Fußballplatz | Bildquelle: imago images/MiS

Corona-Hilfen für Sportvereine Im Kampf gegen die Bürokratie

Stand: 24.10.2020 12:00 Uhr

Vielen Sportvereinen sind in der Corona-Krise die Einnahmen weggebrochen. Der Bund hat ein Hilfspaket von mehr als 200 Millionen Euro geschnürt. Doch nur ein Bruchteil wurde beantragt. Woran liegt das?

Von Pirmin Styrnol, SWR

Konfetti fliegt durch die Luft, Sekt spritzt, "We are the Champions" dröhnt aus den Hallenlautsprechern. Fünf Sportler und ihre Betreuer sind völlig aus dem Häuschen: Der Karlsruher Stadtteilverein ASV Grünwettersbach hat gerade sensationell den deutschen Tischtennis-Pokal gewonnen. Zehn Monate ist das her.

Im Oktober 2020 sieht die Realität in Grünwettersbach weniger rosig aus. Normalerweise sind die Heimspiele des ASV ausverkauft, über 400 Zuschauer passen in die Halle. Viele davon sind VIP-Gäste, die sich ihr Ticket 40 Euro kosten lassen. Wegen Corona ist die Hallenauslastung aber zur Zeit auf 100 Plätze begrenzt.

Tausende Euro Verlust

So bleiben wichtige Einnahmen auf der Strecke. Rund ein Drittel des Gesamtbudgets erwirtschaftet der Verein an Heimspieltagen. "Selbst wenn man annimmt, dass ein Ticket nur zehn Euro kostet, ist das pro Spiel ein Verlust von mehreren Tausend Euro", erklärt ASV-Manager Martin Werner.

Hinzu kämen fehlende Einnahmen aus der Bewirtung der Zuschauer. Mit bis zu 7000 Euro Verlust pro Spieltag kalkuliert der Verein derzeit. Zahlen, die im Vergleich zu größeren Sportarten niedrig erscheinen, "aber für uns sind diese Summen tatsächlich horrend", so Werner.

Die Aufbruchstimmung aus dem Januar ist im 4000-Einwohner-Örtchen Grünwettersbach längst verflogen. Die Zukunftsangst ist spürbar. "Natürlich haben wir Existenzängste, das ist ganz klar", gibt Werner offen zu: "Wir wissen nicht, ob wir diese Saison überstehen und ob wir nächstes Jahr noch erste oder zweite Liga spielen können."

Und das, obwohl es sportlich erfolgreich weitergeht: Der ASV Grünwettersbach steht auf Platz zwei in der Liga. Doch fehlende Einnahmen wegen Corona drücken aufs Budget - auf lange Sicht könnte das die Lizenz gefährden.

Spieler des SV Grünwettersbach | Bildquelle: SWR
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Karlsruher Stadtteilverein ASV Grünwettersbach: Die Aufbruchstimmung aus dem Januar ist verflogen.

Staat stellt 200 Millionen Euro Hilfsgelder bereit

Ähnlich wie dem ASV Grünwettersbach geht es derzeit vielen deutschen Vereinen aus dem professionellen und semiprofessionellen Sport. Um den drohenden Insolvenzen in Deutschlands Top-Ligen entgegenzutreten, beschloss der Haushaltsausschuss des Bundestages bereits im Juli Überbrückungshilfen in Höhe von 200 Millionen Euro.

Antragsberechtigt waren Profi- und Halbprofi-Vereine, die aufgrund von Corona unter Verlusten beim Ticketverkauf leiden mussten - ausgenommen die Fußball-Clubs der Bundesliga und 2. Bundesliga. Doch die unbürokratisch versprochene Hilfe scheiterte an der Realität. Die Auflagen waren für viele Vereine nicht umsetzbar.

"Das ist ja ein Pamphlet"

Es musste nachjustiert werden. Jetzt gibt es den zweiten Anlauf mit aktualisierten Auflagen. Noch bis zum 31. Oktober können sich die Vereine aus den oberen Spielklassen für eine Förderung bewerben. Ausbleibende Sponsoreneinnahmen oder Verluste in der Gastronomie werden zwar nicht ausgeglichen, dafür aber 80 Prozent der fehlenden Ticket-Einnahmen im Vergleich zur Vorsaison. Bis zu 800.000 Euro pro Verein sind möglich.

Der ersten Erleichterung folgte bei vielen Vereinen aber Ernüchterung: "Das ist ja ein Pamphlet", sagt Martin Werner mit Blick auf die 17-seitige Billigkeitsrichtlinie des Innenministerium: "Wenn man nicht vom Fach ist, dann ist das Spanisch." Die Antragstellung könne aber ohnehin ausschließlich durch einen "vom Antragsteller beauftragten Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, vereidigten Buchprüfer oder Rechtsanwalt erfolgen", heißt es in den Richtlinien. Für große Vereine aus der Handball-Bundesliga oder der DEL (Deutsche Eishockey Liga) kein Problem, für kleinere Vereine jedoch bereits die erste Hürde.

Dankbarkeit und Frust

Rund eine Woche vor Fristende haben viele Vereine den Antrag noch gar nicht gestellt. Zu umständlich erscheint ihnen das Verfahren. Zur Dankbarkeit für die zur Verfügung gestellten Gelder gesellt sich zunehmend Frust über die Hürden der Bürokratie. Für eine Beantragung müssen unter Anderem die Verluste bis Dezember kalkuliert werden.

Schwierig, bei ständig wechselnden Corona-Schutzbestimmungen und variierenden Fallzahlen. "Niemand will falsche Zahlen angeben und auf der Mission 'Rettung des eigenen Vereins' in rechtlich unsichere Gewässer geraten", gibt Thomas Stecher vom Tischtennisbundesligisten Post SV Mühlhausen zu bedenken. Denn bei einer falschen Kalkulation droht nicht nur eine Rückzahlung, sondern auch eine Klage wegen Subventionsbetrugs.

Erst 36,5 Millionen Euro beantragt

Die bürokratischen Hürden wiegen schwer. Bislang wurden lediglich 36,5 Millionen aus dem 200 Millionen schweren Fördertopf beantragt. Nur 135 Vereine haben überhaupt einen Antrag gestellt. Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Handball Bundes (DHB), Mark Schober, warnt jedoch vor voreiligen Schlüssen. Er gehe davon aus, dass der Großteil der Vereine und Verbände die Hilfen noch beantragen werde: "Auch wir als Deutscher Handballbund werden das tun. Aber auch unser Antrag wird erst am 31. Oktober rausgehen, denn es ist ja noch Zeit." Grundsätzlich sehe er das Verfahren positiv.

Dennoch wird deutlich: Unbürokratisch ist die Hilfe nicht. In Grünwettersbach hat man Glück. Der eigene Steuerberater ist gleichzeitig Vereinsmitglied und ein großer Tischtennis-Fan. Bis zum 31. Oktober will auch der ASV einen Antrag einreichen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Oktober 2020 um 19:15 Uhr.

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