Claas Relotius | Bildquelle: picture alliance / Eventpress

Betrugsskandal Ex-"Spiegel"-Journalist gibt Preise zurück

Stand: 20.12.2018 22:50 Uhr

Der zahlreicher Fälschungen überführte "Spiegel"-Journalist Relotius gibt seine vier deutschen Reporterpreise zurück. Damit kam er einer möglichen Aberkennung zuvor. Medienkollegen sind entsetzt über den Fall.

Der Journalist Claas Relotius hat seine vier Deutschen Reporterpreise zurückgegeben. Das teilte die Jury der vom Deutschen Reporterforum vergebenen Auszeichnung in Hamburg mit. Er habe sich per SMS gemeldet und sich entschuldigt. Der 33-Jährige kam damit einer möglichen Aberkennung zuvor. Die Jury beriet seit Mittwoch über Konsequenzen.

Für seine Reportage über einen syrischen Flüchtlingsjungen hatte der 33-Jährige den Deutschen Reporterpreis 2018 erhalten. Auch 2013, 2015 und 2016 war Relotius damit ausgezeichnet worden. Zusätzlich erhielt er weitere Preise - nationale und internationale. Der Nachrichtensender CNN International aberkannte zwei Auszeichnungen für Relotius. Am Mittwoch gab die Ulrich-Wickert-Stiftung bekannt, dass Relotius der Peter-Scholl-Latour-Preis aberkannt werde.

Seit 2011 für den "Spiegel" gearbeitet

Am Mittwoch hatte der "Spiegel" bekannt gemacht, dass Relotius Texte im Magazin gefälscht habe. Er habe "mit Vorsatz, methodisch und hoher krimineller Energie getäuscht". Relotius schrieb für den Verlag seit 2011.

Aufgedeckt wurden die Fälschungen durch Juan Moreno, der zu Relotius Geschichte "Jaegers Grenze" über eine amerikanische Bürgerwehr recherchierte und Ungereimtheiten bemerkte. Er erzählt im Interview mit dem "Spiegel": "Es waren am Anfang kleine Fehler, die mir auffielen, kleine Dinge, die ich unglaubwürdig fand." Dann habe er vor Ort mit Leuten der Bürgerwehr gesprochen und festgestellt, dass Relotius niemals vor Ort gewesen war. "Menschen sind Menschen. Und Journalisten sind Menschen. Man kann sich täuschen in Menschen", das habe er daraus gelernt. Er und seine Kollegen hätten Relotius zuvor als "fantastischen, bescheidenen Kollegen eingeschätzt".

Umfassende Aufarbeitung angekündigt

Der "Spiegel" kündigte eine umfassende Aufarbeitung an. Das Ausmaß der Fälschungen sei bisher noch unklar. Die verlagseigenen Qualitätssicherungs- und Kontrollmechanismen sollten auf den Prüfstand gestellt werden. Das bisherige System sei "lückenhaft".

Es sei richtig, den Skandal um manipulierte Reportagen des Reporters Relotius schonungslos aufzuklären, erklärte der Medienjournalist Stefan Niggemeier gegenüber dem SWR. Wichtig, so Niggemeier, sei allerdings, auch interne Versäumnisse aufzuarbeiten, die Manipulationen möglicherweise begünstigt hätten. Momentan habe er noch etwas das Gefühl, die Schonungslosigkeit betreffe vor allem den Journalisten, dessen Verhalten jetzt verurteilt werde.

Spiegel-Verlagshaus in Hamburg | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER
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Das Spiegel-Verlagshaus in Hamburg

Der Medienwissenschaftler Horst Röper lobte das Vorgehen des Magazins als vorbildlich. Der transparente Umgang mit dem Betrug sei absolut richtig und notwendig, da die Glaubwürdigkeit des Magazins "mehr als angekratzt" sei, sagte Röper dem HR. "Dadurch gewinnt der 'Spiegel' nun wieder an Glaubwürdigkeit, weil er sehr offenlegt, was los ist, ohne dass die Redaktion ja jetzt schon das gesamte Ausmaß kennt", erklärte der Geschäftsführer des Dortmunder Formatt-Instituts für Medienforschung und Medienökonomie. "Ich würde mir wünschen, dass alle mit dem Fall so umgehen wie der 'Spiegel'."

Untersuchungen auch durch andere Medien

Neben dem "Spiegel" schrieb Relotius auch für die "Süddeutsche", den "Tagesspiegel", die "Neue Züricher Zeitung am Sonntag", den "Cicero", die "Financial Times Deutschland", die "tageszeitung", die "Welt" und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Viele der Medien kündigten inzwischen an, die veröffentlichten Artikel von Relotius zu überprüfen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. Dezember 2018 um 12:45 Uhr.

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