungen des früheren AfD-Chefs Lucke und Ex-Innenminister de Maizière, die in Hamburg beziehungsweise Göttingen verhindert oder gestört worden waren, sagte er: "Das ist eine Beschädigung unserer Demokratie." Es könne nicht sein, dass solche Veranstaltungen wegen selbst ernannter Zensoren nicht stattfinden könnten.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 03. November 2019 um 09:30 Uhr.

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