Kommentar

SPD-Kandidatensuche Heillos überfrachtet

Stand: 14.08.2019 17:38 Uhr

Schwan ist klug, Stegner kampferprobt - aber sind sie in der Lage, die verunsicherte SPD zu bändigen? Durch die Erwartung, dass ein Duo die SPD führen soll, hat die Partei die Suche unnötig überfrachtet.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Eine Denkerin und eine Dampfwalze. 76 und fast 60 Jahre alt. Das ist das neue Bewerberduo der SPD: Gesine Schwan und Ralf Stegner. Die Konkurrenz zerreißt sich das Maul: CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak twittert: "Stegner hat nun doch eine Frau gefunden. Wenn beide noch den Kevin (Kühnert, meint er) adoptieren, könnten wir eine Neuauflage von 'Eine schrecklich nette Familie' aufführen".

Autsch, der Spott trieft. Antwort der SPD, ebenfalls vom Generalsekretär, Lars Klingbeil: "Sehr halbstark, Paul. Verächtlich über Menschen reden, die sich engagieren. Aber wenigstens hört man überhaupt mal wieder was von dir!" Dieser "Battle" der Generalsekretäre zeigt, so klar wie traurig, wohin das Rennen um den SPD-Vorsitz immer mehr abrutscht: in Richtung Satire. In Richtung hilfloses "Wir wissen nicht weiter, aber das mit voller Kraft!"

Schwan - beileibe keine Witzfigur

Nun ist Schwan zwar beileibe keine Witzfigur. Sie ist eine kluge Frau, war Bundespräsidentenkandidatin, leitet die SPD-Grundwertekommission. Aber hat sie Nähe zu Bürgern, kann Menschen gewinnen, und gleichzeitig eine komplizierte Partei bändigen? Und Stegner, Mister "Mundwinkel runter"? Auch er, keine Frage, ein ehrenwerter Kandidat. Hoch erfahren, endlich einer aus der Parteiführung, ein Vize, der sich vorwagt. Aber einer, der die SPD aus dem Schlamassel ziehen kann, in dem sie bis zum Kinn steckt?

Stegner hat sich bisher eher als eine Art deftiges Kampfschwein der Sozialdemokratie bewiesen, als konstruktiv in deren Zukunft zu weisen. Die SPD leidet nicht nur unter Mutlosigkeit in der Führungsetage. Sie hat auch - Andrea Nahles dürfte das in ihrem erzwungenen Ruhestand fast freuen - ein Frauenproblem. Nach der so erbittert gemobbten und schnell geschassten Chefin folgt - die gähnende Leere.

Wo es vielleicht noch Männer gäbe, Generalsekretär Klingbeil, Niedersachsens Innenminister Pistorius, vielleicht doch noch Sozialminister Heil - da ist die Damenwahl kompliziert. Manuela Schwesig klebt an der Küste. Franziska Giffey hat ein Doktorarbeitsproblem. Katarina Barley ist gerade nach Brüssel umgezogen.

Hohe Erwartungen geweckt

Dann also auf, mit Gesine Schwan? Die SPD hat ihre Vorsitzsuche heillos überfrachtet. Durch die Erwartung, jetzt müsse es bitteschön ein Duo richten. Mann und Frau, Ost und West, möglichst auch noch jung und alt? Und dann das Schaulaufen mit 23 Regionalkonferenzen, wo sich die wirklich Nominierten dann vorstellen sollen. 23!

Der CDU haben acht Bewerber-Meetings gereicht. Die Genossen machen dreimal so viele. Das ist zwar hoch basisdemokratisch, genau wie die Abstimmung aller Mitglieder. Aber zeugt auch von Angst, selbst Führung zu zeigen. Wer will durch eine solche Mangel gehen? Für eine Zwölf-Prozent-Partei?

Aber genau das brauchen die Genossen jetzt dringender denn je. Auf Generalsekretär Ziemiaks Tweet haben Hunderte geantwortet. Einer schreibt: "Im Gegensatz zu dir besitzt 'Eine schrecklich nette Familie' Kultstatus und ist auch heute noch ein Hit... auch bei den Jüngeren!". Vielleicht gibt es ja doch Hoffnung für die SPD.

Kommentar: Die Denkerin und die Dampfwalze - autsch, SPD!
Angela Ulrich, ARD Berlin
14.08.2019 16:57 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR5 am 15. August 2019 um 08:16 Uhr.

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